«Ich bin kein Absturz»

Der 19-jährige Patrick Helfer ist auf seinem Ausbildungsweg schon zwei Mal gescheitert. Sein grosses Ziel – das Jurastudium – verlor der Lysser trotzdem nicht aus den Augen.

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Patrick Helfer ist kräftig gebaut. Der 19-Jährige mit dem freundlichen Blick und der ruhigen Stimme macht einen zufriedenen Eindruck. Nichts weist darauf hin, dass Patrick noch im Frühling sehr krank war. Ihn plagten unter anderem schwere Cluster-Kopfschmerzen. Dies ist eine Art von extremen Kopfschmerzen, die in Schüben jeweils eine Kopfseite befällt.

Es ging dem Jugendlichen so schlecht, dass er das Gymnasium Biel nach dem ersten Jahr wieder verlassen musste: Patrick hatte wegen Abwesenheit in verschiedenen Proben eine Eins erhalten. «Der Rektor schmiss mich raus, obwohl ich mit Arztzeugnis krankgeschrieben war. Das fand ich nicht fair.» Da er via Prüfung direkt in die Tertia eingestiegen war, war er von Beginn weg nur provisorisch aufgenommen.

Vater: kein Verständnis für Lehrabbruch

Der Gymnasium-Rauswurf war nicht Patricks erstes Abweichen vom klassischen Ausbildungsweg. Seine Lehre als Zimmermann brach er nach dem ersten Lehrjahr ab. Die Ausbildung hatte er in Kallnach nahe seinem damaligen Wohnort Münteschmier im Berner Seeland begonnen.

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«Oh mein Gott, aus dir wird nichts», hört Patrick darum immer wieder, vor allem in «ländlichen Gegenden», wie er sagt. Unter Patricks Kritikern ist auch sein Vater: «Zu ihm habe ich keinen Kontakt mehr. Er versteht meine Lebensentscheidungen überhaupt nicht.» Der Vater sei der Meinung gewesen, dass er mindestens noch ein weiteres Lehrjahr hätte absolvieren sollen. «Aber wenn man das zweite abschliesst, macht man auch das dritte», so der Jugendliche. Nun glaube der Vater, dass er bei der Erziehung versagt habe und Patrick so vom rechten Weg abgekommen sei.

Mit Erwachsenen im Gymnasium

Doch für Patrick ist klar: «Ich bin kein Absturz. Ich verfolge konsequent mein Ziel.» Er will nämlich die Maturität erlangen. Ans normale Gymnasium möchte er nicht mehr zurück, der Altersunterschied zu seinen Mitschülerinnen und Mitschülern war ihm zu gross. Darum besucht er nun das Erwachsenengymnasium in Bern.

Nebenbei arbeitet er Teilzeit im Kaufhaus Manor in Biel. «Dort bin ich das Mädchen für alles.» So kann es auch einmal vorkommen, dass Patrick Kundinnen und Kunden in Sachen Damenkonfektion berät. Auch gesundheitlich geht es Patrick wieder gut, er machte Diät, um gesund zu werden: «Ich habe im letzten Jahr mehr als 20 Kilogramm abgenommen.»

Mutter und Kufa geben Sicherheit

Es gibt Menschen, die Patricks Weg nicht verstehen. Und es gibt solche, die ihn sehr unterstützen. Seine Mutter und die zwei Geschwister stehen hinter ihm: «Sie sehen, ich gebe mir Mühe, ich habe noch nie nichts gemacht». Mit ihnen ist Patrick nach seinem Lehrabbruch zuerst nach Täuffelen und nun vor knapp einem Jahr nach Lyss gezogen. «Meine Mutter unterstützt mich, wo sie kann.» Sie habe jedoch nie das Gymnasium besucht. «Diese Welt ist neu für sie.»

Auch in der Kulturfabrik (Kufa) in Lyss hat er schnell Anschluss gefunden. «Die Kufa ist wie eine grosse Familie.» Der Ausgang sei dort manchmal fast wie eine WG-Party. Patrick gefällt auch, dass er sich selber engagieren und Verantwortung übernehmen kann. An der Garderobe verdient er sich manchmal einen weiteren Zustupf für sein Portemonnaie. Doch auch ehrenamtlich ist er in der Kufa tätig. Manchmal kocht er für die Bands oder ist als Stagehand – Handlanger für Instrumente und Technik auf der Bühne – im Einsatz.

Recht hilft – auch in der Politik

Nach der absolvierten Mittelschule will Patrick Recht studieren. «Ich habe ein kleines Helfersyndrom. Darum passt Jura gut zu mir.» Der Jugendliche unterstützt andere, ohne dass er erwartet, dass ihm geholfen wird. «Plötzlich kommt dann doch Hilfe zurück. Meistens von Personen, von denen man es nicht erwartet hätte.» Patricks Politpläne sind ein weiterer Grund für sein Jurastudium: «Recht und Politik passt gut zusammen.» Bei den Jungfreisinnigen Biel-Seeland ist er kürzlich Co-Präsident geworden. Zudem engagiert er sich in der Eidgenössischen Jugendsession. 200 Jugendliche tagen bei diesem Anlass jeweils im Bundeshaus und erarbeiten selbstständig politische Vorstösse.

Nächstes Jahr will Patrick für das Lysser Stadtparlament kandidieren. Und dann später auch für den bernischen Grossen Rat und den Nationalrat. Seine liberale politische Einstellung stehe in keinem Widerspruch zu seinem verlängerten Ausbildungsweg: «Das Erwachsenengymnasium ist halbprivat. Ich bezahle grosse Teile meiner Ausbildung nun selber. Das ist gut so.» (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 28.01.2016, 06:43 Uhr)

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#blackboxjugend

Das mit der Jugend ist eine merkwürdige Sache. Früher oder später rutscht man hinein. Und wenn sie überstanden ist, gehört sie für immer der Vergangenheit an. Manche zeigen dann Schwierigkeiten loszulassen, andere sind froh, die Adoleszenzphase endlich abgeschlossen zu haben.

Doch egal, wie die Jugendzeit verbracht wurde, eines bleibt: Erinnerungen. An diesen werden die nachrückenden Generationen unweigerlich gemessen und bewertet. Missverständnisse sind dabei unumgänglich. Egal wie jung geblieben man sich fühlt, der Anschluss an die Jugend ist schnell verloren. Plötzlich versteht man nicht mehr so recht, über was die da reden, man wundert sich über Hobbys und Frisuren. Gleichzeitig geistern vielen noch die glorifizierten Bilder der eigenen Jugend im Kopf herum. Im Vergleich mit der heutigen Jugend tun sich da schnell Gräben und Unverständnis auf.

Um Dinge zu erklären, die vielleicht gar nicht verstanden werden können, wird gerne auf die Statistiken zurückgegriffen. So auch, wenn es um die Jugend geht. Das jährlich erscheinende Jugendbarometer soll zeigen, wie die Jugend so tickt. 2015 war hier beispielsweise zu entnehmen, dass die Jugend eher Nein zu Drogen sagt, Geld auf die Seite legt und Karriere machen will.

Doch wer sind die Menschen hinter den Zahlen? Wie leben sie? Was beschäftigt sie? Und fühlen sie sich überhaupt verstanden? Um einen Einblick in das Leben der heutigen Jugend zu gewinnen, haben wir einen Aufruf gestartet. Menschen zwischen 15 und 20 Jahren aus Bern und Umgebung haben sich gemeldet. Zehn davon haben wir getroffen und mit ihnen über ihren Alltag gesprochen.

Sie sind uns im Video Rede und Antwort gestanden und haben uns einen Einblick in ihr Fotoalbum gewährt. Zehn Tage lang publizieren wir je ein Porträt, welches Sie vielleicht überrascht, womöglich den Kopf schütteln lässt oder ganz einfach nur um ein paar Jahre zurückversetzt.

Das Dossier: www.jugendserie.derbund.ch

Mitreden auf Twitter: #blackboxjugend

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