Erdbebenberechnung in Mühleberg am Limit
Von Simon Thönen. Aktualisiert am 31.01.2012
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Heute läuft der Termin für die BKW ab, um nachzuweisen, dass der Wohlenseedamm oberhalb des AKW Mühleberg einem sehr seltenen – aber möglichen – Erdbeben standhalten würde. Eigentlich hätte die BKW den Nachweis bereits Ende November 2011 erbringen müssen. Ebenfalls heute muss die BKW gegenüber dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) erklären, welche Erdbebenfestigkeit sie für die AKW-Schnellabschaltung ausweist. Denn ausgerechnet für diese Notbremse des Reaktors hatte die BKW selber dem Ensi jüngst Werte geliefert, die um volle 60 Prozent auseinanderlagen.
Vorsichtig zuversichtlich äussert sich auf Anfrage BKW-Sprecher Antonio Sommavilla: «Wir gehen davon aus, dass wir den geforderten Nachweis der Standfestigkeit des Damms sowie der Reaktorschnellabschaltung erbringen können.» Es liege aber letztlich am Ensi, dies zu beurteilen. Falls das Ensi die Erdbebenfestigkeit des Wohlenseedamms akzeptieren sollte, wird es der BKW einfacher fallen, den Erdbebennachweis auch für das AKW zu erbringen, der bis am 31. März fällig ist. Misslingt dieser Nachweis, dann muss Mühleberg vom Netz.
Spitze Berechnungen
Neue Zahlen zu den Erdbebenfestigkeiten nennt die BKW auf Anfrage allerdings nicht. Jüngst publizierte BKW-Dokumente zeigen jedoch, dass es für die Erdbebenfestigkeit des Wohlenseedamms spitz werden dürfte. Laut einer Expertise im Auftrag der BKW, die AKW-Gegner öffentlich machten, würde der Wohlenseedamm nur einem Beben mit einer Bodenbeschleunigung von 0,30 g standhalten. Im EU-Stresstestbericht der BKW wurden daraus 0,31 g, was Sprecher Sommavilla auf Anfrage mit einer «Rundungsdifferenz» erklärt.
Die «Rundung» könnte entscheidend sein – je nachdem welcher Wert für das Erdbeben angenommen wird. Das gross angelegte Projekt Pegasos zur Abklärung der Erdbebengefahr für AKW hatte 2004 eine mögliche Bodenbeschleunigung von 0,387 g für den Standort Mühleberg ergeben – einem solchen Beben würde der Damm nicht standhalten.
Nachdem die Pegasos-Resultate bei den Betreibern teils heftigen Protest ausgelöst hatten, wurde jedoch ein Nachfolgeprojekt Pegasos Refinement lanciert. Dessen Resultate liegen aber erst Ende 2012 vor. Für die Fukushima-Überprüfung wird deshalb nun mit Zwischenresultaten gerechnet. Laut dem stellvertretenden Ensi-Direktor Georg Schwarz betragen diese – je nach AKW-Standort – nur 70 bis 80 Prozent der Pegasoswerte. Genauer äusserte er sich nicht. Pikant: Sollte der Zwischenwert für Mühleberg 80 Prozent betragen, dann fiele der Wohlenseedamm mit einer Erdbebenfestigkeit von 0,30 g durch, mit dem «gerundeten» Wert von 0,31 g würde er hingegen haarscharf durchkommen.
Erdbebenwerte von Swissnuclear
Liegt das mögliche Erdbeben in Mühleberg hingegen eher am unteren Rand, dann reicht es auch ohne Rundung. Nicht unwesentlich ist deshalb, wer das mögliche Erdbeben festlegte: Der Verband der AKW-Betreiber, Swissnuclear, hat die Zwischenresultate im Mai 2011 auf Geheiss des Ensi erstellt. «Das Zwischenresultat wurde mit konservativen Annahmen berechnet», betont Swissnuclear auf Anfrage. Man wolle die Wahrscheinlichkeit späterer grösserer Korrekturen gering halten. Auf die Frage, ob es angemessen sei, dass die Betreiber selber die Schwere der möglichen Erdbeben definieren, antwortet das Ensi: «Es ist Aufgabe einer Aufsichtsbehörde, Nachweise zu prüfen, nicht Nachweise zu erstellen.» Kein Verständnis für «solche Arrangements» hat AKW- Kritiker Markus Kühni. «Die Gefährdungsannahmen müssen von einer Institution getroffen werden, die von den Betreibern unabhängig ist», fordert er.
Neue Rechnungen, bessere Werte
Vielleicht wird die BKW heute dem Ensi aber auch eine ganz andere Zahl zur Erdbebenfestigkeit des Damms liefern als noch 2011. So darf sie den Nachweis gemäss der Staudamm-Richtlinie erbringen, was zu einem Mix zwischen der nuklearen und der klassischen Sicherheitsphilosophie für Wasserkraftwerke führt. Vor allem aber: Neue Berechnungsmethoden führen – in der Theorie – zu höheren Erdbebenfestigkeiten. Es ist deshalb denkbar, dass die BKW heute neue Berechnungen einreichen wird. Möglich machen dies Computermodelle, die das Verhalten der einzelnen Teile genauer erfassen als früher – die detaillierteren Zahlen erlauben es, präziser an die Grenze zu rechnen, bei der wichtige Teile brechen. Frühere Sicherheitsmargen werden so weggerechnet.
BKW-Sprecher Sommavilla beruft sich auf das bessere Verständnis des Erdbebenverhaltens «dank immer besseren Modellen». Auch beim Wohlenseedamm führte die bereits bekannte Expertise dank einem neuen Computermodell prompt zu einer rechnerischen Verdoppelung der Erdbebenfestigkeit.
Kritiker Kühni wirft der BKW Inkonsequenz vor. «Wenn man frühere Sicherheitsmargen mit exakteren Modellen wegrechnet, muss man diese zumindest auf das ganze Bauwerk anwenden.» Die von der BKW beauftragten Experten hätten aber, so betont Kühni, nur gerade die Erdbebenfestigkeit eines Abschnitts des Maschinenhauses des Wasserkraftwerks neu berechnet. Die Experten selber räumen in ihrem Bericht ein, dass dies zwar sicherlich eine kostengünstige Methode, aber nur «möglicherweise» ein konservatives, also vorsichtiges Vorgehen sei.
Die Atomaufsicht Ensi wird den Nachweis, den die BKW heute einreicht, zusammen mit dem für Staudämme zuständigen Bundesamt für Energie prüfen. Offen ist die Frage, wie weit das Ensi – auch als Ausgleich zu immer spitzeren Berechnungen – zusätzliche Sicherheitsmargen fordern wird, wie sie etwa in den USA diskutiert und auch von der internationalen Atomenergieagentur IAEA gefordert werden. (Der Bund)
Erstellt: 31.01.2012, 07:07 Uhr
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