Bern
Eine berstend volle Kirche applaudiert Urwyler
Von Marc Lettau. Aktualisiert am 28.11.2011
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Das wohl letzte Kapitel in der konfliktreichen Saga um den Könizer Pfarrer André Urwyler und den Könizer Kirchgemeinderat: Urwyler hielt am gestrigen ersten Advent nach 22 Jahren seine Abschiedspredigt. In der Sache selbst hat sich also der Kirchgemeinderat durchgesetzt: Urwylers Verpflichtung als Könizer Pfarrer endete gestern definitiv. Aber auch ohne den ebenso charismatischen wie streitbaren Pfarrer wird die Kirchgemeinde so schnell nicht zur Ruhe kommen. Die Mehrheit der Kirchenkreiskommission Köniz gab gestern ihren Rücktritt bekannt, nach eigenem Bekunden «tief enttäuscht» vom Vorgefallenen.
Die Kirche: Mal stumm, mal voll
Gestern zeigte sich «die Kirche» in Köniz auf unterschiedlichste Weise. Die Kirche – als Institution – blieb stumm: Der Kirchgemeinderat vermied jeglichen öffentlichen Abschied von Urwyler. Die Kirche – als Bauwerk – war viel zu klein: Um die vorsichtig geschätzt 500 Besucherinnen und Besucher teilhaben zu lassen, musste die Predigt auch in den benachbarten Rittersaal übertragen werden. Die Kirche – als Gemeinschaft – stimmte also gestern mit den Füssen ab, und zwar einmal mehr für den Pfarrer, den die oberste Könizer Kirchenbehörde seit Jahren als untragbar bezeichnet.
Eine Predigt – ganz à la Urwyler
Urwyler predigte zum Advent. Advent bedeute Ankunft, stehe für die Ankunft von Jesus Christus, von jenem Jesus, «der den Tempelfrieden gestört hat, weshalb es zu einer Zerrüttung mit der Kirchenbehörde kam». Urwyler kann und will nicht ohne solche Bezüge zum realen Alltag predigen. Er spricht vom Blick nach vorn, vom Licht, das es anzuzünden gelte. Aber er benennt auch den Konflikt: dass Advent mehr sein müsse «als ein legitimiertes Kerzli» mitten im Einkaufsrausch. Urwyler predigt wider ein Evangelium, das sich nur «zwischen Buchdeckeln» abspiele. Er spricht von den konkreten Hoffnungen, die jedes Lebensalter brauche, verschweigt dabei nicht, wie oft die Kirche «die Hoffnung auf eine spätere Gerechtigkeit missbraucht hat». Und er zitiert Kurt Marti: «Die Hoffnung versteckt Asylanten; die Hoffnung kauft im Drittweltladen ein; die Hoffnung kann wütend werden; die Hoffnung kämpft für das Recht des andern; die Hoffnung macht zärtlich.»
Leidenschaftliche Würdigung
Andreas Meinerzhagen, Präsident der dem Kirchgemeinderat untergeordneten Kreiskommission, würdigte Urwyler als begnadeten Prediger. Er hob Urwylers Begeisterungsfähigkeit hervor. Während Kirchen die Absenz ihrer Schäfchen beklagen, sieht Meinerzhagen in Urwyler den Prediger, dem es glücke, eine Kirche zu schaffen, in die es «nicht nur die Grufties, sondern auch die Teenies zieht». Meinerzhagen dürfte sein Lob im vollen Wissen vorgebracht haben, dass es just das Charisma des «Alphatieres Urwyler» (Urwyler über Urwyler) ist, das einem Teil des Kirchenvolks zuweilen auf den Geist geht und in den Vorwurf mündet, er stelle sich selber zu sehr in den Mittelpunkt. Die Kirchenkreiskommission sieht das entschieden anders. Der Erfolg Urwylers erkläre sich eben gerade durch dessen Glaubwürdigkeit und Authentizität. Anders lasse er sich gar nicht erklären. Der spontane Applaus der Menge war wohl Beleg dafür, dass es die gestrigen Predigtbesucherinnen und -besucher ebenso sahen.
Unsicherheit hält an
Kreiskommissionspräsident Meinerzhagen legt angesichts der «Abschiebung» Urwylers sein Amt nieder. Die Mehrheit der Kommission wird es ihm gleichtun. Köniz kann also nicht darauf zählen, dass nun eine gefestigte Kommission das kirchliche Leben ordnen und entwirren wird. Die Unsicherheit hält an. Der Rücktritt der Kommissionsmehrheit ist freilich folgerichtig: Die Kommission ist mit dem expliziten Ziel angetreten, gegen den Willen des Kirchgemeinderates die Weiterbeschäftigung Urwylers zu erwirken. Dieses Ziel hat sie verfehlt.
Zurück bleibt laut Meinerzhagen «verletztes Gerechtigkeitsgefühl»: Die «Gesprächsverweigerung der Behörde, die fehlende Transparenz, der missachtete Volkswille» und – besonders zentral – «die ausgebliebene glaubwürdige Antwort auf die Frage, warum Urwyler nun wirklich gehen muss», sei keine gute Basis für einen Neuanfang. Der Kirchgemeinderat habe einen Machtkampf «in juristischer Hinsicht gewonnen», nicht aber «die Herzen der Menschen.»Eine Predigt wäre keine Predigt von Urwyler, wenn Urwyler nicht selber das letzte Wort hätte. Er nutzt es, um die Stimmung rhetorisch geschickt wieder ins Versöhnliche und Zuversichtliche zu wenden: «Ohne Lachen ist das schönste Weinen nur ein Triefen.» Das ist zwar weder alt- noch neutestamentlich, sondern Wolf Biermann, also völlig weltlich. Von weltlichen Werten geprägt ist auch Urwylers Appell vor der Kollekte: «Gäbet bitte öppis, wo ke Lärme macht.»
Legende_klein. Foto: Vorname Name (Agentur) (Der Bund)
Erstellt: 28.11.2011, 08:38 Uhr
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