«Hie wird nid Velo gfahre!»

In Bern kommen sich Fussgänger und Velofahrer vielerorts in die Quere. Kürzlich wurde eine Velofahrerin gar tätlich angegriffen. Pro Velo fordert von der Stadt bessere Beschilderung und mehr Aufklärung.

Erlaubt oder nicht? Mit dem Velo über das Trottoir beim Hirschengraben.

Erlaubt oder nicht? Mit dem Velo über das Trottoir beim Hirschengraben. Bild: Valérie Chételat

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Treffpunkt, Bahnhof Bern, es ist Donnerstagmorgen. Eine junge Frau benützt ihr Velo als Trottinett: den einen Fuss auf dem Pedal, mit dem anderen stösst sie sich vom Boden ab. Sie ist im Stress, will unbedingt noch den Zug erwischen.

Das habe einem Pendler, «ungefähr sechzig, mit kurzem grauem Haar», gar nicht gepasst, schreibt die 30-jährige Frau, die lieber anonym bleiben möchte, in einer Zuschrift an den «Bund». Der Mann habe sie – damals, vor rund drei Wochen – am Arm gepackt, angeblafft («Hie wird nid Velo gfahre!»), vom Rad gerissen und sei schliesslich einfach weggelaufen. Ihr Knie hielt dem Aufprall nicht stand: Sie geht nun an Krücken, musste die Wanderferien absagen und «Biken kann ich eine Weile nicht mehr», schreibt sie. – Sie hat Anzeige erstattet.

Die Dunkelziffer

Flächen, die sowohl Velofahrer als auch Fussgänger benützen, bergen Konfliktpotenzial. Dessen ist sich auch die Stadt Bern bewusst, die jährlich 1,25 Millionen Franken für den Fuss- und Veloverkehr ausgibt. Ein tätlicher Angriff, wie er der 30-jährigen Frau im Bahnhof widerfuhr, sei jedoch höchst aussergewöhnlich, sagt Roland Pfeiffer, Leiter der zuständigen Fachstelle der Stadt Bern. Eine aussagekräftige Statistik gebe es dazu allerdings keine. «Einfach deshalb, weil solche Zusammenstösse kaum je der Polizei gemeldet werden», sagt Pfeiffer. Von einer gewissen Dunkelziffer müsse man aber wohl ausgehen.

Uneinig punkto Hirschengraben

Die 30-jährige Frau hätte ihren Zweiräder im Bahnhof stossen müssen, so schreibt es das Bahnhofsreglement vor. Andernorts in der Stadt haben sich die Fussgänger den Beton indes ganz offiziell mit den Velofahrern zu teilen. Viele Fussgänger fühlten sich dort gefährdet, sagt der Leiter der städtischen Fachstelle für Fuss- und Veloverkehr. Das sei beispielsweise bei der Tramhaltestelle Helvetiaplatz der Fall. «Da sind aber Verbesserungen geplant», so Pfeiffer.

In die Quere kommen sich Velofahrer und Fussgänger bisweilen auch auf der Thunstrasse, dem Kornhausplatz und in der Aarbergergasse, wo es für Velos zum Teil kaum ein Durchkommen gibt. Ein weiterer Hotspot ist der Hirschengraben. Hier sind sich nicht einmal die Experten einig, auf welchen Flächen sich ein Velofahrer bewegen darf.

Stefan Jordi, Präsident von Pro Velo Bern und SP-Stadtrat, gibt drei Routen an, wie ein Velo vom Bubenbergplatz über den Hirschengraben Richtung Monbijou fahren darf: auf dem gelben Radstreifen links des kleinen Parks, dort, wo die Trams verkehren, und schliesslich auch über den grossen Fussgängerbereich. «Nein, das Trottoir sollten die Velos eigentlich nicht passieren», sagt hingegen Pfeiffer von der Stadt. Rein rechtlich sei es zwar möglicherweise eine Grauzone, dort durchzufahren, doch sei es weder klug noch sinnvoll. Leider aber gebe es immer wieder unvernünftige Velofahrer und Velofahrerinnen.

«Noch viel Arbeit für die Stadt»

Jordi von Pro Velo sieht die Wurzel des Konflikts in erster Linie bei der mangelnden Beschilderung und Information. «Hier hat die Stadt noch viel Arbeit vor sich.» Oftmals sei den Fussgängerinnen und Fussgängern gar nicht bewusst, dass sie sich manche Plätze und Trottoirs mit den Velofahrern teilen müssen. So fühlten sich manche durch Zweiräder erst recht bedroht und glaubten, die Lenker zurechtweisen zu müssen.

Pfeiffer widerspricht: Die Stadt Bern unternehme viel. Beim Hirschengraben beispielsweise habe man nach der Markierung des neuen Velostreifens 5000 Flugblätter verteilt, Schilder aufgestellt und die Leute persönlich auf die Verkehrsführung aufmerksam gemacht.

Einig sind sich Jordi von Pro Velo und Pfeiffer von der Stadt in einem Punkt: «Velos gehören wenn immer möglich auf die Strasse, nicht aufs Trottoir.»

Schnellere Velos, mehr Probleme

In der Stadt Bern entscheiden sich immer mehr Leute für das Velo. 100 000 Fahrräder stehen in Berns Hauseingängen und Unterständen; über 5000 Velos überqueren täglich den Bahnhofplatz. Und die Velos, lies: die E-Bikes, werden immer schneller. Der Konflikt wird sich in Zukunft eher zuspitzen als entschärfen. Das weiss auch Pfeiffer: «Wir setzen weiter auf Aufklärung», sagt er. «Es ist die Vernunft aller gefragt.»

Und die 30-jährige Frau, die neulich vom Rad gerissen wurde? «Unten im Bahnhof steige ich sicher nicht so schnell wieder aufs Velo», sagt sie. «Es war mir eine Lehre.» Zudem hofft sie, dass sich der Pendler – «ungefähr sechzig, mit kurzem grauem Haar» – bald bei ihr oder der Polizei melden wird. «Denn Körperverletzung gehört sich auch nicht.» (Der Bund)

(Erstellt: 23.07.2012, 07:00 Uhr)

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