Bern
Ex-Turmwart darf nicht aufs Münster
Von Rahel Bucher. Aktualisiert am 24.04.2012 2 Kommentare
Die Münsterspitze ist derzeit eine Baustelle. (Bild: Adrian Moser)
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Seit Elisabeth Bissig und Ivo Zurkinden 2007 aus der Münsterturmwohnung ausgezogen sind, ist diese unbewohnt. Stattdessen wird sie als Büro und Stauraum von den Mitarbeitenden der Münsterbauhütte genutzt. Der jetzigen Turmwartin Marie-Therese Lauper bleibt ein kleines Zimmer, das ihr als Arbeitsraum dient.
Peter Probst beklagt diesen Umstand nicht zum ersten Mal. Er spricht «vom Bruch einer 500-jährigen Tradition». Die Turmwohnung hat nicht nur Probst, sondern auch viele Münsterturmbesteiger fasziniert. Und sie tut es noch immer, wie Marie-Therese Lauper weiss. «Immer wieder werde ich von Besuchern auf die Wohnung angesprochen», sagt sie. Sie selbst könnte sich auch vorstellen, in der Wohnung auf dem Münster zu leben. Doch solange die Bauarbeiten am Turm nicht beendet sind, wohnt Lauper ausserhalb von Bern.
Die Bauarbeiten am Münsterturm waren es auch, die das vorerst letzte Turmwartpaar zum Auszug bewogen haben. «Weil die Bauarbeiten kulturelle Aktivitäten auf dem Münster zunehmend einschränkten und vor allem auch weil die Bautätigkeit am Münster das Wohnen auf dem Turm noch jahrelang erschweren wird», begründete Ivo Zurkinden 2007 den Entscheid, vom Turm herunterzusteigen und die Sigristenstelle an der Heiliggeistkirche zu übernehmen.
Wohnung ist nur eine Alternative
Ende 2014 sollen die Sanierungsarbeiten laut Regula Ernst, Präsidentin des Münster-Kirchgemeinderats, abgeschlossen sein. Bis dahin gelte für die Turmwohnung ein Wohnmoratorium, das durch die Gesamtkirchgemeinde bewilligt wurde. Ob die Tradition, dass der Turmwärter in der Turmwohnung haust, danach fortgeführt wird, ist ungewiss. «Noch ist nicht beschlossen, wie die Turmwohnung genutzt werden soll», sagt Ernst. Diskutiert würden verschiedene Alternativen. Die Räumlichkeiten als Wohnung zu nutzen, sei eine davon. Präziser wollte sich Ernst jedoch nicht äussern. «Alles, was wir jetzt schon sagen, wird ein Politikum», weiss sie aus Erfahrung.
Schon vor Probsts Wahl zum Münsterturmwart wurde diskutiert, aus der Turmwohnung ein Museum zu machen. Die Reaktionen auf dieses Vorhaben fielen so negativ aus, dass sich der Plan zerschlug. Sie sei sich des emotionalen Werts der Wohnung bewusst, sagt Ernst. Doch auch jetzt sei die Wohnung belebt, nur halt nicht 24 Stunden am Tag.
Er schaut weit hinauf – dorthin, wo die eingerüstete Münsterturmspitze in den Himmel sticht. Dorthin, ganz nach oben, möchte er noch einmal gehen. «Zu Fuss», sagt er. Peter Probst stützt sich auf seinen Spazierstock. «Treppen und Leitern steigen kann ich noch gut.» Der ehemalige Turmwart hat zusammen mit seiner Partnerin von 1985 bis 1997 auf dem Münster gelebt – in der Turmwohnung 50 Meter über der Altstadt. Anlässlich seines 80. Geburtstages am zweiten Mai möchte er sich nun diesen Wunsch erfüllen. «Ich will mir beweisen, dass das für mich körperlich noch machbar ist», sagt er. Doch sein Vorhaben stösst auf Widerstand – sowohl beim Münsterarchitekten als auch beim Münster-Kirchgemeinderat.
Münsterarchitekt Hermann Häberli bestätigt, von Probst angefragt worden zu sein. Er habe ihm angeboten, ihn mit dem Lift – dieser wurde für die Baustelle errichtet – bis auf 80 Meter zu bringen. Dieses Angebot lehnte Probst ab. «Ich will zu Fuss und aus eigener Kraft hoch.»
Persönlicher Zwist
«Das kann ich aus Sicherheitsgründen nicht zulassen», sagt Häberli. Auch andere würde er nicht zu Fuss durch die schwierigen Übergänge ganz nach oben lassen und schon gar nicht Personen mit Gleichgewichtsproblemen. Peter Probst muss, wie er sagt, Medikamente nehmen, die seinen Gleichgewichtssinn etwas durcheinanderbringen – daher der Spazierstock. Doch beim Treppensteigen sei das kein Problem, versichert er.
Hinter dem Verbot, die Spitze zu Fuss zu besteigen, vermutet er vielmehr persönliche als Sicherheitsgründe. Die beiden Männer verbindet eine «schwierige Geschichte», wie Probst sagt. In seiner Zeit als Turmwart habe er Häberli öfters kritisiert. Was er ihm am meisten anlastet, ist die Abschaffung der Turmwartwohnung. Diese ist nicht aufgehoben, sondern bis Ende 2014 an die Berner Münster Stiftung vermietet, sagt Häberli dazu. Wie dem auch sei, er habe sich damit abgefunden, dass sein Wunsch wahrscheinlich nicht in Erfüllung gehe, sagt Probst.
Leute aus seiner Nachbarschaft sahen das anders und haben – ohne sein Wissen – eine Petition lanciert, mit der sie per Internet Unterschriften sammeln. Ende dieser Woche wollen sie ihr Anliegen samt Unterschriften – in der Zwischenzeit sind es rund 150 – an Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) herantragen. Über die Petition zeigt sich Probst erstaunt. «Ich wusste gar nichts davon», sagt er.
Gänzlich auf Unverständnis stösst sie bei Häberli. Er könne nicht verstehen, wieso Probst ausgerechnet jetzt ganz nach oben wolle. Der öffentliche Bereich – dazu gehören die erste Plattform auf 46 Metern und die zweite auf 64 Metern – sei für alle zugänglich, auch für Probst. «Für die Baustelle trage jedoch ich die Hauptverantwortung», sagt Häberli. Wolle man zu Fuss bis ganz nach oben, müsse man über etliche Stolperstellen und Gerüstengpässe, Treppen und teilweise auch steile Leitern überwinden.
Übung im Treppensteigen
Zu Probsts Vorhaben hat auch Regula Ernst, Präsidentin vom Münster-Kirchgemeinderat, eine ganz klare Meinung: «Ich glaube nicht, dass es seine körperliche Verfassung noch zulassen würde, die Spitze des Münsters zu Fuss zu besteigen», sagt sie. Probst seinerseits traut sich das zu. Da er in der Matte wohne, habe er tägliche Übung im Treppensteigen. Von der Badgasse zum Münsterplatz etwa sind es 144 Stufen – bis zur Münsterwohnung waren es 254 Stufen.
Auf dem Münsterplatz angekommen, meint Probst fast nostalgisch: «Noch heute vermisse ich die Turmwartwohnung jeden Tag.» Jetzt lebt er in der Matte ganz weit unten. Doch die Wohnung liegt genau so, dass er vom Küchenfenster aus ganz weit nach oben schauen kann. Dorthin. (Der Bund)
Erstellt: 24.04.2012, 09:45 Uhr
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2 Kommentare
Die Stadt Bern kann Herrn Peter Probst mit etwas Unterstützung auf das Münster bringen und ihm diesen Wunsch erfüllen. Es gibt genügend freiwillige Bergsteiger in Bern, die die Aufgabe übernehmen. Happy Day mit Röbi Koller muss sonst in die Lücke springen. Die Einschaltquoten gehen rasant nach oben. Das Panoramafoto 360? mit Peter Probst wird sehr eindrücklich sein. Die Bundesstadt aus neuer Sicht Antworten
Nein nein und nochmals nein. Zu gefährlich und es geht ums Prinzip! Das gilt für jeden. Niemals eine Ausnahme, schon die Frage nach einer Ausnahme muss man mit gesundem Kopfschütteln beantworten. Wie kann man nur. Die Schweiz ist nur DIE Schweiz weil Gesetze und Regeln alles, von gross bis klein, jung bis alt in geordneten Bahnen lenkt... Ich frage mich wirklich wie man sich sowas wünschen kann... Antworten
Bern
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