Bern

Der Elfenau-Urwald wird abgerissen

Von Adrian M. Moser. Aktualisiert am 28.12.2012 7 Kommentare

Am 6. Januar werden die Schauhäuser der Berner Stadtgärtnerei in der Elfenau geschlossen. Das geht dem bisherigen Zierpflanzengärtner Andreas Klimmek nahe.

1/5 22 Jahre war Andreas Klimmek Gärtner in den Schauhäusern der Elfenau.
Bild: Adrian Moser

   

Wenn Andreas Klimmek spricht, dann sprechen die Hände mit. Er gestikuliert, zeigt auf einen Kaktus, deutet auf die Stelle, wo er ihn köpfen wird. «Ein solches Riesending versuchen wir gar nicht erst zu zügeln», sagt er. Der Kaktus, auf den er zeigt, reicht bis unter die Decke des Treibhauses. «Ich werde den oberen Teil abtrennen und wieder wurzeln lassen», sagt Klimmek. Der Rest landet auf dem Kompost. Seit 22 Jahren pflegt Klimmek die Schauhäuser der Berner Stadtgärtnerei in der Elfenau. Er bezeichnet seine Arbeit dort als Traumjob. Doch nun geht es damit zu Ende. Am 6. Januar werden die Schauhäuser geschlossen.

Alles muss raus

Die Anlage besteht aus einem Tropen- und einem Kakteenhaus. Ein Schauhaus mit Tropenpflanzen existiert in der Elfenau seit 1973. 2003 kam das Kakteenhaus hinzu. 110'000 Franken pro Jahr liess sich die Stadt die Schauhäuser kosten – bis im vergangenen Jahr. Dann wurden sie eingespart. Bereits im Budget des laufenden Jahres waren die Häuser nicht mehr enthalten. Als der Stadtrat und das Stimmvolk im Herbst 2011 über das Budget befanden, ist niemandem aufgefallen, dass die Schauhäuser darin fehlten.

Erst als das Ende der Anlage beschlossen war, regte sich Widerstand. Einige Pflanzenfreunde und verschiedene Organisationen wie Pro Specie Rara oder Pro Natura taten sich zusammen, um die Schauhäuser zu retten. Sie überreichten dem Gemeinderat eine Petition mit 1700 Unterschriften und wandten sich an den Stadtrat. Die Stadträte Alexander Feuz (FDP) und Roland Jakob (SVP) stellten in der Debatte um das Budget 2013 den Antrag, den Posten wieder aufzunehmen – ohne Erfolg.

So wird Andreas Klimmek am 6. Januar ein letztes Mal den Boden des Tropenhauses befeuchten. Dann werden die Häuser geräumt. Vor allem die Räumung des Tropenhauses eilt, denn dieses zu beheizen, ist teuer. Für 95 Prozent der Tropenpflanzen hat Klimmek Abnehmer gefunden – darunter das Tropenhaus Frutigen, die Stadtgärtnerei Zürich und die botanischen Gärten Bern und Zürich. Bei den Kakteen sieht es weniger gut aus. Die Kakteenfreunde Bern wollen Klimmek aber helfen, möglichst viele der Pflanzen einzutopfen. Bei einem Verkauf im Frühling wollen sie zudem versuchen, möglichst viele Pflanzen loszuwerden. «Ich lasse mich gerne positiv überraschen», sagt Klimmek.

Ein Urwald im Glaskasten

Viele der Kakteen und Tropenpflanzen wird man aber nicht einfach so ausgraben und abtransportieren können. «Einen solchen hat man schnell im Keller verräumt», sagt Klimmek und zeigt auf einen Kaktus, der aussieht wie eine stachlige Kugel. «Aber eine solche Gruppe ist schon eine ganz andere Sache.» Die «Gruppe» ist ein Kaktus der Art Echinocereus engelmannii mit einem Dutzend Trieben, die in alle Richtung wachsen – so dicht von weissen Stacheln bedeckt, dass man ihre grünen Körper kaum mehr sieht. «Die haben weitverzweigte Wurzeln», sagt Klimmek. «Da werden wir wohl nur einzelne ‹Gringe› als Stecklinge verwenden können.»

Nun ist Klimmek in seinem Element. Er geht hinüber ins Tropenhaus, wo der Boden nass und die Luft warm ist. Ein Urwald im Glaskasten. Auch hier werden viele Pflanzen nur als Stecklinge überleben und einige ganz dranglauben müssen. «Den bringe ich nicht mehr weg, ohne etwas kaputt zu machen», sagt er und zeigt auf ein Gewächs mit grossen, gefächerten Blättern, das an einem Baum emporgeklettert ist. Die Pflanze heisst Monstera deliciosa – sie erreicht in den Tropen Südamerikas monströse Ausmasse und trägt deliziöse Früchte.

Mehr als Arbeit

Klimmek wird nachdenklich. «Ja, die Schliessung geht mir nahe», sagt er. Die Schauhäuser seien etwas Spezielles gewesen, alles Einzelpflanzen, keine Massenzucht. Der 50-Jährige hat Zierpflanzengärtner gelernt. Seit August 1990 ist er bei der Stadtgärtnerei angestellt und für die Schauhäuser in der Elfenau verantwortlich. Aber sein Engagement ging über seine Pflichten hinaus. Abends las er Bücher, um sich weiterzubilden. Am Wochenende war er auf Pflanzenmärkten oder in anderen Treibhäusern, immer auf der Suche nach Raritäten.

Nun wird alles anders. Bis Ende Februar soll das Tropenhaus leer sein. Das Kakteenhaus zwei Monate später. Die Gewächshausanlage, in der die Schauhäuser untergebracht waren, wird abgerissen und neu aufgebaut. Ende Mai fahren die Bagger auf. Beklagen mag Klimmek sich aber nicht. Er hat intern eine andere Stelle bekommen. Er wird Blumen für die städtischen Grünanlagen und die Blumenläden auf Friedhöfen ziehen. «Ich bin froh um diesen Job», sagt er, «auch wenn es nicht mehr mein Traumjob ist.» (Der Bund)

Erstellt: 28.12.2012, 08:01 Uhr

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7 Kommentare

Sophie Clerc

28.12.2012, 09:14 Uhr
Melden 27 Empfehlung 2

Welch eine Schande. Welch trauriges, jämmerliches Beispiel der Austeritätspolitik. Verzichtet, Leute, verzichtet! Es bleiben Euch nur die Augen zum Weinen. Antworten


Marc Aurel

28.12.2012, 11:05 Uhr
Melden 23 Empfehlung 0

Vielleicht könnte man die Sicherheitskosten für die Hooligan-Schadensminimierung streichen resp. den Veranstaltern übertragen. Dann wäre genug Geld da um etwas konstruktives zu unterstützen. Nicht die Austeritätspolitik an sich, sondern die Priorisierung der Geldflüsse sind heute total fragwürdig. Antworten



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