Doumbia und Drogba im Saanenland
Von Timo Kollbrunner. Aktualisiert am 01.06.2010
Fussball-WM 2010
Berge, Kühe, grüne Wiesen, im Hintergrund eine schmucke Kirche: Es gibt wenige Berühmtheiten, die in dieser Szenerie heimisch erscheinen. Heidi und Geissenpeter gehören dazu, Renzo Blumenthal vielleicht noch, Didier Drogba, Afrikas Fussballer des Jahres 2009, eher weniger. Doch genau der sitzt nun da, in Saanen, auf einem Betonmäuerchen neben dem Fussballfeld des FC Sarina. Neben ihm haben es sich weitere Superstars des Weltfussballs bequem gemacht. Salomon Kalou etwa, Drogbas Teamkollege beim FC Chelsea, daneben Yaya Toure vom FC Barcelona und sein Bruder Kolo, angestellt bei Manchester City. Millionen von Ivorern hoffen darauf, dass sie, die von ihren Anhängern ehrfürchtig «les elephants» genannt werden, dafür sorgen werden, dass sich die Elfenbeinküste als erstes afrikanisches Land für den Halbfinal einer Weltmeisterschaft qualifiziert. Die ganze Welt wird ihnen dabei zusehen. An diesem Abend haben die Stars der Elefanten erst einmal frei und schauen ihren Teamkameraden zu, die sich mit der Nachwuchsmannschaft von Neuchâtel Xamax messen. Das Spiel interessiert sie nur mässig. Kalou möchte telefonieren, «allo, allo», sagt er immerfort in sein Telefon – sein Anbieter scheint das Berner Oberland nicht ideal abzudecken. Emmanuel Eboue, Starfussballer in Diensten von Arsenal London, hat sich Kopfhörer übergestülpt, die sein halbes Gesicht bedecken – ihn wird heute nichts mehr aus der Ruhe bringen.
Dass das Resultat an diesem Abend nicht im Vordergrund steht, ist schnell klar. Ein deutliches Indiz: Da die Afrikaner alle drei Torhüter einsetzen möchten, spielt einer von ihnen für die Mannschaft aus Neuenburg. Mangelnden Einsatz kann man ihm keineswegs vorwerfen, immer wieder feuert er seine Vorderleute, von denen er die Namen nicht kennt, an. Die Neuenburger halten vorerst gut mit und den Schaden in Grenzen, erst nach gut einer halben Stunde erzielen die Ivorer den Führungstreffer.
Das Spiel überhaupt ist für viele hier nicht die Hauptsache. Neben dem Feld der «Grossen» kicken Knaben, drei von ihnen in Schweiz-Shirts, ein Fanshirt der Ivorer sucht man vergebens. Auch für viele der ausgewachsenen Zaungäste stehen eher Wurst, Bier und der Austausch von Plattitüden als das Interesse an den afrikanischen WM-Fahrern im Vordergrund. Jene, die wirkliches Interesse an den Ivorern zeigen, sind fast allesamt Kinder. Drogba posiert, wetterentsprechend mit Kappe auf dem Kopf, mit unzähligen jungen Fans. Er macht Scherze, «sehr gut» sagt Drogba auf Deutsch und lacht breit, als ihm ein soeben geknipstes Foto gezeigt wird.
Eine Unterschrift zu holen, würde natürlich wenig Sinn machen, wenn man sie danach niemandem stolz präsentieren könnte. «Lueg Papi», sagt ein Knabe stolz zu einem Vater und zeigt ihm das Gekritzel, das einer der hochbezahlten Starfussballer auf seinem Pullover hinterlassen hat. «Nei, aber nid zmitzt ufe Ermel», beklagt sich der nur. Ob das nun Drogba war oder Doumbia – einen neuen Pullover einfach so zu «vercharen», das gehört sich nicht. Auch jenes Mädchen, das sich nach dem Handschlag mit einem der Fussballer «nie mehr» die Hände zu waschen gedenkt, wird wohl von ihren Eltern eher früher als später zur Vernunft gebracht werden.
Nach der Pause wird Seydou Doumbia eingewechselt. «Doumbia, my Lord» stimmen Kinder hinter dem Tor an, als der Jungspund, der in den letzten beiden Spielzeiten in Bern für Furore gesorgt hat, das Feld betritt. Nicht zuletzt dank ihm wird die Überlegenheit der Ivorer nun offenkundig. Doumbia markiert das 2:0, gibt den Pass zum 3:0, später erzielt er sein zweites Tor. Die Afrikaner gewinnen schliesslich mit 6:0.
Mit dem Schlusspfiff geht vor allem für Thomas Spicher ein Abend zu Ende, den er nicht so schnell vergessen wird. Er, der normalerweise im Team der unter 16-Jährigen bei Xamax das Tor hütet, stand in der zweiten Halbzeit bei den Ivorern zwischen den Pfosten. Zu tun hatte er zwar kaum etwas, «ein tolles Gefühl» sei es dennoch gewesen. Viel gesprochen habe er nicht mit seinen Mitspielern, zu weit aus dem Fenster oder besser aus dem Torraum lehnen wollte er sich dann doch nicht. Doch auch Spichers Begeisterung für seine Mitspieler auf Zeit hält sich in Grenzen. «Allerhöchstens das Viertelfinale» traut er der Elfenbeinküste an der Weltmeisterschaft zu. (Der Bund)
Erstellt: 01.06.2010, 08:01 Uhr
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