Bern

Hier werden schwach radioaktive Medikamente hergestellt

Von Martin Zimmermann. Aktualisiert am 13.01.2012

Nach einer Bauzeit von rund 20 Monaten ist auf dem Gelände des Inselspitals ein Isotopen-Neubau eröffnet worden. Hier produzieren Spezialisten schwach radioaktive Medikamente für Krebspatienten.

1/8 Auf dem Gelände des Berner Inselspitals ist nach einer Bauzeit von rund 20 Monaten ein Isotopen-Neubau eröffnet worden. Im sogenannten SWAN-Haus produzieren Spezialisten schwach radioaktive Medikamente für Patienten, die an Krebs erkrankt sind.
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Mit Isotopen auf Krebsjagd

Wo im Körper verstecken sich die Krebszellen? Die Antwort auf diese Frage ist für eine erfolgreiche Krebstherapie zentral, erlaubt sie doch eine möglichst wenig belastende Behandlung des Patienten. Die Suche nach den Übeltätern lässt sich laut Nuklearmedizin-Professor Thomas Krause von der Universität Bern mit der Fahndung nach einem Verbrecher vergleichen: «Die Polizei versucht in den TV-Krimis das Funksignal seines Handys zu orten.» Auf den menschlichen Körper übertragen, heisst das: Dem Patienten wird eine Traubenzuckerlösung verabreicht, die mit einem schwach radioaktiven Stoff wie Fluor-18 versetzt wurde. Aufgrund ihres Stoffwechsels nehmen die Krebszellen grosse Mengen dieses radioaktiven Zuckerwassers auf und strahlen deshalb besonders stark. Sie sind für Messgeräte nun gut zu orten. Die Krebstherapie funktioniert ähnlich: Die Zellen des Tumors nehmen so lange radioaktive Substanzen auf, bis sie sich selbst zerstören. Der Rest des Körpers wird dabei weniger stark belastet als der Krebs selbst. Radioaktive Strahlung wird insbesondere bei Schilddrüsen- oder Prostatakrebs erfolgreich angewendet.

Am häufigsten kommt in der Krebsmedizin das Isotop Fluor-18 zum Einsatz. Vereinfacht ausgedrückt, handelt es sich dabei um eine radioaktive Unterart des Fluor-Atoms. Dessen Herstellung erfolgt in Zyklotronen. In den riesigen Maschinen werden Wasserstoffatome so lange beschleunigt, bis nur noch der Atomkern, das Proton, übrig bleibt. Mit diesen Protonen wiederum wird ein Sauerstoff-Isotop bombardiert, wodurch das Fluor-18 entsteht.

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Der Einsatz von schwach radioaktiven Medikamenten bei Krebserkrankungen ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Weil ihre Halbwertszeit bloss einige Stunden bis wenige Tage beträgt, müssen sie dem Patienten schnellstmöglich verabreicht werden. Eine Lagerung ist nicht möglich. Ab diesem Sommer will das Berner Inselspital im sogenannten Swan-Isotopen-Haus diese Medikamente nun auf dem Spitalareal selbst herstellen – sowohl zum Eigengebrauch wie auch für den Versand an andere Krankenhäuser. Aus Mangel an Schweizer Produktionskapazitäten mussten die meisten Spitäler hierzulande diese Medikamente bisher nämlich mit grossem Aufwand aus dem Ausland importieren.

Nach einer Bauzeit von 20 Monaten stellten die Projektverantwortlichen das Isotopen-Haus gestern den Medien vor. Das Gebäude samt den komplexen Apparaturen im Innern ist zwar weitgehend fertiggestellt. Laut Swan-Direktorin Konrade von Bremen wird es aber aus Sicherheitsgründen noch mehrere Monate dauern, bis das Spital eine Betriebsbewilligung zur pharmazeutischen Produktion der Medikamente erhält. Zuerst müsse die Infrastruktur gründlich getestet werden.

Ein 20 Tonnen schweres Herz

Überhaupt: Sicherheit wird im 25 Millionen teuren Bauwerk grossgeschrieben. Das Herzstück der Anlage beispielsweise, das Zyklotron im Untergeschoss, wo die radioaktiven Isotope hergestellt werden (siehe Kasten), ist von zwei Meter dicken Bleiwänden umgeben. Selbst die Tür zum bunkerartigen Raum besteht aus einem rund 20 Tonnen schweren Bleiklotz, der auf Schienen bewegt wird. Die Produktion der Isotope in der zylinderförmigen Maschine – sie wiegt ebenfalls über 20 Tonnen – wird im Normalbetrieb nur gestattet sein, wenn dieser Stein zuerst vor die sprichwörtliche Höhle gerollt wurde.

Auch die Labors ein Stockwerk über dem Zyklotron sind mit Blei ausgekleidet. Hier soll künftig das Insel-Personal die radioaktiven Stoffe zu Medikamenten verarbeiten. Studenten der Universität Bern können zudem physikalische und pharmazeutische Experimente durchführen. Die sterilen, in Silber und Weiss gehaltenen Räume werden während des Betriebs durch Luftschleusen von der Umwelt abgeschottet. Für die versammelte Journalistenschar sind sie an diesem Vormittag noch ein letztes Mal frei begehbar. Bald wird man sie nur noch in speziellen Schutzanzügen betreten dürfen.

In den holzofengrossen Bleikammern, in denen die Substanzen gemischt werden sollen, montieren Techniker noch die letzten Kabel und Leitungen. An den Wänden der Labors lassen bereits funktionsfähige Strahlenmessgeräte sporadisch ein Piepsen ertönen – Radioaktivität liegt in der Luft. «Das ist lediglich normale Hintergrundstrahlung, wie man sie überall antrifft», sagt Thomas Krause, Direktor der Berner Universitätsklinik für Nuklearmedizin, beruhigend. «Im Gebäude befinden sich noch keine radioaktiven Stoffe.»

«Führende Position» sichern

Im Swan-Haus werden allerdings nicht bloss Medikamente hergestellt, sondern auch direkt verabreicht: In den beiden obersten Stockwerken des fünfstöckigen Gebäudes befinden sich eine Palliativstation für Schwerstkranke sowie eine neue nuklearmedizinische Abteilung. Unter der Leitung von Nuklearmediziner Krause werden hier ab Anfang Februar bis zu zehn Krebspatienten mit radioaktiven Medikamenten behandelt.

Bereits heute lassen sich in der Insel jährlich 1000 Patienten mit Schilddrüsen-Tumoren behandeln. Dank der neuen Station soll die Position des Inselspitals als schweizweit «führendes Kompetenzzentrum» auf diesem Gebiet langfristig gesichert werden, wie es in einer Mitteilung der Betreiberin Swan Isotopen AG heisst – bei der Firma handelt es sich um eine Tochtergesellschaft des Inselspitals und der Universität Bern.

Patienten bis zu 14 Tage isoliert

Wegen der Strahlenbelastung müssen die Patienten zwischen drei und vierzehn Tagen in der Abteilung bleiben; der Kontakt untereinander und zur Aussenwelt ist dabei stark eingeschränkt. Die verseuchte Bettwäsche und die Abwasser müssen gar über Monate in Abklingräumen gelagert werden, bis sich die Rückstände der strahlenden Substanzen zersetzt haben. «Unsere Patienten sollen sich durch die Technik nicht bedroht fühlen und einen möglichst angenehmen Aufenthalt haben», sagt Krause. Die allgegenwärtigen Bleiplatten seien hier deshalb überall in den Wänden und Decken versteckt, die Zimmer seien geräumig und hell. Ein Novum für eine nuklearmedizinische Abteilung sind übrigens die Duschen. Sie wurden im Swan-Haus mit Bewegungssensoren ausgestattet – herkömmliche Badezimmer sind für Strahlungspatienten tabu, weil sie die Armaturen verstrahlen würden. (Der Bund)

Erstellt: 12.01.2012, 15:03 Uhr

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