Gurtenfestival: Flirtnachhilfe und Catwalks
Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 19.07.2010
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Aufmachungen: Auffallend gut gekleidete Männer machen auf der Hauptbühne Musik. Die Top-Drei: Luke Pritchard, Sänger von The Kooks, sorgt auch dank seinen ultraengen schwarzen Jeans und dem karierten Sakko dafür, dass sich die knapp dem Schutzalter entwachsenen Mädchen in der ersten Zuschauerreihe schier nicht mehr einkriegen wollen. Hut mit Krempe, eng anliegendes Gilet, Sonnenbrille, Killerlächeln – der Engländer Charlie Winston gibt den Dandy par excellence. Platz eins: Die schweissgetränkten Haare kleben an seiner Stirn, Hemd und Anzug aber sitzen perfekt – Pete Doherty verdient den Award für den bestgekleideten Künstler.
Den optischen Gegenpol zum stilsicher-adrett gekleideten Babyshambles-Frontmann bildet die Skunk-Anansie-Powerfrau Skin: Sie entert die Bühne mit einer paillettenbesetzten Kapuze inklusive Federkamm und an «Schwimmflügeli» erinnernde Schulterpolster in Lackoptik – gerne hätte man ihr zugerufen: «Just because you feel good, doesn’t make you right.» Gut scheint sie sich allerdings tatsächlich zu fühlen – und dank exorbitanter Bühnenpräsenz und blendender Laune sorgt sie im sonnabendlichen Sommerlicht für grosse Momente. Die Aufmachung der Besuchermassen schliesslich kommt nicht an die der Künstler heran. Von Firmen verschenkte Strohhüte, farbige Sonnenbrillen (gerne auch bei Nacht getragen) und vom Staatsradio gesponserte gelbe Käppchen sowie Plastikblumenkränze dominieren das unschöne Gesamtbild.
Autofokus: Bands zu feiern, ist schön, aber wer sich extra schöngemacht hat, möchte auch selbst gefeiert werden. Deshalb wohl folgende Szene am frühen Sonntagmorgen: Die dreistufige Treppe vor einem Festzelt dient als Catwalk. Alle, die sich zeigen wollen, stellen sich auf die Treppe, die übrigen singen zusammen mit den Treppenmodels: «Ey, was geht ab – wir feiern die ganze Nacht.» Hunderte Leute schreien sich so gegenseitig ins Gesicht, dass sie gewillt seien, zu feiern – für einige ist das der Höhepunkt des Festivals.
Flirtfaktor: Die Jugend scheint das Flirten verlernt zu haben – zumindest sehen sich die Schweizer Jugendherbergen zu aktiver Flirthilfe veranlasst. Sie verteilen 600 marineblaue Schweissbändchen mit aufgedruckten Nummern hälftig an Frauen und Männer – jede Nummer gibt es doppelt, und finden sich Mann und Frau mit derselben Nummer, gewinnen sie eine gemeinsame Übernachtung. So kommen 15 Paare zusammen. Die Unberechenbarkeit der unzähligen Kontaktaufnahmen männlicherseits zeigt derweil eine Szene an der Talstation der Gurtenbahn: Ein junger Mann mit nacktem Oberkörper fragt eine Dame, ob sie an seinem Arm lecken könne. Das sei schon möglich, meint sie nüchtern und tut es, um sich darauf unbeeindruckt abzuwenden – der Herr steht etwas verdattert da und sucht nach der Selbstsicherheit, die er sich extra aufwendig angetrunken hat.
Sicherheit: Ein ernst zu nehmendes Sicherheitsrisiko sind die Metallseile, die zu Stabilisierungszwecken vom Zeltbühnendach in den Rasen gezogen wurden. Im Dunkeln sind sie schnell übersehen, eine Frau entgeht am Samstag in der Nacht nur mit grossem Glück der Selbststrangulierung.
Transport: Ausnahmezustand am Samstag um 4:40. Alle wollen in die letzte Bahn talwärts. Das Gedränge beim Einlass ist immens, so zusammengepfercht sind die Körper, dass jeder Einzelne spüren kann, wofür Rippen gut sind – damit die Organe darunter nicht bersten. Weniger rau geht es am Sonntagmittag zu. Einem übernächtigten Mann fällt bei der Bergfahrt auf, dass das Bähnchen nicht wie am Vortag links, sondern rechts das talwärts fahrende Bähnchen kreuzt. «So ne Seich», meinen seine Kollegen und machen sich über seine beeinträchtigte Wahrnehmung lustig. Was sie nicht wissen: Der Mann hat recht. Bahn 1 fährt immer links, Bahn zwei rechts, so verheddern sich die Seile nicht.
Anti-Gurten: Im Restaurant Beaumont, wo viele von der Stadt her kommende Gurten-Gänger vorbeikommen, gibt es einen alternativen Anlass für ältere Semester – am «Sommernachtsfest» wird exzessiv geschunkelt. Die Musik auf dem Gurten sei nicht ihr Ding, sagt eine ältere Dame, «zu laut, zu schnell». Weitere Erkenntnis der Gassenhauer am Anti-Gurten: Auf Hawaii soll es kein Bier geben.
Wetter: nichts zu beanstanden. (Der Bund)
Erstellt: 19.07.2010, 07:38 Uhr
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