Eine SP ohne Akademikersprache
Von Stefan Wyler. Aktualisiert am 01.09.2010
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Roland Näf
Der 53-jährige Roland Näf wird heute Abend als Nachfolger von Irène Marti zum neuen Präsidenten der SP Kanton Bern gewählt. Er ist in Muri aufgewachsen, hat sich erst zum Primarlehrer, dann zum Sekundarlehrer ausbilden lassen, später noch ein Studium in Pädagogischer Psychologie und Politologie absolviert. Seit 1986 unterrichtet er an der Schule Seidenberg in Gümligen, seit 1998
ist er auch Co-Schulleiter. Näf hat überdies Lernsoftware für den Schulverlag Bern geschrieben. Von 1996 bis 2002 sass er für die SP im Grossen Gemeinderat Muri, seit 2005 sitzt er im Grossen Rat, seit 2008 ist er Vizepräsident der SP Kanton Bern. Näf ist verheiratet, Vater zweier Kinder.
Roland Näf steht am Rednerpult im Grossen Rat, wirbt chancenlos für eine selektionsfreie Schule – und hantiert dabei mit einem grossen gelben Würfel: dem «Selektionswürfel». Das heutige Übertrittsverfahren sei ungerecht, erklärt er: Genauso gut könnte man würfeln, wer in die Sekundarschule komme und wer in der Realschule bleibe. Wenn Näf am Rednerpult mit dem Würfel spielt, dann beeindruckt das seine Grossratskollegen wenig, das weiss der Sozialdemokrat. Er weiss aber auch: Der Grossrat mit dem grossen Würfel am Rednerpult – das gibt ein gutes Bild für die Medien.
Plädoyer fürs Verstandenwerden
Roland Näf will seine Botschaft an die Leute bringen. Er sucht mit vielen parlamentarischen Vorstössen die Aufmerksamkeit, er scheut sich nicht, Leserbriefe zu schreiben, und er hat, anders als viele andere Sozialdemokraten, keine Berührungsängste zu Boulevardmedien und Gratiszeitungen.
Ein Problem der SP, so sagt er, sei «die Akademikersprache» – all die Fremdwörter im sozialdemokratischen Text. Hier wollen der neue SP-Präsident und seine zwei Vizepräsidentinnen, Ursula Zybach und Sabina Stör Büschlen, ansetzen. «Wir wollen eine einfache, prägnante Sprache pflegen», verspricht Näf. «Eine Sprache, die jeder und jede versteht. Wir wollen wieder alle Leute erreichen, auch jene, die nur ‹20 Minuten› lesen.» Die SP, fordert Näf, müsse wieder «näher an die Sektionen» heran; so werde sie, nach einer Reihe von Wahlniederlagen, auch wieder auf die Siegesstrasse zurückkehren. Eine Wahl Simonetta Sommarugas in den Bundesrat, hofft Näf, könnte für die Berner SP einen «Aufbruch» bedeuten. Am Kurs der Partei aber zweifelt Näf nicht. In einer Zeit, in der sich die Schere zwischen Reich und Arm immer mehr öffne, brauche es die SP als Partei, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetze. «Die SP ist die einzige Partei, die die Schwächeren vertritt.»
Lehrerhafter Ton
Näf ist ein eloquenter Redner, in der politischen Auseinandersetzung setzt er auf eine pointierte, oft auch klischierte Sprache, er redet an gegen «Abzocker, Finanzjongleure und Rentenklau». Grossratskollegen beschreiben ihn übereinstimmend als «sehr engagierten Politiker», der eine angriffige Sprache pflegt, aber auch als einen durchaus umgänglichen Kollegen, mit dem man reden kann – abseits der politischen Arena. Ebenso übereinstimmend aber kritisieren die Ratskollegen Näfs Ton, den dieser in seiner öffentlichen Rede anschlägt. Näf argumentiere «schulmeisterlich», sagen die zurückhaltenderen, sein oberlehrerhafter Ton nerve, formulieren die strengeren. Näf kennt die Kritik. Dieser pastorale oder lehrerhafte Tonfall sei «eine Schwäche», räumt er ein. «Das ärgert mich selber wahnsinnig.» Er werde versuchen, diesen Ton wegzutrainieren, kündet er an.
Unerbittlich gegen Killerspiele
Der Lehrer Näf setzt seine politischen Schwerpunkte in der Bildungspolitik, er engagiert sich zunehmend auch in der Energiepolitik – für die Energiestrategie der rot-grünen Regierungsmehrheit und gegen den Bau eines neuen Atomkraftwerks in Mühleberg. In der Öffentlichkeit wurde Näf bekannt als unerbittlicher – manche sagen: verbissener – Kämpfer gegen Killerspiele. Hier hat er das Spiel auf der Klaviatur der Medien gelernt, und sein Kampf hat auch Erfolge gezeitigt: Eine Vorlage, die den Handel mit grausamen Computerspielen verbieten will, liegt derzeit beim Bundesrat. Und die Gamebranche, so erzählt er, mache ihn verantwortlich für einen siebenprozentigen Verkaufsrückgang bei den Brutalospielen: Das erfülle ihn mit Stolz, sagt Näf. Beim Kampf gegen die Killerspiele hat Näf seine Mission. Er habe erlebt, sagt er, wie sich 12-, 13-jährige Buben in der Schule verhielten, wenn sie ein Wochenende lang nur diese brutalen Spiele gespielt hätten: Sie seien «hochnervös, unkonzentriert, aggressiv». Wenn «das tausendste Gehirn an die Wand spritzt», gehe das Mitgefühl verloren, sagt Näf. Er hat mehrere Killerspiele selber gespielt, und er sei, erzählt er, beim Spielen «über mich selber erschrocken». Er habe gespürt, wie ihn das Spiel gepackt habe, und gleichzeitig habe er gemerkt, dass das «absolut inakzeptabel» sei, was er da tue, dass es allen Menschenrechten und seiner ethischen Überzeugung widerspreche.
Näf möchte den Handel mit Brutalo-Computerspielen verbieten, nicht aber den Spieler, den Konsumenten bestrafen. Ähnlich hält er es mit den Drogen. Der Konsum weicher und harter Drogen sollte straffrei werden, der Handel sollte weiterhin verboten sein, Schwerstabhängige sollten wie schon heute kontrolliert mit Stoff versorgt werden, skizziert Näf: Nur auf diese Weise komme man gegen das Drogenelend an, könne man die Mafiastrukturen im Drogenhandel wirksam bekämpfen.
Milde mit den Juso
Der Kampf gegen Killerspiele hat Näf aus Gamerkreisen heftige Anfeindungen eingetragen, aufgemuckt aber hat auch die Parteijugend. Näf stelle sich bei der Debatte um Killergames «offen gegen die Jugend», befanden die Stadtberner Jungsozialisten und riefen zum «Widerstand» gegen Näfs Wahl auf. Auf die Attacke reagiert Näf wie ein routinierter Parteipräsident: «Ich finde es gut», sagt er, «wenn die Stadtberner Juso sagen: Hier sind wir nicht einverstanden.» Und er freue sich, wenn es bei der SP «eine gewisse Lebendigkeit» in der parteiinternen Auseinandersetzung gebe. (Der Bund)
Erstellt: 01.09.2010, 07:28 Uhr
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