Bern
Ein Kanton mit mittelmässigen Lesern
Von Marc Lettau, Mireille Guggenbühler. Aktualisiert am 06.12.2011
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Die Zeitung zu lesen, ist nicht schwierig. Man liest Wort um Wort, Satz um Satz. Voilà. Das ist simpel. Ob man aber das Gelesene versteht und dazu nutzt, sein Wissen zu hinterfragen oder gar zu erweitern, steht auf einem anderen Blatt. Ungefähr so packt auch die Pisa-Studie das Thema Lesen an: Der Fokus liegt weniger auf dem «Lesen lernen», sondern auf dem «Lesen, um zu lernen». Nicht das fehlerfreie Entschlüsseln eines Textes ist also die Maxime, sondern die Fähigkeit, schriftliche Information aus dem Alltag zu verarbeiten und gut zu nutzen. Vor diesem Hintergrund sind die gestern veröffentlichten Ergebnisse der Pisa-Studie 2009 für den Kanton Bern durchaus von Belang: Punkto Lesekompetenz ist Bern nur Mittelmass. Im französischsprachigen Kantonsteil liegt die Lesekompetenz sogar etwas unter dem schweizerischen Mittel.
Erklärungsversuche
Laut Robert Furrer, dem Generalsekretär der bernischen Erziehungsdirektion, hat dies wohl mit dem sozialen Hintergrund der Jugendlichen zu tun: «Bei der Lesekompetenz spielt beispielsweise der Migrationshintergrund eine starke Rolle.» Will heissen: In Kantonen wie Schaffhausen, in denen recht wenige Kinder zur Schule gehen, die zu Hause keine der hiesigen Landessprachen sprechen, ist die gemessene Lesekompetenz hoch. In Kantonen mit vielen Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund, ist sie bescheidener. So liegen etwa Genf und die «Bildungshochburg» Zürich in diesem Bereich hinter Bern.
Kernkompetenz jeder Bildung
Doch was ist nun zu tun? Furrer stellt zunächst klar, dass die nicht befriedigende Lesekompetenz der bernischen Schülerinnen und Schüler ernst genommen werden müsse, «weil letztlich die ganze Bildung auf der Fähigkeit zu lesen und zu schreiben beruht». Zugespitzt formuliert und mit Blick übers Schulische hinaus: «Man muss im Alltag mehr als Piktogramme lesen können. Wer sein Leben selbstständig und selbstbestimmt ausgestalten will, muss auch anspruchsvollere Texte lesen und schreiben können.» Furrer verweist auf die Nöte, mit denen leseschwache Berufstätige zu kämpfen haben: «Sie haben oft Mühe, Verträge zu verstehen oder in ihrem Berufsleben Rapporte zu schreiben.» Somit präge die Lesefähigkeit wesentlich die beruflichen Entwicklungschancen des Einzelnen.
Leseförderung mit Grenzen
Lesen und das Gelesene verstehen hiesse hier wohl: Die Lehrkräfte müssen sich in Sachen Leseförderung halt etwas mehr anstrengen. Eine zu simple Folgerung, sagt Furrer: «Mit der Leseförderung in den Schulen kommen wir an Grenzen.» Man könne zwar dem Lesen und Schreiben mehr Beachtung schenken, etwa indem von den Schülerinnen und Schülern noch häufiger verlangt werde, selber zu recherchieren: «Die Recherchierarbeit im Internet trägt zu Lesekompetenz bei.» Vermutlich genüge dies aber nicht, um die erkannten Schwächen zu beseitigen. Es gelte auch «die Leseförderung in der Freizeit attraktiver auszugestalten». Die Zielgruppe der Leseförderung in ihrer Freizeit zu erreichen, ist freilich kein einfaches Unterfangen.
Lehrkräfte zunehmend Pisa-müde
Beim Bernischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (Lebe) wird die festgestellte Durchschnittlichkeit punkto Lesekompetenz nicht bestritten. Aber die Lehrkräfte zeigen sich vor allem zunehmend Pisa-müde und äussern sich kritisch über die Testanlage: «Wir können einer Ranglistenpädagogik wenig abgewinnen», sagt Etienne Bütikofer, Bereichsleiter Pädagogik bei Lebe. Er stört sich auch daran, dass nur acht Deutschschweizer Kantone mitmachten. Das schmälere Sinn und Aussagekraft der Pisa-Studie.
Robert Furrer sieht dies etwas anders. Auch so liefere die Untersuchung «hilfreiche Hinweise». Vor allem aber stünden in naher Zukunft bessere Vergleichsmöglichkeiten zur Verfügung. Mit dem Deutschschweizer Lehrplan, der laut Furrer im Jahr 2015 oder spätestens 2016 in Kraft treten dürfte, werde auch ein neues, vergleichendes Systemmonitoring eingeführt: «Dieses Monitoring wird die Pisa-Studie zum Teil ersetzen.»
Unterschiedliche Stundenzahl
Der Deutschschweizer Lehrplan mag dereinst die Vergleichbarkeit zwischen den Kantonen verbessern. Doch heute ist es noch so: Gemessen wird die Rechenkunst der Kids unter Ausblendung der Tatsache, dass nicht in allen Kantonen gleich viele Mathematiklektionen erteilt werden. Furrer: «Es stellt sich tatsächlich die Frage, ob der Output der Schülerinnen und Schüler in direktem Zusammenhang mit der Lektionenzahl steht.» Die aktuellen Ergebnisse stellten aber just diesen Zusammenhang infrage. So liege Bern bei der Zahl der Mathematiklektionen an der unteren Grenze, bei den gemessenen Mathematikkompetenzen aber weit oben. Furrers Erklärung: «In der Mathematik spielt der Migrationshintergrund vermutlich eben die viel kleinere Rolle.»
Gut abschneiden lernen?
Liessen sich die für Bern mittelmässigen Resultate nicht auch etwas schönen, indem Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht etwas gezielter auf die Pisa-Testreihen ausrichten? «Teaching for the test» nennt man dies im Lehrerzimmer etwas salopp. Laut Robert Furrer wolle die Pisa-Testanlage solches selbstverständlich verhindern. Aber ebenso selbstverständlich gingen Neuntklässler entspannter an den Test, wenn ihnen im Vorfeld ähnliche Aufgaben gestellt worden seien. Das könne zu besseren Resultaten führen, entwerte aber den Test als Ganzes nicht. Gerade beim Leseverständnis werde ja weit mehr als das «mechanische Lesen» getestet. (Der Bund)
Erstellt: 06.12.2011, 06:45 Uhr
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