«Es ist beeindruckend, wie viele Menschen sich engagieren»

«Neue Wege»-Redaktor Matthias Hui wünscht sich eine Willkommenskultur für Flüchtlinge. Er weiss um die Ängste in der Bevölkerung, relativiert sie jedoch.

Matthias Hui.

Matthias Hui. Bild: zvg

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Freie Niederlassung für alle: Das fordert die von Ihnen mitverfasste Migrationscharta, um die es bei der heutigen Tagung geht. Ist das nicht eine total verrückte Idee?
Nicht verrückt, aber eine Utopie. Wir drücken aus, dass alle Menschen gleiche Rechte und Pflichten haben, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, doch in der Realität gehen die Schlagbäume nach unten.

Der Unterschied zwischen Personen mit Staatsbürgerschaft und ­Fremden ist aber doch nötig, damit eine Ordnung funktionieren kann.
Das kommt auf die Brille an. Theologisch betrachtet ist er von untergeordneter Bedeutung. Die Bibel spricht von allen Menschen als Gottes Ebenbildern. Zudem sind zum Beispiel die Menschenrechte auch nicht an eine Staatsbürgerschaft gebunden. Es geht uns überhaupt nicht darum, das Bürgerrecht abzuschaffen. Allerdings stösst die schweizerische Demokratie an Grenzen, wenn jeder vierte Einwohner nicht daran teilnehmen kann.

Die deutsche Kanzlerin hat eine Willkommenskultur propagiert, die jetzt an ihre Grenzen stösst. An der Basis brodelt es.
Migration ist seit jeher eine Realität, auch heute. Es ist nicht möglich, die Türen zu schliessen. Wir müssen Strukturen schaffen, damit wir das gut bewältigen. Mich beeindruckt das Engagement, das vielerorts im Kleinen geleistet wird, von Mitgliedern einer Kirchgemeinde, von Pfarrerinnen und Pfarrern und von nichtkirchlichen Aktionsgruppen. Die Vernetzung und der Austausch zwischen ihnen ist ein Zweck der Tagung.

Die zahllosen unkontrollierten Grenzübertritte sind nach Meinung von Sicherheitsexperten ein Risiko. Haben Sie dafür kein Verständnis?
Ich weiss um die Ängste, doch zumindest in der Schweiz kann niemand behaupten, dass die öffentliche Sicherheit in Gefahr sei. Man sollte die Relationen nicht verlieren: Chaos und Tod herrschen in Syrien, nicht bei uns, und ein kleines Land wie Libanon trägt eine viel grössere Last als wir. Eine Begrenzung der Zahlen ist unrealistisch: Wir dürfen einem Flüchtling an der Grenze nicht sagen: Sorry, das Kontingent ist jetzt voll, du musst draussen bleiben.

Sie sagen, dass die Kirchen für die Armen eintreten sollen. Es ist aber die Aufgabe von Grenzwache und Polizei, Sicherheit zu garantieren. Haben Sie dafür kein Verständnis?
Wir sagen nicht, dass die Behörden die Bösen sind, sofern sie sich im konkreten Umgang mit den Flüchtlingen menschlich und anständig verhalten. Die Kirchen arbeiten kritisch mit den Behörden zusammen und unterhalten Beratungsstellen. Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn tun das vorbildlich.

Die Verfasser der Charta berufen sich auf die Propheten der Bibel, die für die Schwachen einstanden. Die Bibel weiss aber auch um das Böse, das allen Menschen innewohnt, wie sich an Silvester in Köln gezeigt hat.
Alle sind aufgerufen, sich selbstkritisch zu ihrem früheren oder jetzigen Handeln zu verhalten: die Kirchen, die Männer, unsere Wirtschaft, die Rüstungs­industrie, die Fluchtbewegungen mitverursacht. Die Charta ist kein naives Programm. Die Botschaft der Bibel ist die: Armut, Gewalt und Ausgrenzung haben nicht das letzte Wort. Das muss die Haltung der Kirche sein.

Es ist nicht zuletzt der steuer­zahlende «Spiessbürger», der diese kirchlichen Aktionen bezahlt.
Die Erfahrung zeigt, dass auch viele eher konservativ gesinnte Kirchenmitglieder hinter dieser Arbeit stehen. Es ist erfreulich, wie sich viele Kirchgemeinden wie jene in Riggisberg für Flüchtlinge engagieren. Es gibt nicht wenige Kirchenleute, auch hochrangige, die zu Hause Asylbewerber aufnehmen. Da passiert etwas.

Kirchenleute sind aber nicht die Einzigen, die sich engagieren.
Das stimmt, und das kommt auch an der Tagung zum Ausdruck, an der es zu einem breiten Austausch kommt. Gerade Leute aus den Kirchen und linke Aktivisten können viel voneinander lernen. (Der Bund)

Erstellt: 24.01.2016, 11:10 Uhr

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