Frauenangelegenheit in Pink

Der 30. Schweizer Frauenlauf Bern zieht mehr Läuferinnen an als jemals zuvor. Zum Erfolgsgeheimnis und zu allen wichtigen Nebensächlichkeiten – Fragen und Antworten.

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Warum gibt es den Frauenlauf? Es ist schwer zu verstehen, auch wenn man es schon x-mal gehört oder gelesen hat: Frauen waren vom Laufsport lange ausgeschlossen. Erst 1972 durften Frauen in Boston erstmals offiziell die Marathondistanz laufen. Noch im selben Jahr riefen die amerikanischen Vorkämpferinnen den ersten Strassenlauf ausschliesslich für Frauen ins Leben. Naturgemäss dauerte es noch ein paar Jahre, bis die Bewegung auch die Schweiz erreichte: Jacqueline Ryffel und Verena Weibel organisierten 1987 den ersten Frauenlauf.

Und weshalb braucht es den ­Frauenlauf heute noch? «Das Bedürfnis ist nach wie vor da», sagt Jennifer Steiner, Mediensprecherin Schweizer Frauenlauf Bern. Die Zahlen geben den Veranstalterinnen recht, mit 16'199 Teilnehmerinnen erzielen sie heuer einen erneuten Rekord. 1987 waren es übrigens erst 2230.

Ist es ein feministischer Anlass?Der Frauenlauf hat etwas, was andere Laufveranstaltungen Frauen nicht bieten können. Deshalb nehmen laut den Organisatoren fast die Hälfte der Läuferinnen einzig am Frauenlauf teil, und an keinem anderen Lauf. Die spezielle Atmosphäre bewege die Frauen dazu, auch ihre Freundinnen zum Mitmachen anzuregen, sagt Steiner. Jedes Jahr laufen 3000 bis 4000 neue Läuferinnen mit. Ryffel bezeichnet die Atmosphäre als «festlich-feminine Stimmung». Politisch hat der Lauf keine Bedeutung.

Warum gibt es keinen Männerlauf? Weil bisher niemand auf die Idee gekommen ist, einen Männerlauf zu organisieren. Der Anteil Männer an den übrigen Volksläufen übertrifft denjenigen der Frauen nach wie vor. Je länger die zu bewältigenden Distanzen an den Breitensportanlässen sind, desto grösser ist der Anteil der laufenden Männer.

Ist jemals ein Mann mitgelaufen? Ja, mindestens einer. 2012 fiel die Begleitperson einer sehbehinderten Läuferin aus, worauf der Vater der Frau die Erlaubnis erhielt, offiziell als Begleiter zu starten. Das sagte OK-Präsidentin Catherine Imhof damals im «Bund»-Interview. Solche Fälle bleiben die Ausnahme, die geregelte Teilnahme von Männern wird es aber nicht geben. Das ist mittlerweile auch politisch beschlossene Sache. Vor zwei Jahren reichte die ehemalige Berner SVP-Stadträtin Nathalie D’Addezio ein Postulat ein und wollte vom Gemeinderat wissen, ob der Frauenlauf nicht im Widerspruch mit dem Bestreben stehe, die Gleichstellung auf Gemeindeebene zu verwirklichen. Sprich: Sie wollte erreichen, dass auch Männer mitlaufen dürfen. Davon wollte der Gemeinderat nichts wissen und auch der Stadtrat lehnte das Begehren ab. Wenn auch nur knapp: 21 Ja zu 24 Nein bei 2 ­Enthaltungen.

Welche Rolle spielen die Männer beim Frauenlauf? Knapp die Hälfte des über 30-köpfigen ehrenamtlichen Organisationskomitees besteht aus Männern, aber auch ohne die zahlreichen freiwilligen Helfer am Streckenrand und hinter den Kulissen würde der Anlass wohl nicht über die Bühne gehen können. Auch im Publikum stehen natürlich viele Männer, oft mit Kinderwagen oder mit Kleinkindern auf den Schultern. Aber manchmal werden Männer gar Opfer dieses Anlasses, wie ein Unfall aus dem Jahr 2011 belegt. Ein Zuschauer stolperte über eine provisorisch aufgestellte Orientierungstafel und schlug sich einen Zahn aus. Publik wurde der Fall, weil der Mann bis vor Bundesgericht darum kämpfen musste, damit die Krankenkasse die Zahnarztkosten übernahm.

Laufen Politikerinnen nur, wenn Wahlkampf herrscht? Nach dieser Logik müssten am Sonntag Ursula Wyss (SP) und Franziska Teuscher (Grüne), beides Anwärterinnen auf das Berner Stadtpräsidium, die Laufschuhe schnüren. Tatsächlich findet sich letzterer Name auf der Startliste. Ob die Teilnahme am Frauenlauf für Teuscher aber ein gutes Omen ist, sei zumindest infrage gestellt. Denn im Wahljahr 2015 machte sich mit Aline Trede (Grüne) gar eine Politikerin die Mühe, die von sich selbst sagte, rennen liege ihr nicht. Genützt hat es nicht, Trede wurde im Oktober als Nationalrätin abgewählt, und das Laufen scheint sie auch wieder aufgegeben zu haben. Praktisch jedes Jahr am Start ist hingegen SP-Nationalrätin Margret Kiener-Nellen, wenn auch seit 2012 nur noch unter den Nordic-Walkerinnen.

Was trägt Frau am diesjährigen Frauenlauf? Viele, insbesondere Neueinsteigerinnen, decken sich vor dem Wettkampf je nach Wetterprognosen noch mit Sportkleidung ein. «Das merken wir sehr stark», sagt Stephan Kropf, Inhaber des Berner Laufladens 4Feet. Obwohl am Sonntag Regen angesagt ist, würde Kropf dennoch keine Regenjacken empfehlen, weil sie zum Laufen zu warm sind. Besser sei ein dünner Windstopper, sagt er. Wer mit der Mode gehen will, läuft zudem mit Shorts oder gar einem Jupe. Enge, halblange Tights sind out. «Darin sieht man aus wie ein Bratwurst», sagt Kropf. Viele Trends wie etwa die Jupes kämen von den modebewussten Bergläuferinnen, die sich mit einer perfekten Ausrüstung gerne abheben ­würden.

Was gibt es am Frauenlauf zu ­gewinnen? Das Preisgeld von 15'000 Franken ist den Siegerinnen der jeweiligen Kategorien vorbehalten. Jede Finisherin erhält aber ein Shirt – ganz in Pink. Die Farbe Pink hat sich beim Facebook-Voting gegen schwarz durchgesetzt. Eine kluge Wahl: Denn Pink sei keine Trendfarbe, die komme und gehe, sondern eine Standardfarbe, die jedes Jahr in den Kollektionen auftauche, sagt 4Feet-Inhaber Kropf. Starke Farben funktionierten in der Sportbekleidung eben besonders gut.

Was machen die Frauen nach dem Laufen? Sie essen Bananen, lassen sich in der Massage-Zone verwöhnen oder informieren sich über die richtige Intimpflege nach dem Sport. Zahlreiche Sponsoren und Partner des Frauenlaufs stellen in der Innenstadt ihre Zelte auf und buhlen um Kundinnen. Aber auch das Abholen abgegebener oder verlorener Kinder gehört zu den Tätigkeiten laufbegeisterter Frauen. Dass Kinder nicht selten verloren gehen, während Mütter laufen, muss man aufgrund des Hinweises auf der ?offiziellen Internetseite des Frauenlaufs annehmen: Verlorene Kinder können beim Informationsstand bei Kuoni Reisen (Bärenplatz) abgegeben beziehungsweise abgeholt werden.

Der Schweizer Frauenlauf Bern findet morgen Sonntag statt. Die Hauptkategorien über 5 Kilometer und 10 Kilometer starten um 11.30 Uhr beziehungsweise um 9.30 Uhr. Am frühen Nachmittag finden die Läufe der Mädchen statt. Ab Betriebsbeginn bis mindestens Mitte Nachmittag ist deshalb mit Einschränkungen beim öffentlichen Verkehr zu rechnen. Betroffen sind die Linien 6, 7, 8, 9, 10 sowie 19. (Der Bund)

Erstellt: 11.06.2016, 12:57 Uhr

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