Das Potenzial der Schützenmatte

Drogenanlaufstelle, Verkehr, Viadukt, Reitschule – die Schützenmatte sei heute ein «unfertiger Ort», sagt Kees Christaanse, Jurypräsident des Schindler Award. Die Entwicklungsmöglichkeiten seien daher gross.

Altstadt,Verkehrsinfrastruktur und Universitäts-Hügel miteinander versöhnen: die Schützenmatt-Vision von Jurypräsädient Kees Christiaanse.

Altstadt,Verkehrsinfrastruktur und Universitäts-Hügel miteinander versöhnen: die Schützenmatt-Vision von Jurypräsädient Kees Christiaanse. Bild: Adrian Moser

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Herr Christiaanse, warum wurde die Berner Schützenmatte als Übungsobjekt für den Schindler Award 2012 ausgewählt?
Ich war an der Auswahl selber nicht beteiligt, aber ich finde sie sehr passend. Im Raum Schützenmatte gibt es unterschiedliche topografische Niveaus. Es handelt sich um einen unfertigen Ort. Man hat die Ausläufer der Altstadt, und man hat zwei stark genutzte Verkehrsinfrastrukturen – das Bollwerk und den Eisenbahnviadukt. Der Viadukt ist nicht gerade ein elegantes Element. Die Brücke über die Aare ist interessant, aber der Teil Richtung Bahnhof ist eine Betontragödie. Im weiteren Umfeld gibt es den Hügel mit der Universität, die Reitschule und das Eilgutareal. Die Komplexität der Situation, aber auch das Potenzial an Möglichkeiten ist sehr gross.

Auf der Schützenmatte kollidieren die unterschiedlichsten Ansprüche miteinander. Wie gross ist diese Herausforderung planerisch?
Die Herausforderung ist sehr gross. Dies zeigt sich auch an den Wettbewerbsbeiträgen. Wir hatten über 100 Projektbeiträge, mindestens 75 davon sind nicht wirklich überzeugend.

Warum ist die Verbindung zur Aare ein Bestandteil des Wettbewerbs?
Bei der Umsetzung einer Gesamtplanung wird sich der Ort derart rasch entwickeln, dass es einen sicheren, behindertengerechten und adäquaten vertikalen Zugang braucht.Die Wettbewerbsteilnehmer hatten Carte blanche.

Gibt es prägnante Beiträge?
Einige Projektbeiträge legen den Schwerpunkt auf die Reitschule, indem der «Freistaat» aufs ganze Gelände ausgedehnt wird. Andere Projekte integrieren die Drogenanlaufstelle in Gebäude auf dem Gelände. Es gibt aber auch ganz nüchterne Entwürfe: Hier ein Kulturzentrum, dort ein Terrassensystem und ein Wohnbauprojekt. Ein Studentenwettbewerb ist kein Realisierungswettbewerb, sondern ein Anlass zur Förderung von Talenten.

Es gibt nur wenige Beiträge aus der Schweiz.
Das wundert mich auch. Standort, Aufgabenstellung und Preise sind sehr attraktiv.

Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand der Schützenmatte?
Es ist ein Unort. Aber es hat hübsche Begebenheiten wie den Universitätshügel und den Aarehang. Das wird heute alles nicht ausgenutzt.

Der Berner Stadtpräsident und einer seiner Herausforderer in den Wahlen haben den Bau eines Hochhauses ins Spiel gebracht. Ist ein Hochhaus an diesem Ort städtebaulich attraktiv?
In der Schweiz gibt es ja eine Hochhausdebatte, die vor allem in Zürich und Basel stattfindet. Ich stamme aus Rotterdam und wundere mich, warum Hochhäuser hier so dramatisiert werden. Die Hochhäuser in der Schweiz sind ja immer noch viel niedriger als die Hügel in der Nähe. Steht ein Hochhaus alleine, ist ein mögliches Misslingen allerdings dramatisch. Dann kann das Gebäude als Ausdruck von Hilflosigkeit oder Grobheit empfunden werden.

Beim Zürcher Prime Tower gibt es ja auch entsprechende Kritik.
Die Situation dort ist aber nicht sehr dramatisch. Ich bin überzeugt, dass der Prime Tower «Kameraden» erhalten wird.

Ein Hochhaus auf der Schützenmatte sollte nicht alleine stehen?
Unbedingt, ja. Wenn schon, müsste auf der Schützenmatte ein Ensemble von mindestens drei Hochhäusern gebaut werden.

Wie erklären Sie sich die Heftigkeit der Hochhausdebatte in der Schweiz?
Bis vor kurzem gab es eben noch keine Hochhäuser, und jetzt wird es zum Thema. Die einzige Schweizer Stadt, in der es seit je Hochhäuser gibt, ist Chur. Dort geht man aber pragmatisch damit um, weil die Gebäude vor den hohen Bergen weniger auffallen.

Die Stadt schiebt die Gesamtplanung der Schützenmatte seit Jahren vor sich her. Warum gibt es eine Hemmung, diesen Raum zu planen?
Es gibt eben sehr unterschiedliche Interessen, die aufeinanderprallen. Die Interessen der SBB zum Beispiel kollidieren auch in anderen Schweizer Städten mit der Stadtentwicklung. Zudem gibt es die politischen Gräben zwischen jenen, die den Ort am liebsten so belassen würden, wie er ist, und den anderen, die ihn am liebsten «wegputzen» möchten.

Was könnten die Ideen aus dem Schindler Award zur Gesamtplanung der Schützenmatte beitragen, welche die Stadt noch in diesem Jahr in Angriff nehmen will?
Man darf die Wirkung eines solchen Wettbewerbs nicht überschätzen. Die zehn Projekte, die wir für die letzte Auswahlrunde ausgewählt haben, eignen sich aber schon für eine Diskussion über die Möglichkeiten mit den Anspruchsgruppen dieses Ortes.

Wie sieht die Schützenmatte in zehn Jahren im Idealfall aus?
Im besten Fall werden die Elemente Altstadt, Verkehrsinfrastruktur und Universitäts-Hügel gestalterisch miteinander versöhnt. Das Kulturzentrum Reitschule ist an diesem zentralen urbanen Ort in Ordnung. Aber es ist schade, dass die Nutzer die historische Gebäudesubstanz nicht respektieren und das Gebäude versprayt haben.

Einige der Projekte integrieren die Drogenanlaufstelle in ein grösseres Gebäude oder Ensemble. Wie realistisch sind solche Ideen?
Die Schützenmatte ist für die Realisierung solcher Ideen geeignet. Die Möglichkeit von Nachbarschaftskonflikten ist gering.

Gibt es in anderen Städten Europas ähnlich belastete Räume wie die Schützenmatte?
Solche Orte gibts in Berlin, in Amsterdam, in Kopenhagen – allerdings nicht mit denselben komplexen topografischen Begebenheiten. (Der Bund)

(Erstellt: 22.09.2012, 08:33 Uhr)

Kees Christiaanse

Der Architekt ist 1953 in Amsterdam geboren. Er ist Präsident der Jury des Schindler Awards 2012 und Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich.

Schindler Award: Katalysator für eine harzige Planung?

Seit 2006 fordert der Stadtrat die Ausarbeitung eines Gestaltungs- und Nutzungskonzeptes für den Raum Schützenmatte. Der Gemeinderat schob immer wieder neue Gründe ins Feld, warum der Zeitpunkt hierfür gerade ungünstig sei: Mal waren es die hängigen Initiativen für einen autofreien Bahnhofplatz und den Verkauf der Reitschule an den Meistbietenden, mal waren es die Pläne der SBB oder eine mögliche Tramachse über die Lorrainebrücke. Die zuletzt geäusserte Begründung des Gemeinderates war der Verzicht der Autoeinstellhalle Waisenhausplatz AG (Awag) auf einen Ausbau des P + R Neufeld. Der Ausbau würde es ermöglichen, die Parkplätze auf der Schützenmatte aufzuheben. Die Stadt hält allerdings eine 62-prozentige Aktienmehrheit an der Awag und stellt drei von fünf Verwaltungsratsmitgliedern. Der Stadtrat schenkte dem keinen Glauben und beauftragte den Gemeinderat bis Ende März 2013 einen Planungskredit vorzulegen. Gleichzeitig machte der Schweizer Lifthersteller Schindler den Raum Schützenmatte zum Studienobjekt für den Schindler Award, der sich an Architekturstudenten aus ganz Europa wendet. Der seit 2003 durchgeführte Wettbewerb hatte bisher


Areale in Brüssel, Paris, Wien oder Berlin zum Gegenstand. Der Schindler Award ist mit 5000 Euro dotiert. Weitere 25 000 Euro gehen an die Hochschule der Sieger. Die von Kees Christiaanse geleitete Jury hat letzte Woche die Projekte in Bern beurteilt. Die Gewinner werden am 7. Dezember im Zentrum Paul Klee ausgezeichnet.

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