Bern

Die Feuerlilith aus der Unterwelt

Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 30.08.2012

Einmal will sie noch als lebende Kanonenkugel durch die Lüfte fliegen: die Berner Feuerkünstlerin Milena Gross, die im neuen Programm des Cirque de Loin auftritt.

Milena Gross in der Rolle der Zora Harlekina.

Milena Gross in der Rolle der Zora Harlekina.
Bild: Attila Polgar (Bizarre Magazine)

Aus der Unterwelt: Milena Gross.

Säbeli Bum zum vierten Mal

Die vierte Auflage von Säbeli Bum, dem integrativen Festival von Freaks für Stars, findet am Samstag, 25. August, von 13 bis 21 Uhr im Lorrainebad statt. Neben dem Cirque de Loin mit Sole Confuso und Mich Gerber treten der Berner Songwriter Patrick Bishop, die Blaskapelle Traktorkestar aus Bern und die Band Hora aus Zürich auf. Der Eintritt ist frei, bei schlechtem Wetter wird die Veranstaltung im Nationalen Pferdezentrum durchgeführt. Der Cirque de Loin von Michael Finger tritt weiter mit seinem neuen Programm «Mother’s Milk» vom 5. bis 9. September auf der Berner Münsterplattform auf.

Einen Traktor hat sich Milena Gross gekauft. Sie schwärmt vom schweren Gefährt wie andere von einem Jaguar. «Man kann mit ihm nur langsam reisen und hat so viel mehr vom Unterwegssein.» Am Traktor angehängt ist ein alter Zirkuswagen, und unterwegs ist sie mit einer ganzen Reihe fantastischer Figuren, mit Zora Vipera, Zora Harlekina, Zora Hypnotica, Zora Sultana, Zora Torera, Zora Puritana und wie sie alle heissen, die geheimnisvollen Charaktere, in die sie sich gern verwandelt.

Neben Schmuck und prächtigen Kostümen hat Milena Gross auch viel Petroleum dabei. Zum Verzehr. Die 26-jährige Bernerin ist Feuerschluckerin, eine der wenigen Frauen in diesem heissen Metier.

Woher ihre grosse Faszination für den brennenden Stoff kommt, dafür hat Milena Gross eine einfache Erklärung. «Bei uns zu Hause gabs ein Cheminée, und man hat mich schon als Baby davor gelegt.» Als Sechsjährige lernt sie im Kinderzirkus Bombonelli Bärlappsporen entzünden, und in den Schulferien auf Ibiza entdeckt sie die Hippies und deren Feuerrituale. Als sie selber zu experimentieren anfängt, holt sie sich Tipps bei Charly Molotoss, dem Fakir vom Zaffaraya. Dass dieser längst alle Zähne verloren hat, macht ihr keine Angst. «Wenn sich meine Zähne verändern, dann ist das so und gehört dazu», sagt die Feuerkünstlerin, strahlt und zeigt ihre schönen Zähne. «Sie werden durchsichtiger.»

Das innere Tier und die Zuneigung

Milena Gross kann gar nicht anders, als sich mit Haut, Haar und Zähnen ihren Figuren auszuliefern. Denn all die Geister, die sie auf die Bühne bringt, kommen aus ihrem Innersten. «Am Anfang ist immer ein vages Gefühl, und das will dann erforscht werden.» Bei der Zora Hypnotica sei es das innere Tier gewesen, das nach ihrer Zuneigung verlangt habe. «Es meinte es bös mit mir und hat mich nicht losgelassen.»

Es ist eine ganz eigene Welt, aus der Milena Gross ihre Kunst schöpft. Eine Welt, die früher überhaupt nicht kompatibel gewesen ist mit ihrem Leben, ihrem Schulalltag. «Der war reine Folter, ich habe nie verstanden, warum wir Kinder fast die ganze Zeit in einem Zimmer eingeschlossen wurden.» So viele Impulse und Gefühle habe sie, die am liebsten draussen in der Natur gewesen sei, damals abwürgen müssen.

Klöppeln und Schweissen

So fremd ihr die Normalität erscheint, sie will sie verstehen: «Ganz bewusst habe ich mich für ein biederes Metier entschieden.» Sie absolviert das KV, Abschluss inklusive, obwohl sie genau weiss, dass sie nie in einem Büro arbeiten wird. «Aber ich wollte unbedingt unser System durchschauen und herausfinden, wie Menschen sich fühlen, die den ganzen Tag am Computer sitzen.» Mitgeholfen, diesen Alltag durchzustehen, haben ihr ihre ersten Figuren und das Feuerschlucken. «Damals habe ich mit Zündhölzern angefangen.»

Heute hat Milena Gross ein paar Narben und zusammen mit Babette Althaus und Katja Brunner den Strassenzirkus Sole Confuso. Das Bauchtanzen hat sie perfektioniert, das Schweissen gelernt, sich die Kunst des Klöppelns und Stickens angeeignet, um ihre Kostüme ganz nach ihren Vorstellungen zu schmücken. Und seit Abschluss der Lehre lebt sie von ihren Auftritten. «Das Geld liegt auf der Strasse», und hat es dort mal zu wenig, so verkauft sie Hula-Hoop-Ringe, lauter Eigenkreationen, oder jobbt als Anstreicherin.

Auftritt in Londons Olympia Hall

Vor allem im Underground ist die schöne Feuerteufelin gefragt, beim Cabaret Bizarre, das der Basler Fabrizio Plozner aufgezogen hat und das in keinem Veranstaltungskalender aufgeführt ist. Diese Tingeltangel- und Freakshows lassen die gute alte Variété-Zeit aufleben, mit unbändigen Entfesselungskünstlern, tollkühnen Damen, die in Glasscherben baden, dämonischen Burlesque-Tänzerinnen und schwarzen Magiern, die alle das alte Spiel von An- und Abstossung neu aufladen.

Über den Schweizer Underground hinaus ist Milena Gross mit ihren Nummern bekannt geworden, bis ans Londoner Burlesque-Festival in der Olympia Hall schaffte es ihre Zora Hypnotica. So sehr ihr die Rolle als Feuerlilith der Unterwelt gefällt, mindestens so gern bringt sie die Leute auf der Strasse zum Staunen. «Dem Feuer kann kaum jemand widerstehen, da bleiben die meisten Passanten stehen.»

Nummern zwischen 3 und 25 Minuten hat sie im Programm, die Dramaturgie bei Sole Confuso besorgt Babette Althaus, die selber auf grossen Stelzen über den Asphalt stöckelt. Am liebsten treten die jungen Frauen guerillamässig auf. «Wir holen nie Bewilligungen ein, der öffentliche Raum muss zurückerobert werden.» Und gern würden sie ihre Schau zusammen mit anderen Künstlern zu einem abendfüllenden Programm ausbauen. «Doch das muss sich ergeben.» So wie die Zusammenarbeit mit Michael Fingers Cirque de Loin. «Ein sehr spezielles Projekt», sagt Milena Gross zu «Mother’s Milk», bei dem auch der Berner Bassist Mich Gerber mit von der Partie ist. «Eigentlich ists ein Konzert, in das aber eine poetische Geschichte mit vielen Zirkuselementen verwoben ist.» Ein Projekt zudem, das von den Beteiligten viel verlange, vor allem, sich ganz zu öffnen.

Mit dem Traktor zu Jodorowsky

Sich ohne Netz und doppelten Boden neuen Erfahrungen auszuliefern, fasziniert Milena Gross am meisten: «Man darf nicht übermütig werden, denn wenn einen das Publikum anfeuert, entsteht eine sehr grosse Magie, die dazu verleiten kann, seinen Körper zu verlassen.» Dies sei ihr am Anfang ein paar Mal widerfahren. «Dann wirds schnell sehr gefährlich.»

Der Gefahren sind genug, die auf Milena Gross warten. «Ich fange jetzt auch mit Schwertschlucken an, und irgendeinmal will ich als lebende Kanonkugel durch die Manege fliegen.» Doch zuerst, nach den Auftritten mit dem Cirque de Loin, gehts nach Paris. Mit dem Traktor, und zu Alejandro Jodorowsky. «Mein Lieblingsfilmregisseur», sagt Milena Gross über den 83-jährigen chilenisch-französisch-russischen Künstler und Therapeuten, der noch heute jede Woche in einem Café in Paris Unbekannten Lebensberatung erteilt. Dabei wendet er seine legendäre Psychomagie an, eine Therapieform, die ebenso von der Psychoanalyse beeinflusst ist wie von spiritueller Magie. «Ich werde ihm in der Gestalt jener Figur begegnen, mit der ich mich gerade am stärksten identifiziere. Und da wird etwas passieren.» (Der Bund)

Erstellt: 23.08.2012, 12:13 Uhr

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