Bern
Gratulation, Herr Stadtpräsident!
«Hey Alex!»
Auch zwei Stadträte gratulieren dem Stadtpräsidenten: Simon Glauser (SVP) und Martin Schneider (BDP) veröffentlichten auf Youtube ein Lied, das Tschäppät gratuliert – und gleichzeitig aber auch frische Köpfe für die Stadt Bern fordert. Denn schliesslich ist das Jahr 2012 auch ein Wahljahr.
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Zum Glück sind Sie nicht nach Zürich ans Sechseläuten gefahren wie in früheren Jahren. Sonst würden Sie diese Gratulation zum 60. Geburtstag verpassen. Sie bleiben in Bern, weil «meine Frau, die Hunde und die Kinder» nicht zufrieden wären, wie Sie - in dieser Reihenfolge - in einem Fernsehinterview sagten. Sie können sich eine Absenz leisten. Anders als Ihr Vorgänger, den man in Zürcher Medien den «unbekanntesten Stadtpräsidenten der Schweiz» nannte, kennt man Sie - was nicht immer nur von Vorteil ist. Als Sie nach einem Sportereignis in euphorischer Stimmung in einer Beiz kaum zitierfähige Verse über einen SVP-Politiker sangen, erfuhr man das in einem sehr weiten Umkreis.
Ihr «Opfer», ein abgewählter Bundesrat, ist in den Nationalrat zurückgekehrt, wo auch Sie von 1991 bis 2003 sassen. Und auch Sie zog es dorthin zurück. 2011 versandten Sie Werbepostkarten, auf denen das Bundeshaus auf Ihrem Haupt dank 3-D-Effekt wie eine Pickelhaube auf und ab kippte. Das Wahlkampf-Motiv des «Tschäppu», der auf jeden Kopf gehört, feierte ein Comeback. Der Erfolg blieb aus - vorerst: Ein junger Wilder «trocknete» Sie ab. Das war bitter, denn keiner verliert gern, Sie schon gar nicht. Doch Sie waren der, der zuletzt lacht: Ihr Parteifreund Stöckli wechselte vom Nationalrat ins «Stöckli», sodass für Sie ein Plätzchen frei wurde. Nun sitzen Sie mit dem in der Beiz rüde Besungenen einträchtiglich in der Staatspolitischen Kommission des Nationalrates.
In die Fussstapfen des Vaters getreten
Sie sind der Zweite Stapi Tschäppät. Das ist keine Rangordnung, nur eine zeitliche Abfolge, wie beim Zweiten Deutschen Fernsehen, welches heute dennoch nur noch ZDF heisst. Es war nicht voraussehbar, dass Sie der ZST werden, der Zweite Stapi Tschäppät. Als ein Bekannter Ihre Mutter fragte, ob der Sohn Jura studiere, um Politiker zu werden, soll sie verneint haben: «Dr Xändu isch nid dr Père.» Sogar Mutterherzen täuschen sich zuweilen.
Sie sind in die Fussstapfen des Vaters getreten, der in Ihren Gedanken stets präsent ist. In besinnlichen Momenten spürt man Ihre Verletzlichkeit, die Trauer über den frühen Verlust. An der Feier für ein verstorbenes Gemeinderatsmitglied sagten Sie, Sie wüssten, wie es sei, wenn ein junger Mensch Lebensschritte ohne den Vater erleben müsse. Vater Reynold war oft abwesend, schon zu Lebzeiten. Wenn er an Sonntagen im Büro arbeitete, begleitete ihn der Bub. Alex bekam Papier und Stifte aus einem alten Schrank und zeichnete. Jahre später sass der Junior wieder in diesem Büro mit dem alten Möbelstück und schickte - nun als Baudirektor - seine Strassenwischer auf die Piste mit dem Slogan: «I wish for you.»
Nur Wein, Weib und Gesang?
Als der Père regierte, war es wohl noch einfacher. Der Senior rief ins Eisstadion: «Weit dir es Dach?» Das begeisterte Johlen war Antwort genug: Das Dach kam. Als der Junior - sinngemäss - fragte: «Wollt ihr einen Baldachin und eine orthogonale Streckenführung auf dem Bahnhofplatz?», gab es Beschwerden, und die feine Burgergemeinde hängte gar Protesttransparente ans Burgerspital. Persönliche Schwächen von Politikern wurden früher milde übersehen.
Zudem gab es die Medienkanäle noch nicht, durch die alles sofort in die Welt hinausposaunt wird. Sie aber müssen wohl für immer mit der Youtube-Sequenz «The Mayor of the City of Berne Approaching Girls» leben, diskret aufgenommen während eines Festes in der Innenstadt: eine harmlose Begegnung mit jungen Frauen. Die Episode ist deshalb reizend, weil Sie gedankenverloren den Kamm aus der Hosentasche ziehen, um sich hübsch zu machen, stets sorgsam bewacht von Ihrem getreuen Generalsekretär der Präsidialdirektion. Es wäre gewiss unfair, Sie auf Wein, Weib und Gesang zu reduzieren. Die Stadt hat sich während Ihrer Regentschaft «gemacht», wenngleich Ihr Vorgänger manches davon angestossen hat: Bundes-, Casino- und Bahnhofplatz, Westside, der forcierte Wohnungsbau. Die Bundesstadt, lange im Krebsgang, nimmt wieder an Einwohnern zu. Das ist sicherlich auch der Verdienst des grössten Fans, den Bern hat: Sie!
«Zäme Schnurre»
Sie sind kein Dossier-Verschlinger und Faktenhuber, aber Sie sind stark in der spontanen Debatte, besonders wenn man Sie angreift. Schon als Gerichtspräsident setzten Sie aufs direkte Gespräch, «zäme schnurre». Es spricht für Sie als Richter, dass sich zwei von Ihnen Verurteilte aus dem «Chefi» bei Ihnen meldeten, weil sie Ihnen unbedingt die Stimme geben wollten bei den Nationalratsahlen 1999. Nicht wählen wollten Sie einige SP-Frauen. Ihre Form der Frauenverehrung galt als zu wenig feministisch. Dennoch holten Sie Ihre Mandate immer wieder. 2012 wollen Sie erneut antreten. Jemand muss bleiben, wenn die drei Frauen im Gemeinderat aufhören und der andere Mann erst noch seine Wiederwahl schaffen muss.
Sie haben gesagt, dass Sie sich für die Stapi-Wahl Konkurrenz wünschen, denn nichts sei schlimmer als die Annahme, der Tschäppät gewinne die Wahlen im Schlafwagen. Das wünscht sich auch sonst niemand: Sie sollten schon sagen, was Sie bis 2016 noch alles realisieren wollen. Die Erhöhung der Gemeinderatslöhne allein reicht da nicht aus. Lassen Sie sich damit Zeit bis morgen. Heute lautet die Devise: Alles Gute und viel Glück zum Geburtstag! Und beste Grüsse an die Frau, die Hunde und die Kinder - in dieser Reihenfolge.
(Der Bund)
Erstellt: 16.04.2012, 08:32 Uhr
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