«Erdbeben in der Schweiz sind wahrscheinlich»
Von Simon Wälti. Aktualisiert am 16.03.2011
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Zur Person
Adrian Pfiffner (Jahrgang 1947) hat an der ETH Zürich Geologie studiert. Seit 1987 ist er Professor für Tektonik an der Universität Bern, seit 2001 auch Direktor des Instituts für Geologie. Er forscht auf dem Gebiet der Gebirgsbildung und der Gesteinsdeformationin der Schweiz sowie in den Andenvon Peru. Dabei geht es um die Verschiebung ganzer Gebirgsteile und von Kontinenten. Die meisten dieser Verschiebungen äussern sich auch in Erdbeben.
Stichworte
Herr Pfiffner, wie gefährdet ist die Schweiz in Bezug auf Erdbeben?
Wir versuchen, die Gefährdung aufgrund historischer Ereignisse vorauszusagen. Erdbeben der Stärke 6 auf der Richterskala sind alle 500 Jahre zu erwarten, solche mit einer Stärke von 7 sind Jahrtausendereignisse. Das heisst, alle tausend Jahre ist in der Schweiz mit einem zerstörerischen Erdbeben der Stärke 7 zu rechnen.
Welche Gebiete in der Schweiz sind primär erdbebengefährdet?
Erdbebenregionen in der Schweiz sind der Rheingraben bei Basel, das Wallis und Graubünden. Das schlimmste Erdbeben ereignete sich am 18. Oktober 1356 in Basel. Hunderte von Menschen kamen ums Leben. Das Münsterdach und viele Häuser stürzten ein. Es gab eine Feuersbrunst. Ein Erdbeben von einer solchen Stärke verursacht auch in Bern Schäden. Im Jahr 250 wurde die Römerstadt Augusta Raurica – also das heutige Kaiseraugst, wo es Pläne für ein AKW gab – verwüstet.
Weiss man, wie stark die Erdstösse waren?
Aufgrund von historischen Aufzeichnungen, zum Beispiel in Klöstern, schätzt man das Erdbeben von Basel auf 7,4. Es war eines der schlimmsten Erdbeben nördlich der Alpen. Jenes von Kaiseraugst auf 6,9. Auch im Wallis gibt es immer wieder starke Erdbeben, zum Beispiel am 25. Januar 1946 bei Siders mit Magnituden zwischen 5,5 und 6. Solche Erdbeben sind auch in Zukunft in der Schweiz wahrscheinlich. Eine genauere Prognose über den Zeitpunkt ist aber nicht möglich.
Wie sieht es mit der Stadt und der Region Bern aus?
Starke Erdbeben im Wallis spürt man natürlich auch im Berner Oberland und teilweise auch in Bern. Im Gebiet Bern-Napf gibt es aber kaum Aktivitäten. Es ist davon auszugehen, dass sich in den nächsten 100'000 Jahren daran nicht viel ändern wird. Allerdings gab es auch schon ein Erdbeben der Magnitude 5 in Bern und ein vergleichbares in Belp.
Es gibt eine Richterskala und eine Mercalliskala. Was ist der Unterschied?
Bei der Richterskala wird die freigesetzte Energie abgeschätzt. Man kann das mit einem Stein, der ins Wasser fällt, vergleichen. Dort, wo er einschlägt, sind die Wellen hoch, weiter weg, werden die Wellen kleiner. Die Mercalliskala ist eher ein beschreibender Massstab für die Intensität und beruht auf Erfahrungswerten. Zum Beispiel: Es gibt Risse in der Wand, Bilder fallen herunter, die Leute rennen in Angst auf die Strasse.
Der Erdbebendienst der ETH Zürich verzeichnet auf seiner Homepage viele kleine Erdstösse.
Die Mehrheit davon wird gar nicht wahrgenommen, nur gemessen. Beben mit einer Stärke von 2,0 bis 2,5 bemerkt man praktisch nicht. Ungefähr ab 3,0 bewegt sich der Boden in einer Welle. Es kann auch erste Schäden geben, wie in der Region Basel nach den Bohrungen für die Geothermie.
Warum ist die Region Basel ein Erdbebengebiet?
Der Schwarzwald und die Vogesen bewegen sich voneinander weg, der Rheingraben sinkt ab. Die kleine adriatische Platte, ein Ausläufer oder Sporn der Afrikanischen Platte, drückt von Süden nach Norden gegen die Eurasische Platte. Die Spannungen entladen sich im Alpenraum und im Rheingraben.
Wie gross sind die Verschiebungen zwischen den Platten?
Es handelt sich um eine Einengung von 1 Millimeter pro Jahr, in einer Million Jahren kommen sich also die Poebene und der Schwarzwald einen Kilometer näher. Brig und Chur werden pro Jahr um etwa 1,5 Millimeter angehoben.
Ist das aus geologischer Sicht viel oder wenig?
Das ist kein Schnellzugstempo und nicht mit den seismischen und tektonischen Aktivitäten in Japan oder Südamerika zu vergleichen. In Japan geht es um Verschiebungen von 8,3 Zentimetern im Jahr, in Südamerika sprechen wir von 10 Zentimetern. Auch die Alpenfaltung ging früher wesentlich schneller voran, es gab Werte von circa 1 Zentimeter pro Jahr.
Heute wird beim Bauen grosser Wert auf die Erdbebensicherheit gelegt. Heisst das, ein Erdbeben wie 1356 in Basel hätte geringere Schäden zur Folge?
Nicht unbedingt. Wenn man sich einen Bruch durch die Stadt hindurch vorstellt, dann werden Wasser-, Gas- und Stromleitungen zerstört. Brände brechen aus, welche die Feuerwehr nicht bekämpfen kann, weil auch das Wasser unterbrochen ist. Feuersbrünste sind typisch bei Erdbeben. Man ist machtlos. Darum sind bei AKW sekundäre Systeme für die Notversorgung so wichtig. (Der Bund)
Erstellt: 16.03.2011, 07:09 Uhr
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