Bern
Der Ingenieur, der durch den Kleiderbügel steigt
Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 11.08.2011
Der Knie gastiert auf der Allmend
Für Komik unter dem Zirkuszelt sorgt Verrenkungsakrobat Barto (siehe Haupttext). Nicht allein: Getreu der Tradition hat Knie für das aktuelle Programm (Motto: «Vive le cirque!») Schweizer Komiker ins Chapiteau eingeladen – das Duo Edelmais: René Rindlisbacher und Sven Furrer. Die Wahl der Slapstick-Blödler war nicht unumstritten, doch hat sich das Duo im Verlauf der Tournee sehr gesteigert.
Eine atemberaubende Leistung erbringt der junge Chinese Zhang Fan auf dem Schlappseil. Ein weiteres chinesisches Meisterstück liefert die Zhejiang Acrobatic Troupe mit Kopf-auf-Kopf-Balance ab. Äquilibristik und Kontorsionistik, diesmal aber lyrisch und ernsthaft, zeigt das ukrainische Trio Bellissimo.
Bezaubernd choreografiert ist die Luftstrapaten-Nummer des ukrainischen Duos Grygorov und Shulga. Die Potpourri-Truppe, die gewissermassen das Programm mit rasanter Akrobatik «dekoriert», stammt ebenfalls aus der Ukraine und ist von hoher Qualität. Kernstück und Stolz der Knie-Familie bildet die Pferde- und Elefantendressur. Hier mischt zuweilen schon die achte Knie-Generation mit: der neunjährige Ivan Frédéric bei den Pferden und der fünfjährige Chris Rui bei den Elefanten. Chris’ Grossvater Franco Knie erlebte in dritter Ehe noch einmal Vaterfreuden: mit den nun zweijährigen Zwillingen Timothy und Nina. Diese, obwohl seit Geburt gewissermassen «Onkel» und «Tante» von Ivan und Chris, dürfen die Manege vorerst noch von aussen betrachten. Das Gleiche gilt natürlich für die 2011 geborene Chanel Marie, Tochter von Géraldine-Katharina Knie. Ihrem Ehemann Maycol Errani und dessen zwei Brüdern obliegen spektakuläre Bodenakrobatik-Nummern.
• Premiere ist heute Abend um 20 Uhr. Das Gastspiel auf der Berner Allmend dauert bis Mittwoch, 24. August.
• Elefanten-Apéro morgen Freitag auf dem Waisenhausplatz, Ankunft der Elefanten Dehli, Ceylon und MaPalaj ab ca. 10.20 Uhr.
• «Tiere gehen zur Schule»: Dr. Thomas Althaus kommentiert Pferde-Dressurproben: So 14. und 21. August, 10–12 Uhr.
• Zirkuszoo: 9–19.30 Uhr.
• Vorverkauf bei Ticketcorner, Post, SBB/BLS, Coop City; Internet: www.knie.ch.
Stichworte
Er sitzt vor dem Wohnwagen auf der Berner Allmend, trinkt Kaffee und wirkt unauffällig: Bart van Dyck, Komikakrobat im Circus Knie. «Wenn ich nach der Vorstellung am Buffet etwas trinke, erkennt mich fast niemand», sagt der Artist, der gestern den 45. Geburtstag gefeiert hat. Outet er sich als Barto, als der Verrückte, der in der Manege durch Kleiderbügel gestiegen ist und unter entsetzlichen Verrenkungen ein Trinkglas zum Mund geführt hat, dann ist die Überraschung gross: Wie kann jenes gnomenhafte Wesen – eine Mischung aus Troglodyt und Quasimodo – so normal sein?
Langeweile im Ingenieursstudium
Van Dyck stammt nicht aus einer alten Zirkusdynastie, sondern aus einem bürgerlichen Elternhaus im belgischen Antwerpen. Vater und Mutter sahen es gerne, dass der gute Schüler ein Ingenieursstudium durchlief, doch der Filius langweilte sich ziemlich und träumte von ausgedehnten Reisen. Mit einem Ingenieursjob in Afrika hätten sich die Eltern noch arrangieren können, aber einfach so in der Welt umherreisen?
Der inzwischen 24-Jährige absolvierte eine Zirkusschule und erlernte das ABC des Artistenberufs: Jonglieren, Balancieren auf dem Schlappseil und vieles mehr. Er habe sehr gute Jongleure gesehen, doch hätten sie zu wenig Bühnenpräsenz gehabt: «Man muss eine Figur entwickeln, damit die Nummer wirkt.» Später reiste er nach Kanada, im Gepäck ein Einrad. «Damit fuhr ich durch die Stadt, was eine gute Übung war und mich erst noch vor Staus verschonte.» Er trat als Strassenkünstler auf und führte seine Nummer auf Festivals vor.
Yoga hilft Schlangenmenschen
In Kanada lernte er seine jetzige Lebenspartnerin Martine kennen. Sie hatte sich in Indien mit Yoga befasst und brachte ihm diese Bewegungstechnik bei. «Ich merkte, dass einige Yoga-Übungen der Kontorsionistik gleichen.» Kontorsionistik ist die Kunst der sogenannten Schlangenmenschen. Oft sind das äusserst zierliche Persönchen aus der Mongolei, deren Auftritte von Poesie und Anmut erfüllt sind. Nicht so bei Barto: Er stolpert – unvorteilhaft gekleidet – durch die Manege und gibt den leicht Irren.
Am Wohnwagen machen sich Partnerin Martine und die drei Buben am Vorzelt zu schaffen. «Ah, sie können es ohne mich», sagt van Dyck anerkennend, er habe die Plane schon ganz alleine verlegt – unter ungeheuren Verrenkungen.
Die Familie hat sich wie andere Knie-Artisten bereits auf der Berner Allmend eingerichtet, obwohl der Nationalzirkus bis gestern noch in Solothurn gespielt hat. Zu den Vorstellungen sind sie in die Ambassadorenstadt gefahren. Die Buben haben derzeit Ferien, weshalb sie auf der Tournee mitfahren. Sonst leben sie mit der Mutter in Brüssel, wo sie zur Schule gehen. «Sie brauchen ein Sozialleben», findet der Vater. Der Älteste, 14-jährig, absolviert das Gymnasium und ist laut Barto «nicht sehr am Zirkus interessiert». Der Mittlere betreibt Akrobatik, besucht Gymnastikkurse und will unbedingt Artist werden. Der Jüngste, erst 7-jährig, zerbricht sich wegen der Berufswahl noch nicht den Kopf. Sähe es van Dyck gerne, sie würden einen «seriösen» Beruf erlernen, fernab der Manege? «Ich lasse ihnen die Freiheit.» Mit den Söhnen spricht er flämisch, mit der kanadischen Lebenspartnerin französisch. Deutsch kann er gut, Englisch ebenso. Auch auf Japanisch kann er sich im Alltag durchschlagen. Wie das?
Verrenkungen in Japan
Martine und er hätten eine Weile in Tokio gewohnt, sagt van Dyck. Das Wohnungsinterieur war nach Landesart beschaffen: Papierwände und Schiebfenster. Es erforderte durchaus gewisse Verrenkungskünste, wenn nach dem Einrollen des Futons das Essen an einem niedrigen Tischchen eingenommen wurde. Apropos Tisch: Die Wohnfläche entsprach etwa jener von sechs Tischen. «In unserem Wohnwagen hier haben wir fast mehr Platz», findet van Dyck.
Die Tournee gefalle ihm gut, sagt der Kontorsionist: Gerne erkunde er an einem neuen Spielort die Umgebung, besuche ein Museum. «Ich war schon auf dem Gurten.» Auch das Zirkusleben sagt ihm zu. Bei Knie sei alles «bien structuré». In anderen Zirkusbetrieben habe er erlebt, dass alteingesessene Artisten Privilegien genossen hätten und die «Neuen» für sich arbeiten liessen. «Das ist hier überhaupt nicht so, jeder weiss genau, was er zu tun hat.»
Lachen ohne Worte
Barto macht nicht viele Worte, wenn er das Publikum im Chapiteau zu Lachanfällen hinreisst. Es sind eher grunzende Laute, die der gelenkige Mann mit der Fliegerbrille auf der Stirn ausstösst. In Deutschland habe er Wörter eingestreut, sagt er, und die Leute hätten darauf reagiert. In der Schweiz weniger: «Deshalb lasse ich die Sprache fast weg.» Man redet hierzulande nicht, wenn es nicht nötig ist. Die spracharme Nummer hat den Vorteil, dass sie problemlos «exportierbar» ist. So trat Barto schon in China auf, in Japan, Korea oder Dänemark.
Bald gibt es bei Familie van Dyck Mittagessen. Die Mutter setzt auf vegetarische Küche. Rheumatiker wissen es: Fleisch kann die Gelenke ungünstig beeinflussen – besonders «Schwiinigs». Bei Barto wäre das ganz fatal. (Der Bund)
Erstellt: 11.08.2011, 09:17 Uhr
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