«Diese Stadt muss man lieben, nicht verwalten»

Alexander Tschäppät plauderte am Montag im Gespräch mit dem «Bund» über seine fast zwölf Jahre Stadtpräsidium.

Video: Crosscam.ch

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Ja, er sei froh, dass die Fussball-Europameisterschaften 2008 in Bern nicht von Terrorwarnungen überschattet gewesen seien, sagte Alexander Tschäppät am Montag im Gespräch mit dem «Bund».

Auch gegen Krawalle, wie sie an der aktuellen EM in Frankreich von englischen und russischen Fussballfans veranstaltet würden, wäre Bern aber nicht gewappnet gewesen. «Wir haben unterschätzt, wie viele Leute kommen und wie viel sie trinken würden», gab der Stapi freimütig zu.

Der 64-jährige Sozialdemokrat blickte im gefüllten Saal des Bellevue Palace auf seine beinahe zwölfjährige Amtszeit zurück und sprach offen über seinen «Respekt» vor der Zeit danach. Tschäppät wird das Amt am 31. Dezember abgeben. Seinen Vater habe «die Angst aufzuhören» ins Grab gebracht, erzählt er.

Reynold Tschäppät starb 1979 noch als Stadtpräsident im Amt. Diese Erfahrung hat den Sohn geprägt. Er mache sich Gedanken darüber, wie er die Zeit nach dem Stadtpräsidium strukturieren werde, sagt Alexander Tschäppät. Dabei wolle er sich in die Geschäfte seiner Nachfolge nicht einmischen.

«Es gibt nichts Schlimmeres als alte Männer, die überall dreinreden», sagte er. Ob es denn wirklich kein Thema gebe, in das er sich einmischen würde, hakten die Moderatoren Sophie Reinhardt und Bernhard Ott nach.

«Wir brauchen keine Palmen und Leuchtreklamen in der Altstadt.»Alexander Tschäppät, Stadtpräsident

«Nein», sagte Tschäppät bestimmt, fügte dann aber doch an: «Ausser wenn ich das Gefühl hätte, dass die Stadt von meiner Nachfolge nicht geliebt, sondern nur noch verwaltet würde.»

Und als Tschäppät von den Moderatoren die Gelegenheit erhielt, für seine Parteikollegin Ursula Wyss (SP), die für das Stadtpräsidium kandidiert, Werbung zu machen, unterliess er dies. Ott fragte: «Wen bevorzugen Sie für Ihre Nachfolge, Wyss, Teuscher oder von Graffenried?» Darauf sagte Tschäppät, ohne zu antworten: «Jawohl, ich bin einverstanden.»

Szenenapplaus erhielt Tschäppät für seine markigen Worte über die Pläne für ein Rosengarten-Bähnchen: «Ich halte nichts davon, dass die Touristen zehn Minuten rascher im Rosengarten sind, damit sie eher nach Interlaken eilen können.»

Tschäppät will sich zwar gerne auch weiterhin für den Tourismus in Bern einsetzen. Doch dürfe Bern dabei kein «Disneyland» werden. «Wir brauchen keine Palmen und Leuchtreklamen in der Altstadt», sagte er.

Die intakte Altstadt zählt für Tschäppät zu Berns wertvollsten Gütern. Um dies zu erklären, holte Tschäppät weit aus. Der IS zerstöre gezielt Kulturgüter, um die Gesellschaft zu treffen. Denn Kulturgüter seien das Gedächtnis der Gesellschaft.

«Aber auch die Zerstörung des Gedächtnisses aus wirtschaftlichen Gründen ist falsch», sagte Tschäppät. Vor allem dies habe er seinem Freund und Kollegen Vitali Klitschko zu vermitteln versucht, als der ukrainische Profiboxer Bürgermeister von Kiew wurde. Kiew sei eine Stadt mit vielen «Bausünden», weil die Stadt schnell wachse. (Der Bund)

(Erstellt: 13.06.2016, 18:25 Uhr)

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