Das lange Warten auf den einen Hit

Was haben uns die Deutschen voraus? Wie ist es den Poeten auf dem Gurten ergangen? Was haben Lo & Leduc falsch gemacht? Und was war mit Züri West los?

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Wie misst man eigentlich einen Gurtenfestivaljahrgang? An der Summe der Gefühlsaufwallungen im Publikum? An der Anzahl grosser Bands? An der Stimmung jener, die mit der Gurtenbahn – zu lustig gemeinter Brechstangen-Schlagermusik – wieder zu Tale fahren? Nimmt man Letzteres, dann fällt auf, dass sich in das ganze euphorische Gurten-Grundrauschen heuer auch ein bisschen Nachdenklichkeit gemischt hat. Es ist nämlich in der Gurtenbahn tatsächlich über Musik diskutiert worden. Ernst und differenziert. Und im Zentrum der Diskussionen stand meist ein Name: Züri West.

Das Arrangement Gurten/Freitag/19 Uhr/Züri West mutete an wie ein Sorglos-Paket. Es wurden extra Kameras gegen das Publikum gerichtet, um den vorhersehbaren «Gurten-Moment» einfangen zu können. Und was passiert? Zunächst nichts. Danach nicht viel. Die Stimmung bleibt über weite Strecken mau wie nach der Feierabend-Lautsprecherdurchsage im Freibad. Elfmeter versemmelt, Spiel verloren. Was war geschehen?

Die wohltuendste Berner Mundartrockband hat es sich erlaubt, ihr Publikum in der ersten Stunde mit Liedgut einzudecken, das eher aufs Zentralnervensystem als aufs Tanzbein zielt. Gespielt wurden die B-Seiten des Schaffens und das leider etwas mittelmässige Füllmaterial des neuen Albums. Es sind Lieder über die Hauskatze, über Quitten und sonstige Dinge, die nicht unbedingt den Textstoff darstellen, den man zu Hause auswendig lernt, um ihn hernach im Publikumschor durch die Nacht zu schmettern. Kuno Laueners halbherzige Mitsing-Animation beim Quitten-Lied zielt denn auch kümmerlich ins Leere.

Die letzte halbe Stunde ist dann den güldenen Hits vorbehalten, und am Schluss sollen sich alle in den Armen liegen und glücklich sein. So der taktische Plan. Doch was im Club noch halbwegs funktioniert hat, geht auf dem Gurten schief. Der Geduldsfaden eines Open-Air-Publikums ist dünner, schnell kippt der innere Daumen nach unten und ist schwerlich wieder hochzukriegen. Langeweile wird nicht geduldet, mittelmässige Songs nur wenn dazu noch irgendwo eine Pyro-Petarde explodiert.

Was tun, Züri West?

Man könnte wohlwollend festhalten, dass sich eine Band dem Streben nach Pausenlos-Unterhaltung trotzig widersetzt und dass der 56-jährige Kuno den Stil aufbringt, sich beim 24-jährigen Publikum nicht peinlich anzubiedern. Man kann aber genauso gut konstatieren, dass die Entertainment-Evolution der letzten Jahre hoffnungslos an Züri West vorbeigeschrammt ist, und dass es sich womöglich doch rächen könnte, dass die Band ihre Entwicklungsabteilung schon vor längerer Zeit geschlossen hat.

Schaut man sich Videos vom Gurten-Gastspiel 2012 an, dann klingt Züri West nicht wesentlich anders als heute. Das Set war abwechslungsreicher, wies einen raffinierteren Spannungsbogen auf. Es stellt sich also die Frage, was sich mehr verändert hat: die Band oder das Festival. Ein 24-jähriges Durchschnitts-Gurtenkind hört sich kein Album mehr bis zum Ende an. Es streamt Songs, es dürstet nach Hits, und wenn es an ein Konzert geht, dann wartet es auf das, was es schon kennt. Der ganze Rest ist eher lästig.

Ein Festival-Format wie das Energy Stars for Free ist im Grunde weit besser auf diese Zielgruppe zugeschnitten, eine Konzertnacht also, in der jede Band 15 Minuten auf der Bühne steht und in dieser Zeit eher nicht die B-Seiten ihres Schaffens herunternudelt. Was also tun, Züri West? Nicht verzweifeln. Kurz schütteln. Die eigene Bockbeinigkeit für die Open-Airs etwas auflockern und im Song-Fundus nach besserem Material fahnden. Und sich dann vielleicht doch einmal ein Konzert der jungen Wilden anschauen gehen.

Zum Beispiel jenes des unmittelbar nach den Bernern auftretenden Casper, der aufzeigt, wie grundverschieden man einen Slot auf der Gurten-Hauptbühne gestalten kann: Hier die alte Mundartrock-Maschine, die eine Stunde lang schnauft und stottert, bis sie endlich in den zweiten Gang schaltet.

Da der deutsche Hochleistungs-Festival-Entertainer, in dessen Set jede Sekunde verplant ist und einem Zweck dient. Die Devise: bloss keine Eintönigkeit aufkommen lassen. Wo die Dramaturgie-Berater doch noch eine musikalische Verschnaufpause ausbedungen haben, wird zum kollektiven Mitklatschen animiert, müssen die Hände in die Höhe gereckt werden, oder es wird knallige Pyrotechnik gezündet, dass Herr Bommes (der Festival-Boss) im Hinterbühnenbereich vor lauter Kümmernis im Sandboden scharrt (Knallpetarden sind gar nicht sein Ding, Konfettikanonen hat er bereits ganz verboten). Casper rappt jenem Teil der Hip-Hop-Jugend ins Poesiealbum, deren Graffitis langsam ausbleichen und die nun dazu übergeht, die Welt etwas grüblerischer zu reflektieren. Dazu weinen traurige New-Wave-Gitarren und grummeln dunkle Beats. Und weil Casper trotz seiner barschen Weltbetrachtungen ein durchaus freundlicher junger Mann ist, schunkeln zu diesem Defätisten-Hip-Hop letztendlich alle, vom Gänseblümchen-Open-Air-Kind bis zum Selbstverletzungsopfer.

Gute und schlechte Deutsche

Ach ja, die Deutschen. Wie hatte Nietzsche einst geglaubt? «Sie sind zu grossen Dingen fähig, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie es tun.» Auf dem Gurten wird der Philosoph einmal mehr widerlegt. Der Dreizack mit dem obskuren Casper, den wunderbar entspannten Beginnern und dem ekstatischen Marteria hat aufgezeigt, wo in Sachen Festival-Entertainment der Hammer hängt. Die Produktionen sind bis ins Detail ausgefeilt und die Beats dermassen grossartig programmiert, dass nicht nur das Bauchfell, sondern auch das Glückszentrum ins Schnurren gerät. Doch die günstige Deutschland-Bilanz wird dann doch noch ein bisschen eingetrübt.

Es gab eine Zeit, da wurde in den Dancings einer ganz besonderen Form der Unterhaltung gefrönt: der moderierten Disco. Die Plattenleger kommentierten, was sie gerade auflegten, kündigten «etwas zum Geschlossentanzen» an oder einen «Sönnschein Reggi». Eigentlich dachte man, diese Kunst sei längst im Kompost der Geschichte gelandet. Bis zum Moment, als Fritz Kalkbrenner am Freitagabend auf der Hauptbühne erschien. Für die Unkundigen sei kurz erklärt, was den Mann aus Berlin so berühmt gemacht hat: Er bosselt sich zu Hause in seinem Bastelraum relativ unbedeutende, flauschige Techno-Tracks zusammen, die er seit Jahren gegen gute Bezahlung über die Grossanlagen der Festivals abspielen darf. Gerühmt wird die Tatsache, dass er sich dabei ab und zu eines Mikrofons bemächtigt und seinen Grossraumdiskotheken-Muzak mit verträumten Gesangsmelodien verziert.

Um die Sache noch ein wenig persönlicher zu gestalten, wechselt Fritz immer wieder in den Plaudermodus und erklärt, was ihm beim Produzieren so vorschwebte. Zuweilen streut er (berechtigte) Zweifel ein, ob der eine oder andere Sound nicht ein wenig «cheesy» sei, kommt dann aber in seinem Selbstgespräch zum Schluss, dass das bezweifelte Lied «im Live-Set» trotzdem immer sehr gut funktioniere. Es gibt Leute, die das ausgesprochen sympathisch finden, weil es schliesslich Techno mit ganz viel Gefühl sei. Andere wünschen sich diesen deeskalierenden Lift-Techno und dessen Urheber kurvenlos zurück in seinen Bastelraum.

So verschieden sind die Wahrnehmungen und die musikalischen Gaumen. Doch eines kann man festhalten: DJ-Acts auf der Hauptbühne sind ein Gurten-Auslaufmodell. Mehr Zukunft haben jene, die zeigen, dass Disco-Musik auch anders kann, nämlich empören, wehtun, verwirren und live anmuten. Dafür ist die Gruppe The Bloody Beetroots aus Italien angereist. Die Herren tragen gefährliche Masken, rennen aggressiv über die Bühnenbretter und katapultieren die Zuhörerschaft vom Stroboskop-durchzuckten Tanzboden in den Metal-Club der Vorzukunft.

Doch zurück zum Schöngeistigen. In Sachen Poesie und politischer Agitation hat der Gurtenjahrgang 2017 durchaus am Hungertuch genagt. Eine Bilanz, die mit dem Auftritt der hochgeschätzten Kate Tempest im Nu aufgebessert worden ist. Die englische Chronistin alltäglicher Disparitäten und Desillusionen peitscht dem verdutzten Publikum in ihrem einstündigen Vortrag eine Wortmasse entgegen, mit der sich ein herkömmlicher Rapper ein ganzes Lebenswerk betexten lassen könnte. Oft ohne musikalische Begleitung stapelt sie feine kleine Makro-Beobachtungen neben flammende Plädoyers für eine bessere Welt. Das ist höchst beeindruckend, und im Publikum krümmt sich ob dieser Ballung an Poesie-Wucht der eine oder andere Glace-Stängel.

Nachdenkliche Kinder

Es gibt neben dem Entertainment-Tohuwabohu auch andere Bilder, die sich eingebrannt haben. Etwa das: Am Freitag um 23.15 Uhr sitzen nachdenkliche Kinder auf der Wiese vor der Waldbühne. Eben haben sie mit Casper den Gurten-Rasen plattgehüpft, nun horchen sie mit grossen Augen, was der sonderbare Herr auf der Bühne für wundersame Klänge aus seinem Akkordeon pumpt.

Der Berner Mario Batkovic hat das Wagnis angenommen und fächelt dem Gurtenhang seine dramatisch-melancholische Minimal-Music entgegen, einmal aufbrausend bombastisch, einmal filigran und kaum vernehmbar. Eine halbe Stunde lang schafft er solo eine Antithese zum Hochstimmungsgebot. Dann ruft er seine Band auf die Bühne, mit der er ein absolut begeisterndes, vertracktes und ergebnisoffenes Gemenge aus Noiserock, feingliedriger Filmmusik und tanzbarem Krautrock anzettelt. Der Berg tobt und die nachdenklichen Kinder hüpfen wieder.

Womit wir mitten im Bern-Teil des Festivals wären. Zum Beispiel bei Jeans for Jesus, der Band mit der exklusiven Meinung, dass Berner Popmusik nicht per se ein ewiger Aufguss von längst Vergangenem sein müsse. Deshalb hat sie sich aus den Bausteinen des musikalischen Jetzt eine fashionable, keine Geschmacklosigkeit des Zeitgeists aussparende Musik zusammenkonstruiert. Ein subversiver Spass ist das, der es hier indes schwer hat. Auch Jeans for Jesus kämpfen mit dem Problem, dass alle auf ihren Hit warten. Er heisst «Estavayeah», stammt aus dem Frühwerk und lockert die Stimmung merklich auf.

Windschiefer Japan-Pop

Noch gar keinen Hit hat die seit sechs Jahren in Bern lebende Australierin Jessiquoi. Dafür jede Menge prächtigster Ideen, wie elektronische Musik heutzutage klingen könnte und wie man die Kalkbrenner dieser Welt sehr alt aussehen lassen kann. Sie bezirzt mit windschiefem Japan-Pop, synkopischer Tribal-Elektronik und erfrischendsten Tanzboden-Songs.

Was ist da noch? Der putzige Nemo, auf anhaltender musikalischer Selbstfindung, Death by Chocolate, die live so viel mehr Spass machen als auf Tonträger, S.O.S., die dem Berner Hip-Hop wieder Sinn, Zeitgeist und Fett einverleiben, der wunderbare Bonaparte, der mit seiner ungezügelten Revue die alte Rock-’n’-Roll-Idee mit originärem Irrsinn ins Heute verbiegt.

Da ist der Blues-Zauberwürfel Marc Amacher, dessen Beinahe-Voice-of-Germany gluckst und krächzt wie ein schlecht geöltes Gartentor. Und da sind die weitherum als neue Mundarthelden ausgerufenen Lo & Leduc, deren dodoeske Sonnenschein-Musik generationenübergreifende Wohligkeit auslöst. Das hat dem Duo – und jetzt kommt die schlechte Nachricht – prompt einen Platz auf der sehr kontrovers diskutierten Schlager-Playlist des Gurtenbahn-DJs eingebrockt. Neben Exponenten wie Andreas Gabalier und Lorenz Büffel. Und nein, das haben sie nun weiss Gott nicht verdient. (Der Bund)

Erstellt: 16.07.2017, 20:49 Uhr

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Mittwoch soll beibehalten werden

Erstmals in der Geschichte des Gurtenfestivals begann der Grossanlass bereits am Mittwoch, dafür dauerte das Festival nur bis Samstag – und nicht gewohnt bis zum Sonntag. Diese Änderung habe sich bewährt, sagte Mediensprecher Simon Haldemann. «Wir hätten uns etwa den Headliner Macklemore am Wochenende nicht leisten können», sagt Haldemann. Aber an einem Mittwoch sei der US-amerikanische Rapper für ein Konzert auf dem Gurten buchbar gewesen.

Deshalb will man beim Festival an der Neuerung festhalten und auch nächstes Jahr wieder am Mittwoch beginnen. Noch habe man aber das Gespräch mit den Behörden nicht gesucht und könne deshalb noch keinen definitiven Entscheid bekannt geben, sagte Haldemann an der Pressekonferenz am Samstag. Dennoch wurde bereits kommuniziert, dass das Festival nächstes Jahr vom Mittwoch, 11. Juli, bis Samstag, 14. Juli, stattfindet. Auch dass das Festival an allen Tagen ausverkauft war, zeige, dass der Wechsel von Sonntag auf Mittwoch sehr gut aufgenommen worden sei. 80'000 Besucherinnen und Besucher strömten auf den Berner Hausberg.

Kurzer Stromausfall

Die Verantwortlichen geben sich rundum zufrieden mit der diesjährigen Ausgabe des Festivals. Bei optimalen Wetterbedingungen und ohne grosse Zwischenfälle endete das 34. Festival am Samstag. Es sei in diesem Jahr eine besonders friedliche Ausgabe gewesen, so die Organisatoren. Verglichen mit früheren Jahren habe es weit weniger Schlägereien gegeben. Auch habe die Sanität keinen gravierenden Fall behandeln müssen. Einen einzigen kleinen Zwischenfall kann der «Bund» vermelden: Am Donnerstag gab es einen Stromausfall während des Konzertes von Imagine Dragons. Das Konzert musste deshalb kurz unterbrochen werden, die Rockband liess sich davon aber nicht gross beirren und spielte, als die E-Gitarren wieder «Saft» bekamen, ihr Konzert zu Ende.

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