Die Reitschule fürchtet um die Sicherheit ihrer Besucher

Der hauseigene Sicherheitsdienst hat sein Einsatzgebiet ausgeweitet, um Übergriffe und Diebstähle zu verhindern, will aber keine engere Zusammenarbeit mit der Polizei.

Schutzlos in den Massen: Auf dem Reitschul-Vorplatz häufen sich die Übergriffe.

Schutzlos in den Massen: Auf dem Reitschul-Vorplatz häufen sich die Übergriffe. Bild: Thomas Reufer

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Die Berner Reitschule war nie ein Hort der Sicherheit. Wer einen ruhigen Abend in gepflegter Atmosphäre verbringen möchte, tut dies wahrscheinlich nicht auf dem Vorplatz. Und wer den vollen Rucksack am Samstagabend unbeaufsichtigt im Dachstock liegen lässt, tritt den Heimweg aller Wahrscheinlichkeit nach mit leichterem Gepäck an. Das wissen Besucher wie Reitschüler. Und sie leben damit.

In jüngster Zeit erreichen die Vorfälle aber eine Dimension, die selbst langjährige Reitschulgänger besorgt. Banden rauben mit gezückten Messern mitten auf dem Vorplatz Besucher aus. Diebe beklauen Gäste des Restaurants Sous le Pont während des Essens. Männergruppen verüben sexuelle Übergriffe auf junge Frauen. In zwei Auseinandersetzungen kamen sogar Messer zum Einsatz. Im Sommer stach etwa ein Drogendealer auf einen Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der Reitschule ein und fügte ihm mehrere Stichverletzungen zu. «Nur durch grosses Glück wurde er nicht schwerer verletzt», teilt die Mediengruppe der Reitschule auf Anfrage mit.

Die Reitschule räumt denn auch ein, dass es in den letzten Monaten zu einer Häufung von Vorfällen gekommen sei. «Tatsächlich hatten wir während der Wintermonate den Eindruck, dass sich Taschendiebstähle und sexuelle Belästigungen (hartnäckiges Anmachen, begrabschen, usw.) zu häufen beginnen», schreibt die Mediengruppe. Man habe aber bereits auf die Vorfälle reagiert. So seien mittlerweile an den Wochenenden mehr Sicherheitskräfte im Einsatz, die auch auf dem Vorplatz patrouillierten.

Ausserdem habe man eine «Sensibilisierungskampagne» gestartet. Ein Problem ortet die Mediengruppe denn auch in der fehlenden «Zivilcourage» der Gäste. «Wir nehmen solche Vorfälle sehr ernst und würden gerne adäquat reagieren können, dafür müssen wir jedoch auch darüber in Kenntnis gesetzt werden», schreibt sie.

Willi: Mehr Polizei wäre die Lösung

Während die Besucher also mehrheitlich schweigen, haben einige der Opfer gehandelt und Anzeige bei der Polizei eingereicht. «Es gab in letzter Zeit vermehrt Anzeigen im Zusammenhang mit Delikten in der Reitschule», bestätigte Manuel Willi, Chef der Regionalpolizei Bern, am Rande der Medienkonferenz zur Sicherheitsbefragung 2015. Allerdings sei die Situation nur schwer abzuschätzen. «Die Dunkelziffer ist wohl sehr hoch», sagte er. Insbesondere auch deshalb, weil der Sicherheitsdienst der Reitschule den Opfern von einer Anzeige abrate – so jedenfalls hätten es einige der Opfer berichtet. Für Willi ist klar, das eine vermehrte Präsenz der Polizei die Situation verbessern würde. «Leider können die Einsatzkräfte auf dem Vorplatz aber ihre Arbeit kaum wahrnehmen, ohne dass sie mit Angriffen rechnen müssen.»

Die Mediengruppe der Reitschule weist den Vorwurf, Opfer von einer Anzeige abzuhalten, als «komplett haltlos» zurück. «Die Entscheidung, leichte Übergriffe zur Anzeige zu bringen, liegt beim jeweiligen Opfer.» Bei schweren Übergriffen werde die Reitschule gar selber aktiv. «Glücklicherweise kommt das nur selten vor.» Auch dass eine vermehrte Präsenz der Polizei die Sicherheit auf dem Vorplatz erhöhen würde, glaubt die Reitschule nicht. «Im letzten Sommer wollte die Polizei bekanntlich mit zahlreichen Razzien das Deal-Problem lösen», heisst es vonseiten der Mediengruppe. Geändert habe sich seither aber überhaupt nichts. Und dass Polizisten bei Einsätzen angegriffen würden, hätten sich diese selber zuzuschreiben. «Wenn man gewisse Polizeieinsätze betrachtet, kann man die Abneigung der Jugendlichen gegenüber der Polizei nachvollziehen.» Eine engere Zusammenarbeit mit der Polizei sei jedenfalls keine Option. (Der Bund)

(Erstellt: 02.03.2016, 07:39 Uhr)

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