«Familienferien oder Frauenfeld – eine schwierige Frage»

Zora Tschan ist 15 Jahre alt. Manchmal fühlt sie sich aber auch älter, etwa dann, wenn sie vergangenen Freiheiten nachtrauert.

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Am Morgen ist die Zeit knapp. Zora Tschan, 15 Jahre alt und aus Köniz, sieht beim Aufstehen bloss ganz kurz aufs Handy – um den Wecker auszuschalten. Erst auf dem Weg zum Lerbermattgymnasium, wo Zora die Tertia besucht, durchforstet sie die üblichen Kanäle nach Neuigkeiten: Nachrichten auf Whatsapp, Bilder auf Instagram. Vor einer Weile hat Zora ihr «Schrotthandy» auch mit dem Schnappschussportal Snapchat aufgerüstet. «Nicht, dass es mich wirklich bereichern würde», sagt Zora. «Aber wenn alle rundherum am Snappen sind, ist es schwierig, zu widerstehen.» Auf Facebook hingegen ist sie nur noch selten anzutreffen. «Es läuft auch genug ohne.»

Während des ganzen Gesprächs bleibt Zoras Handy dann doch in der Tasche verstaut. «Ich mag es ja auch nicht, wenn jemand dauernd am Natel klebt», sagt sie. Ohnehin ist sie der Meinung, viele Erwachsene hätten einen falschen Eindruck vom Medienkonsum ihrer Generation. «Social Media spielen zwar eine grosse Rolle in unserem Alltag, aber doch eine kleinere, als alle denken.» Dass ein Mädchen, das auf Instagram 700 Abonnenten hat, nicht automatisch auch im echten Leben interessant ist, hätten die meisten inzwischen begriffen. Sie selbst hat über 500 Abonnenten, so viele interessieren sich für ihre Fotos.

Jagd nach dem «Spirit-Sieg»

Zora sitzt im Café des Hotels Landhaus an der Altenbergstrasse in Bern. Sie kennt die komplette Belegschaft, hier hat sie sich bis vor kurzem ein Zugeld als Servicekraft verdient. «Es ist eigentlich ein Wunder, dass es nicht mehr Scherben gegeben hat, ich bin sehr ungeschickt», sagt Zora. Vielleicht kokettiert sie. Dinge eben gerade nicht fallen zu lassen, ist nämlich ihr Hobby.

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Seit vier Jahren spielt sie Ultimate Frisbee, einen aus den USA importierten Mannschaftssport, der ein bisschen an American Football angelehnt ist, aber ohne Körperkontakt auskommt. Meistens. «Ich hatte auch schon den einen oder anderen Ellbogen im Gesicht», sagt Zora. Wenn das geschieht, dann nicht mit Absicht, denn: «Beim Ultimate Frisbee ist es nicht nur das Ziel, den Frisbee in die Endzone des Gegners zu bringen, sondern auch, den Spirit-Sieg zu erringen, eine Art Fairnesspreis», erklärt Zora routiniert. Einen Schiedsrichter gibt es nicht, Differenzen werden ausgehandelt. Viele ihrer Freunde hat Zora beim Frisbeespielen kennen gelernt.

Agenda auf dem Handrücken

«Ultimate03/purpose/in love since 2014»: So heisst es im Kurzbeschrieb von Zoras Instagram-Profil. Sport, Leidenschaft, Liebe. Mit ihrem Freund ist sie seit einem Jahr und drei Monaten zusammen. Er war zuvor erst kürzlich aus Kandersteg nach Bern gezogen, sie lud ihn auf eine Wiese zum Frisbeespielen ein. Sie war beeindruckt, dass einer «so anständig und doch so cool sein kann». Er ist über 16, trinkt aber keinen Alkohol. «An meinem 16. Geburtstag wollen wir dann ausnahmsweise gemeinsam mit Bier anstossen», sagt Zora. Im Mai ist es so weit.

Überhaupt geht das jetzt schnell mit dem Älterwerden, findet Zora. Es ist gar nicht so lange her, da nannte man sie reihum noch die «kleine» Zora, was ihrer Körpergrösse von 163 Zentimetern geschuldet war, aber auch dem Fakt, dass sie viel Zeit mit älteren Jugendlichen verbrachte.

Wie alt sie sich denn jetzt fühle? Zora überlegt eine Weile, dann sagt sie: «Manchmal fühle ich mich jünger als 15. Zum Beispiel, wenn ich lieber zum Glaceessen abmache als vor der Reithalle. Aber dann fühle ich mich auch älter. Zwischendurch bin ich es mir reuig, dass ich all die Freiheiten, die ich früher noch hatte, für so selbstverständlich nahm.» Inzwischen muss Zora viel koordinieren: «Schule, Training, Familie, Freunde: Alle Termine im Blick zu halten, ist manchmal gar nicht so einfach.» Sie führt ihre Agenda dreifach: auf Papier, elektronisch und auf dem Handrücken.

«Davon raten mir alle ab»

Die Prioritäten zu setzen, fällt ihr nicht immer leicht. «Meine Eltern finden, ich lerne zu wenig», sagt Zora zerknirscht. Gereicht habe es schulisch zwar immer, wenn auch manchmal nur knapp. «Richtig leicht fällt mir nur das bildnerische Gestalten.» Für ihre Fingerübungen trägt sie stets ein Heft mit sich, sie zeichnet anatomische Studien oder auch Manga-Comics. Für ihre Zukunft wünscht sich Zora einen kreativen Beruf. Vielleicht will sie Fotografin werden, ihr Vater hat da vorgelegt. Oder Malerin, Grafikerin oder Goldschmiedin. «Toll fände ich auch Buchhändlerin, aber davon raten mir alle ab», sagt Zora. Es kann warten. «Zuerst muss ich die Matur schaffen.»

Es gibt unterwegs noch viele Entscheidungen zu treffen. Kürzlich war Zora wieder im Clinch. Eigentlich wollte sie mit ihren Freunden im Sommer an ein Hip-Hop-Festival im Thurgauischen gehen, doch ihre Mutter setzte zeitgleich den Familienurlaub auf Korsika an. «Familienferien oder Frauenfeld – das ist eine schwierige Frage», sagt Zora, «es gab viele Diskussionen.» Inzwischen hat sich Zora entschieden. «Ich gehe nach Korsika. Die Freunde laufen mir ja nicht davon, aber Familienferien werden jetzt wohl seltener, je älter ich werde.»

(DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.01.2016, 06:41 Uhr)

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#blackboxjugend

Das mit der Jugend ist eine merkwürdige Sache. Früher oder später rutscht man hinein. Und wenn sie überstanden ist, gehört sie für immer der Vergangenheit an. Manche zeigen dann Schwierigkeiten, loszulassen, andere sind froh, die Adoleszenz-Phase endlich abgeschlossen zu haben.

Doch egal, wie die Jugendzeit verbracht wurde, eines bleibt: Erinnerungen. An diesen werden die nachrückenden Generationen unweigerlich gemessen und bewertet. Missverständnisse sind dabei unumgänglich. Egal, wie junggeblieben man sich fühlt, der Anschluss an die Jugend ist schnell verloren. Plötzlich versteht man nicht mehr so recht, über was die da reden, man wundert sich über Hobbys und Frisuren. Gleichzeitig geistern vielen noch die glorifizierten Bilder der eigenen Jugend im Kopf herum. Im Vergleich mit der heutigen Jugend tun sich da schnell Gräben und Unverständnis auf.

Um Dinge zu erklären, die vielleicht gar nicht verstanden werden können, wird gerne auf die Statistiken zurückgegriffen. So auch, wenn es um die Jugend geht. Das jährlich erscheinende Jugendbarometer soll zeigen, wie die Jugend so tickt. 2015 war hier beispielsweise zu entnehmen, dass die Jugend eher Nein zu Drogen sagt, Geld auf die Seite legt und Karriere machen will.

Doch wer sind die Menschen hinter den Zahlen? Wie leben sie? Was beschäftigt sie? Und fühlen sie sich überhaupt verstanden? Um einen Einblick in das Leben der heutigen Jugend zu gewinnen, haben wir einen Aufruf gestartet. Menschen zwischen 15 und 20 Jahren aus Bern und Umgebung haben sich gemeldet. Zehn davon haben wir getroffen und mit ihnen über ihren Alltag gesprochen.

Sie sind uns im Video Red und Antwort gestanden und haben uns einen Einblick in ihr Fotoalbum gewährt. Zehn Tage lang publizieren wir je ein Porträt, welches Sie vielleicht überrascht, womöglich den Kopf schütteln lässt oder ganz einfach nur um ein paar Jahre zurückversetzt.

Das Dossier: www.jugendserie.derbund.ch

Mitreden auf Twitter: #blackboxjugend

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