Bern

«Bettelnde Kinder sind Opfer, nicht Täter»

Aktualisiert am 27.03.2012

Die Stadt Bern will mit ihren Erfahrungen mithelfen, bei der Bekämpfung der organisierten Bettelei in der Schweiz involvierte Kinder besser gegenüber ihren Drahtziehern zu schützen.

Laut Reto Nause ein rares Bild: Betteln sei in Bern dank dem Projekt Agora unattraktiv geworden, sagt der Sicherheitsdirektor.

Laut Reto Nause ein rares Bild: Betteln sei in Bern dank dem Projekt Agora unattraktiv geworden, sagt der Sicherheitsdirektor.
Bild: Valérie Chételat (Archiv)

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Der Schweizerische Städteverband hat zusammen mit der Stadt Bern und einer Bundesstelle ein Massnahmenpaket ausgearbeitet. «Der bisherige Umgang mit bettelnden Kindern und Jugendlichen aus dem Ausland griff zu kurz», sagte Martin Tschirren, stellvertretender Direktor des Schweizerischen Städteverbands, am Dienstag vor den Medien. Die minderjährigen Bettelnden einfach wegzuweisen löste das Problem nicht.

Um wirksame Lösungsansätze zu erarbeiten, rief der Städteverband zusammen mit der Stadt Bern und der Koordinationsstelle gegen Menschenhandel und Menschenschmuggel des Bundes (KSMM) eine Arbeitsgruppe ins Leben. Dies erfolgte zudem in Absprache mit der Konferenz städtischer Polizeidirektorinnen und -direktoren.

Die Arbeitsgruppe verfasste ein Informationspapier, das den Behörden Empfehlungen abgibt. Dabei orientierte sich die Arbeitsgruppe unter anderem am Projekt Agora der Stadt Bern. Diese gilt bei der Bekämpfung der organisierten Bettelei und Kleinkriminalität als Vorreiterin in der Schweiz.

Einer der zentralen Punkte des Berichts betrifft die Perspektive. Die bettelnden und stehlenden Kinder oder Jugendlichen - meist handelt es sich um Angehörige der Roma aus Rumänien und Bulgarien - sind demnach nicht primär als Täter anzusehen, sondern als Opfer.

In den Fängen von Menschenhändlern

Die Minderjährigen kommen in der Regel nicht freiwillig, sondern werden von Menschenhändlern in die Schweiz gebracht, um Geld zu beschaffen. Zum Teil würden Drahtzieher die Kinder den Familien abkaufen, sagte KSMM-Geschäftsführer Boris Mesaric.

Dann bilden sie die Minderjährigen zum Betteln und Stehlen aus. «Wenn die Kinder und Jugendlichen keine Beiträge generieren, erhalten sie Strafen», führt Mesaric aus. Dazu zählten Schläge, Einsperren oder Nahrungsentzug.

Lösungen müssten deshalb den Schutz der Kinder vor den Hintermännern umfassen und können sich nicht auf rein polizeiliche und ausländerrechtliche Massnahmen beschränken. Zu den Zielen gehören die freiwillige Rückkehr der Kinder und Jugendlichen in ihre Herkunftsländer sowie ihre Reintegration in die dortige Gesellschaft.

Bern für Bettler unattraktiv

Dabei zeigte etwa das Berner Projekt Agora, wie wichtig es ist, dass die verschiedenen Behörden und Anlaufstellen in der Schweiz, aber auch im Ausland, vernetzt und für die Thematik sensibilisiert sind.

In Bern sind die bettelnden Kinder im Moment aus dem Stadtbild verschwunden, wie der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause sagte. Das ist auf die Arbeit der Behörden zurückzuführen, die sich im Rahmen des Projekts Agora, das 2009 begann, intensiv mit der Problematik auseinandergesetzt und reagiert haben.

«Für Bettler ist Bern unattraktiv geworden», sagte Nause weiter. Dies könne sich aber jederzeit wieder ändern. Doch dank dem Projekt Agora wisse man nun in Bern, wie auf bettelnde Kinder und Jugendliche zu reagieren. (dam/sda)

Erstellt: 27.03.2012, 14:22 Uhr

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