Bitte lächeln – denn am GP sind Sie weniger anonym, als Sie glauben

Wer am GP von Bern teilnimmt, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit fotografiert. Obschon die Organisatoren den Datenschutz berücksichtigten, sind die Personen auf den Bildern leicht zu identifizieren.

Peter und Marc sind nicht nur vom Pressefotografen abgelichtet worden. Alpha Foto hat sie ebenfalls «erwischt» und ins Internet gestellt.

Peter und Marc sind nicht nur vom Pressefotografen abgelichtet worden. Alpha Foto hat sie ebenfalls «erwischt» und ins Internet gestellt. Bild: Tobias Anliker

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Im Vordergrund stört nur die verschwitzte Achselhöhle eines Läufers, der seinen Arm in die Höhe reckt. Aber sonst ist das Bild gelungen: Es zeigt Teilnehmerin X., wie sie am 12. Mai am Grand Prix von Bern locker durch die Kramgasse trabt. Sie hat die Fotografie ein paar Tage nach dem Anlass von der Firma Alpha Foto als «Ihr persönliches Erinnerungsbild» zugeschickt erhalten. Für 13.80 Franken kann sie das Bild erwerben. Sie kann es aber auch portofrei retournieren. Und vielleicht hat Frau X. ihr Konterfei schon längst im Internet gefunden und in guter Qualität heruntergeladen – für acht Franken.

Was Frau X. womöglich nicht ahnt: Obschon ihr Bild über den Internet-Dienst von Alpha Foto nur über die Startnummer zu finden ist, sind nur wenige Mausklicks nötig, um das Bild mit ihrem Namen in Verbindung zu bringen. Das funktioniert so: Wer den Namen eines Teilnehmers des GP kennt, kann über die offizielle Rangliste dessen Startnummer ermitteln. Und mit dieser lässt sich auf der Homepage von Alpha Foto das zugehörige Bild eruieren. Das heisst: Frau X. wird auch für irgendwelche Dritte identifizierbar. Der umgekehrte Weg ist ebenfalls möglich: Auf der GP-Webseite lassen sich über die Startnummern die zugehörigen Namen finden.

Nicht nur Handtaschenwerbung

Wo liegt das Problem? Zum Beispiel hier: Für den Chef oder einen stillen Verehrer von Frau X. ist es ohne weiteres möglich, in den Besitz eines Bildes von Frau X. zu gelangen. Dazu kommt eine noch beunruhigendere Kategorie von Problemen: Das Bild von Frau X. könnte – zusammen mit ihrem Namen – in einer Datenbank landen, die mit einem Gesichtserkennungsprogramm verknüpft ist. Das hiesse dann: Ein Unbekannter könnte Frau X. im Tram mit dem Smartphone fotografieren und so herausfinden, wer sie ist und wo sie wohnt.

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was aus solchen Informationen abgeleitet werden kann. Selbst die Information, dass sich Frau X. in diesem Moment im Tram und nicht zu Hause befindet, kann einen gewissen Wert haben – und das nicht unbedingt für Personen, die Frau X. mit Handtaschenwerbung eindecken wollen.

Freude an Fotoservice

Den meisten Läufern scheinen solche Zusammenhänge nicht bewusst zu sein. Denn bisher ist es am GP noch nie vorgekommen, dass jemand die Weitergabe seiner Daten an Dritte untersagt hat, wie GP-Sprecher Jürg Thalmann auf Anfrage sagt. Vielmehr sei es so, dass der «überwiegende Teil» der Teilnehmenden Freude an solchen Dienstleistungen wie dem Fotoservice habe. «So etwas gehört heute dazu», sagt Thalmann.

Tatsächlich haben die GP-Teilnehmer bei der Anmeldung die Möglichkeit, die Weitergabe ihrer Daten zu untersagen, wie es in den ausführlichen Datenschutz-Grundsätzen des Grand Prix festgehalten ist. Eine kurze Meldung an den Veranstalter genügt. Der betreffende Name würde dann von den Listen gestrichen, die an Sponsoren oder andere Dienstleister weitergereicht werden.

Auch die Firma Alpha Foto kann somit davon ausgehen, dass sich auf der Liste, die sie vom Veranstalter erhält, nur Personen befinden, die der Weitergabe ihrer Daten stillschweigend zugestimmt haben. Weil noch nie jemand die Weitergabe untersagt hat, handelte es sich folglich stets um die komplette Teilnehmerliste. Bei so vielen vertrauensseligen GP-Teilnehmern bleibt das Problem somit nur ein theoretisches.

«Kleine Lücke in den Abläufen»

Und doch bleibt es eines: Nehmen wir an, Frau X. hätte die Weitergabe ihrer Daten verboten. Weil es den Fotografen von Alpha Foto während des Rennens unmöglich ist, Listen zu konsultieren, wäre Frau X. selbstverständlich trotzdem fotografiert worden. Und auch ihr Bild wäre anschliessend ins Internet gelangt. Allerdings könnte Alpha Foto Frau X. kein Papierbild zustellen. Denn die Firma würde zur Startnummer von Frau X. keinen Namen auf ihrer Liste finden.

Laut Felix Brunner, Geschäftsführer von Alpha Foto, wäre es nahezu unmöglich, aus der Unmenge von Fotos jene herauszusuchen, die nicht im Internet sein sollten. Damit schliesst sich der Kreis: Obschon Frau X. die Weitergabe der Daten untersagt hätte, bliebe ihr Bild aufgeschaltet – ohne Namen zwar. Aber über die GP-Rangliste wäre ihr Bild für Dritte weiterhin auffindbar.

Eliane Schmid, Mediensprecherin des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten, spricht im vorliegenden Fall von einer «kleinen Lücke in den Abläufen». Die Verantwortlichkeiten sind für sie klar: «Für den Datenschutz ist immer derjenige verantwortlich, der die Personendaten bearbeitet.» Hier wäre es also Alpha Foto: Die Firma müsste sich an die Sperrliste halten «oder die Bilder auf Verlangen löschen», sagt Schmid.

«So gefalle ich mir nicht»

Das wiederum sei kein Problem, versichert Felix Brunner. Wenn es jemand wünsche, lösche Alpha Foto die Bilder umgehend. Allerdings sei es auch bei ihnen noch nie vorgekommen, dass solche Anfragen mit datenschützerischen Bedenken begründet worden wären. Vielmehr seien es Leute, die sich bei ihnen meldeten, die mit dem Bild als solchem Mühe hätten, sagt Brunner. Oft lauteten die Begründungen: «So gefalle ich mir nicht.» Oder: «Ich will nicht, dass mein Chef mich so sieht.» Ab und zu erlebten es die Alpha-Foto-Mitarbeiter an solchen Läufen auch, dass Teilnehmer ihre Startnummer bewusst abdeckten, wenn sie sich den Fotografen näherten.

Die Konsequenz ist klar: Ohne erkennbare Startnummer rutscht das Bild des Läufers zwar ebenfalls ins Internet. Aber niemand kann damit etwas Rechtes anfangen – vorläufig noch nicht. (Der Bund)

(Erstellt: 23.06.2012, 09:49 Uhr)

Massengeschäft

Tausende von Läuferinnen und Läufern haben nach dem Grand Prix von Bern Fotos zugestellt bekommen, auf denen sie selber zu sehen sind. Das Geschäftsmodell der Firma Alpha Foto aus Aarau ist klar: Rund ein Dutzend Fotografen knipsen am Laufanlass, was das Zeug hält – systematisch und an mehreren Standorten. Ihr Ziel ist es, möglichst viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer so einzufangen, dass das Bild gut aussieht – und die Startnummer erkennbar ist. Weil Alpha Foto vom Veranstalter die nötigen Daten erhält, ist es der Firma möglich, die Bilder aufgrund der Startnummern Personen zuzuordnen und diesen zuzustellen. Wie viel Alpha Foto für die Adressen bezahlt, sagt Geschäftsführer Felix Brunner nicht, «aber es ist schon ein Betrag», meint er.

Laut Brunner lassen sich an einem Laufanlass wie dem GP von Bern nur rund 70 Prozent der Teilnehmer ausreichend gut abbilden. Das hänge mit der hohen Läuferdichte zusammen. Bei einem Berglauf, wo sich das Feld viel stärker in die Länge ziehe, sei es einfacher: «Da können wir praktisch alle fotografieren.» Der Verkaufserfolg sei vor allem davon abhängig, wie gut die Bilder seien – und vom Wetter, sagt Brunner. Mit blauem Himmel im Hintergrund liessen sich die Fotos viel einfacher verkaufen. Sei das Wetter am Wettkampftag hingegen schlecht, «drückt das massiv auf die Nachfrage».

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