Bern

Bumbumbum im Berner Unterholz

Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 05.07.2010 1 Kommentar

Fast jedes Sommerwochenende finden in Berner Stadtwäldern etliche Partys statt. Illegal, klandestin – und trotzdem mordslaut.

Samstagnacht im Steinhölzli: Tanzen und taumeln, feiern und stolpern bis die Polizei kommt – das ist in diesem Fall genau um 2.30 Uhr. (Christoph Lenz)

Samstagnacht im Steinhölzli: Tanzen und taumeln, feiern und stolpern bis die Polizei kommt – das ist in diesem Fall genau um 2.30 Uhr. (Christoph Lenz)

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Die Tanzfläche ist weich wie ein Nadelkissen. Und so dunkel, dass man kaum seinen Nächsten erkennt. Deshalb muss man jetzt gut achtgeben auf die Wurzeln, die vor dem DJ-Pult aus dem Boden ragen. Äste, Baumstrünke, Feuerstellen – es gibt einige Stolperstellen auf dieser Waldlichtung im Steinhölzliwald, die gerade der geheime Mittelpunkt der Berner Partyszene ist. Hier steigt in dieser Samstagnacht der Fuchsbrunnen-Rave II, der «technoärmste Rave seit der Mayday», wie im Internet versprochen wurde. Ein verschworenes Grüppchen, vielleicht 100 Seelen, ist gekommen, um die Nacht durchzufeiern. Und weil die Nacht noch ewig dauert, passt man jetzt gescheiter auf, wo man hintritt. Hoppla, schon wieder eine Wurzel.

Beinahe jedes Sommerwochenende ziehen Hunderte Berner Jugendliche in die Stadtwälder um Waldpartys zu feiern. Veranstalter karren freitags und samstags ihre mobilen DJ-Pulte, Soundanlagen und Bars ins Unterholz. Dann laden sie via Facebook, Twitter oder SMS ihre Freunde ein. Wenige Stunden später brummt der Wald. Bumbumbumbum unter Buchen, Eichen und Erlen. Einer der Hotspots ist der Glasbrunnen im Bremgartenwald. An Freitag- und Samstagabenden ist er etwa so stark frequentiert wie eine «Schweizer Familie»-Grillstelle am Sonntagmittag. Das mussten auch die Veranstalter des Fuchsbrunnen-Raves erfahren. Als sie vorletztes Wochenende beim Glasbrunnen vorfuhren, hatte sich hier bereits eine Goa-Party breitgemacht. So verlegten sie ihr Fest spontan auf einen nahen Spielplatz. Keine grosse Sache. Im Wald gibts Platz genug für alle.

Vier Damen sitzen auf einem gefällten Baum. Wie ein Joint geht ein kleines Fläschchen durch die Runde. Ein süsslicher Geruch wabert durch die Luft. Nein, natürlich keine Drogen: Anti-Brumm, das ist der Duft der Freiheit. Derweil läuft die Bar, die in einem Veloanhänger untergebracht ist, wie geschmiert. Bier gibts für drei Franken, gespritzten Weisswein für vier, Pastis für fünf und Mixgetränke für sechs. Wer wollte bei solchen Preisen schon geizig sein. Bereits nach einer knappen Stunde geht das Bier aus. Ein Mann greift sich einen Einkaufswagen und stösst ihn in den dunklen Wald. Nachschub holen.

Früher war das anders. Die Jugend feierte in stillgelegten Industriehallen, unter S-Bahn-Brücken oder in besetzten Häusern. Doch diese Räume sind heute belegt. In den Industriehallen wohnen Yuppies. Die illegalen Bars wurden ausgehoben. Besetzte Häuser sind ziemlich aus der Mode. Was bleibt da noch übrig für die Jugend, die sich ihre eigenen Räume nehmen will? Zuhause bleiben oder ab in den Wald. Den kennt sie noch von ihrer Kindheit. Nur findet sie ihr Vergnügen nicht mehr im trauten Innern einer selbstgebauten Hütte, sondern im Tanz, im Rausch, im Sound aus den Metropolen der Welt. Kaum je war eine klandestine Versammlung so mordslaut. Denn, natürlich: Es ist illegal. Aber das ist ja das Schöne daran.

Die zwei Polizisten sehen das natürlich anders. Um 2.30 Uhr stehen sie auf der Lichtung und blenden mit ihren Taschenlampen in die tanzende Menge. Die Musik stirbt. Der Gastgeber entschuldigt sich: «Mir müesse fertigmache.» Zwischenruf: «Ist es eine Geldfrage?». Der Veranstalter: «Nein, es ist keine Geldfrage.» Die Leute schimpfen. Wo ist nur der Beat? Kann man einen Wald besetzen? Oder wenigstens eine Lichtung? Und wie haben es diese Sans-Papiers schon wieder gemacht? Bald packen die ersten Besucher ihre Sachen. Es wird still. Nur der Stromgenerator furzt einsam und zuverlässig in den finsteren Wald hinaus. Das wird er nächstes Wochenende bestimmt wieder tun. (Der Bund)

Erstellt: 05.07.2010, 10:49 Uhr

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1 Kommentar

Roni Beyeler

05.07.2010, 11:38 Uhr
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Öppe hoffentlich wird der Generator auch nächstes Wochenende wieder seinen Dienst tun!! Überall sperrt ihr uns aus: mit teuren Eintritten, Rauchverboten, Kamera-Totalüberwachung, und letztlich auch mit einem sehr beschränkten Musikangebot in den "Clubs". Da gehen wir doch lieber in den Wald, weg von den Lärm- und Rauchempfindlichen, und feiern unter uns! Aber das ist ja auch wieder nicht recht.... Antworten


matilda mennon

05.07.2010, 21:10 Uhr
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merci roni, wie recht du hast! kommerzparties, ihr koennt uns minimal! das publikum an solchen parties ist eh auch angenehmer, kaum jemand ist da um zu "sehen und gesehen zu werden" Antworten




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