«Hie YB – hie Bärn»

Als es in der Stadt Bern noch ein packendes Fussballderby gab – die Berner Fussballwelt um 1900 aus der Sicht eines Jugendlichen.

Die erste Mannschaft des FC Bern in einer Aufnahme aus dem Jahr 1923.

Die erste Mannschaft des FC Bern in einer Aufnahme aus dem Jahr 1923. Bild: Archiv SFV

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Der Fussball als moderner, aus England importierter Mannschaftssport, hat sich in Bern bereits in den späten 1880er-Jahren etabliert. Im Jahr 1894 gründeten vorwiegend Ärzte und weitere Akademiker um Dr. med. Friedrich Schenk, der zugleich Turner und Bundesratssohn war, den FC Bern. Fussball galt im Fin de Siècle» zumindest innerhalb der älteren Generation der Arbeiter, kleinen Angestellten, Handwerker und Kleinbürger noch als exklusiver «Herrensport».

Die meist schon älteren, etwas behäbigen Akademiker des FC Bern trainierten auf dem Kasernenareal, um später auf den Kirchenfeldplatz zu wechseln. Zwei Beobachter besuchten Zürich, um dort die fortgeschrittene Spielkultur der bereits seit 1886 im institutionellen Rahmen kickenden Grasshoppers zu erkunden.

Der Vorstand gewährte einigen spielstarken Gymnasiasten gewisse Freiheiten in einer Schülermannschaft, bald aber kam es zu starken Differenzen, sodass im Jahre 1898 ein Grossteil der Schüler austrat, um den FC Young Boys zu gründen. Beide Berner Clubs waren in der Pionierzeit des Schweizer Fussballs bis zum Ersten Weltkrieg 1914 sehr erfolgreich, was die Rivalität weiter beflügelte.

Während der FC Bern den Meistertitel gleich mehrmals knapp verpasste, gewann YB auf dem eigenen «Spitalacker-Platz» von 1909 bis 1911 drei Titel in Serie. Die sportlichen Rivalitäten bei den Derbys führten in der Hauptstadt zu einer gewissen Lagerbildung. Daran erinnert sich viele Jahrzehnte später ein Zeitzeuge.

Als YB-Fan auf dem Spitalacker

Ein Stadtberner Fussballpionier war nämlich der 1898 geborene Paul Boss, der an der Aarbergergasse aufwuchs, die Primarschule Breitenrain und die Knabensekundarschule Viktoria besuchte, um nach dem Besuch des Lehrerseminars als Primarlehrer im Oberaargau und in Bern/Bethlehem zu unterrichten. Boss hatte viele Talente, studierte Musik und Literatur sowie Malerei an der Kunstgewerbeschule.

Der Spitalacker war bis 1925 die Heimstätte der Young Boys. Foto: Archiv SFV

Er versuchte sich als Schriftsteller, Journalist und Zeichner. Boss wuchs als sozialer Aufsteiger in eher bescheidenen Verhältnissen auf. Er nahm den Wandel der Freizeitkultur der Vorkriegsjahre wahr, berichtet in seinen Jugenderinnerungen unter anderem von ersten Kinobesuchen auf der «Schütz» oder in der Reitschule.

Nachdem viele kleine und grössere Arbeiten sowie die Schulaufgaben erledigt waren, trafen sich die vielen Knaben des Quartiers, um die Strassen mehr oder weniger unbeaufsichtigt mit allerhand Unfug, Mutproben, recht brutalen Quartierkämpfen, Lausbubenstreichen, Spiel und Sport unsicher zu machen. Neben traditionellen Jugendspielen wie «Chnebele» oder «Märmeln» (Murmelspiel) pflegten die «Giele» im Winter im Widmergut zu schlitteln oder bereits auf «Fassdauben» tollkühn Ski zu laufen, sehr zur Freude der zahlreichen Bewunderer.

Als junger Fussballfan war Boss ein Supporter der Young Boys, die damals auf dem Sportplatz Spitalacker kickten. Die Zuschauer standen ganz nah am Spielfeld des kleinen Platzes. Jung und Alt habe die Ballkunst, die Spielfreude und den Siegeswillen von YB während der Glanzzeit von 1909 bis 1911 bewundert. Da Taschengeld unbekannt war, wohnten die Buben den Spielen ihrer Lieblinge mit Zaunbilletten bei. Sie kannten als Zaungäste Schlupflöcher, um einen Match auch ohne Eintrittsgeld verfolgen und kommentieren zu können.

Stadtrivalenduelle mit Emotionen

Besonders populär waren internationale Spiele gegen englische Teams, die als Lehrmeister noch «haushoch überlegen» waren: «Man denke, es waren Profis, während es sich bei unseren Spielern um reine Amateure handelte. In Körpereinsatz und Technik waren die Engländer noch unerreicht. Ein bis zwei Jahrzehnte später hatten aber englische Teams gegen gut zusammengestellte hiesige Mannschaften oft schon ordentlich Mühe», wie sich Boss an die Zeiten vor Weltmeisterschaften, Mitropacup oder Europacup erinnert.

Wie viele andere «Sekeler» aus dem Nordquartier war auch Boss ein erklärter YB-Fan. Der grosse Lokalrivale war der FC Bern, der seine Spiele hinter dem Historischen Museum auf dem Kirchenfeld austrug und dort sowie in den angrenzenden Quartieren auf die treuesten Anhänger zählen konnte. «Stadtrivalenkämpfe zwischen YB und dem FC Bern warfen weitherum – namentlich bei der fussballbegeisterten Jugend – hohe Wellen», beschreibt Paul Boss die emotional aufgeladene Welt der Berner Derbys.

Die Sekundarschüler im Viktoria waren entsprechend in zwei sich beargwöhnende Fraktionen getrennt: «Hie YB – hie Bärn». Während der Schulpausen, auf dem Schulweg oder auf Exkursionen neckten sich die jugendlichen Fans und hatten an dieser Rivalität ihr Vergnügen. Schlimme Formen nahm diese selten an. Ein wenig gross angeben, «müpfen», stossen – was verschlugs, das gehörte zum Bubsein.

Boss, Paul. Ein Bärner Giel erzählt. Reminiszenzen eines alten Stadtberners. Bern: GS-Verlag 1980. (Der Bund)

Erstellt: 19.05.2017, 06:45 Uhr

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