Bern

Gurtenfestival: Dudelsäcke und Nostalgie

Von Benedikt Sartorius. Aktualisiert am 19.07.2010 1 Kommentar

Zwei Wiedervereinigungen, wenige Hymnen und zahlreiche musikalische Aufdatierungen bestimmten das Musikprogramm des 27. Gurtenfestivals, das kaum Risiken eingegangen ist.

1/7 Mehr Sonne, weniger Alkoholleichen
Drei ausverkaufte Tage, gutes Wetter und glückliche Künstler – die Veranstalter sind zufrieden. Einziger Wermutstropfen: der blühende Sekundärmarkt.
Bild: Gurtenfestival/Thomas Reufer

Zum Artikel

   

Der gefährlichste Festivalmoment spielte sich neben dem musikalischen Bühnengeschehen ab: Mike Patton, der Extrem-Vokalist der zu Geldvermehrungszwecken wiedervereinigten Faith No More, stürzte sich am späten Freitagabend in die Menschenmenge, surfte kurzzeitig auf der tragenden Woge, ehe er unfreiwillig zu Boden ging. Zurück auf der Bühne, beklagte sich der 42-Jährige über das unsanfte Vorgehen mit einem bejahrten Mann wie ihm, schenkte den Verantwortlichen des Zwischenfalls eine seiner notorischen, kaum druckfähigen Beschimpfungen, um nur wenige Momente später in die Rolle des verführerischen Crooners zu schlüpfen.

Die Brüche, die sich in der gespielt-cholerischen Gestalt des gelfrisierten Sängers bündeln («Bund» vom Freitag), sind Programm der kalifornischen Formation, die in ihrem vorab in den Neunzigerjahren bahnbrechenden Crossover mackerhafte Metal-Brachialität, schmierige Melodien, Spaghetti-Western-Sehnsucht und eisige Totengruftmusik verbindet. Allein, der Faith-No-More-Liedkatalog ist zu zeitgebunden, als dass er auf dem Gurten mehr als nur süss-saure Nostalgie verströmen konnte. So tränte die Festivalschar beim damaligen Nummer-Eins-Cover-Hit «Easy», man spielte Luftgitarre und amüsierte sich ab dem einst zeitgemässen, nun mehr grotesken Keyboardsample in «Midlife Crisis».

Dunkle Hymnen und Radiohits

Statt mit erwartetem Irrwitz spielten sich Faith No More routiniert durch ein Best-of-Set – und waren der perfekte Headliner eines Festivals, das kaum musikalische Novitäten präsentierte. Natürlich, das kann auch sehr gut aufgehen, wie die ebenfalls wieder formierten Skunk Anansie um die charismatische Sängerin Skin bewiesen. Das Konzert, das von einem antiquierten Drum-’n’-Bass-Intro eingeleitet wurde, zeitigte ein versöhnliches Wiedersehen mit dem zupackenden und agilen Bühnentier Skin, das glimpflich abgelaufene Bäder im Publikum nahm – und beim Überhit «Hedonism» zum grossen Mitsingen einlud.

Noch ältere Helden waren gar bei der Gitarrendutzendware The Cribs zu bestaunen: Der Gitarrist und Co-Songwriter der legendären The Smiths, Johnny Marr, verdingt sich neuerdings als Mitglied einer Band, die so blass agierte, dass selbst das Schatten spendende Zelt am heissen Freitagnachmittag eine Nummer zu gross war. Zusätzlich schaltete sich das Sonic-Youth-Mitglied Lee Ranaldo mit einem Videomonolog ins Set ein, doch wenn der Jugend keine grossen Melodien einfallen, bleiben auch Meister machtlos. Dieses Problem haben die Editors mit ihrer dunkel-hymnisierenden New-Wave-Neuauflage nicht und schenkten dem bis Sonntag merkwürdig stimmungsarmen Festival einige bleibende Lieder. Leichtgewichtiger fielen da The Kooks aus, die als Hauptband des Samstags den Gurten bespielten. Sänger Luke Pritchard mimte den Buben, der von ewiger Liebe und Mädchen-Aufriss jault – formuliert in unverfänglichen Gitarrenpopsongs, die Höchst-Rotationen in Funk und Fernsehen erreichen und eine volle Wiese garantierten.

Ein Moudi zum Frühstück

Den Preis für den authentischsten Auftritt hat Frauenheld Pritchard selbstredend nicht gewonnen – wie auch der unverfroren mit dem Image des Landstreichers kokettierende Charlie Winston oder das begeistert aufgenommene Festivalphänomen John Butler nicht. Der Stahlsaitenvirtuose rief mit seinem Trio zwar zur friedlichen Revolution auf, der Wunsch des Australiers bleibt aber abseits der Freiluftbühnen vermutlich ungehört. Nein, den Echtheitspreis verdienten sich Stiller Has, die den Sonntag mit einem deftigen und rührenden Moudi-Zmorgä eröffneten. «So verdorbe» wie Endo Anaconda und seine Band agierten an diesem Festival nur die in einem Barzelt konzertierende Voodoo-Rhythm-Formation Mama Rosin, die mit überschäumender Spielfreude ihr heisses Zydeco-Gericht servierte.

Echtheitsfragen kümmerten Florence Welch derweil nicht. Die Überfliegerin der letztjährigen Saison pflegt als Florence + The Machine das Image der kühlen, rothaarigen Folk-Waldfrau, das auf der sonnendurchfluteten Hauptbühne selten zum Tragen kam. Ihr Auftritt erreichte so nur in den schattigeren, mit Harfe unterlegten Momenten die morbid-humorige Stimmung ihres Debüts «Lungs», das viel zu kräftig interpretiert wurde – und der Groove Armada, die samstagnachts mit Live-Schlagzeug, Laser-Show und einer abenteuerlich kostümierten Sängerin in die pumpende Grossraumdisco lud, mit bescheideneren Mitteln Konkurrenz machte.

Zum sonntäglichen Schluss gab es dann doch eine Überraschung zu vermelden: Eine grosse Dudelsack-Formation bevölkerte die Hauptbühne, um das zeitlose Lieder-Konzert von Amy Macdonald einzuleiten. Natürlich, Risiko wird gemeinhin anders definiert, und doch war man ganz froh, dass Erwartungen für einmal unterlaufen wurden. (Der Bund)

Erstellt: 19.07.2010, 07:42 Uhr

1

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

1 Kommentar

Patrik Walzer

19.07.2010, 12:58 Uhr
Melden

Mal eine Kritik zur Kritik: Dünk es mich nur oder ist immer ein negativer Unterton dabei, bei allem was B.S. schreibt? Sind Sie eigentlich ein notorischer Pessimist? Mir hats gefallen - auch Faith No More... aber vielleicht liege ich ja falsch und bin ein notorischer Optimist. Antworten



Bern

Populär auf Facebook Privatsphäre

Telefonbuch

Marktplatz

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!