«Bern ist die langweiligste Stadt der Welt»

Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur erinnern sich in der «Bund»-Jugendserie an ihre Erfahrungen und Ziele mit 18 Jahren.

Alle waren sie einmal jung: Bekannte Berner Persönlichkeiten.

Alle waren sie einmal jung: Bekannte Berner Persönlichkeiten. Bild: zvg

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Jürg Halter, Dichter und Performancekünstler

Jürg Halter

Für das gebe ich mein Geld aus:
Neue Rollschuhe, Bücher, Comics und Basketball.

Das bringt mich auf die Palme:
Jugendliche, die nur konsumieren, sich für nichts wirklich interessieren und die Welt nicht ändern wollen. Deshalb habe ich mit Freunden ein Jugendparlament gegründet.

So mache ich mein Schwarm auf mich aufmerksam:
Mit einer coolen Pirouette auf meinen Rollschuhen. Oder ich schreibe ihr einen Brief. Oder ich lade sie für einen Horrorfilm ins Kino ein. Und spaziere danach mit ihr durch den Wald.

Das dürfen meine Eltern nie erfahren:
Was ich nachts so in den Strassen Berns treibe. Und was danach darüber in der Zeitung steht.

Das will ich in zehn Jahren machen:
Weltfrieden stiften. Ein Buch schreiben. Ein Hotel für müde Tiere bauen.


Franziska Teuscher, Gemeinderätin

Franziska Teuscher

Für das gebe ich mein Geld aus:
Am meisten Geld gebe ich für den Theaterbesuch aus, denn meine Leidenschaft ist das Theater. Mit meiner Freundin besuche ich alle Schauspiele im Stadttheater. Das Stück Hamlet ist mir in guter Erinnerung geblieben, vor allem weil ich für den Hauptdarsteller schwärme . Dann ist natürlich auch «Lädele» eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. In den Ferien arbeite ich regelmässig in der EPA, um mein Taschengeld aufzubessern, damit ich mir Kleider und Kultur leisten kann.

Das bringt mich auf die Palme:
Gewisse Lehrer und Lehrerinnen. Je länger das Gymnasium dauert, desto mehr nervt mich auch das Latein. Bei der Lektüre der endlosen Kriegsbeschreibungen in «De bello Gallico» verlor ich meine anfängliche Begeisterung für diese Sprache.

So mache ich meinen Schwarm auf mich aufmerksam:
Natürlich mit meinem Charme.

Das dürfen meine Eltern nie erfahren:
Es gab nichts, dass sie nie erfahren dürfen. Gewisse Dinge sind vielleicht eine Frage des Zeitpunkts oder der Art und Weise, aber erfahren tun sie sowieso alles. Das lässt das gute Verhältnis zwischen uns auch problemlos zu.

Das will ich in zehn Jahren machen:
Ich habe keine Ahnung. Ich bin offen für alles, das heisst umgekehrt auch: mir steht die ganze Welt offen.


Desmond Dez, Rapper

Desmond Dez

Für das gebe ich mein Geld aus:
Für Schallplatten, die ich bei Pablo im Lollypop kaufe.

Das bringt mich auf die Palme:
Einige meiner Lehrer im Gymi.

So mache ich mein Schwarm auf mich aufmerksam:
Ich remple sie in der Mensa an, damit sie ihr Getränk verschüttet und lade sie daraufhin auf einen Kaffee ein.

Das dürfen meine Eltern nie erfahren:
Wenn sie es nie erfahren sollen, dann darf ich es ja nicht verraten.

Das will ich in zehn Jahren machen:
Musik.


Reto Nause, Sicherheitsdirektor Stadt Bern

Reto Nause

Für das gebe ich Geld aus:
Im Ausgang mit Kolleginnen und Kollegen.

Das bringt mich auf die Palme:
Eltern, die mir sagen wollen, um welche Uhrzeit ich zu Hause sein soll.

So mache ich meinen Schwarm auf mich aufmerksam:
Ich ziehe mein Biker-Lederjäggli und die Röhrlijeans an. Dann frage ich sie: Gehen wir heute zusammen ans Baby Jail Konzert?

Das dürfen meine Eltern nie erfahren:
Das bleibt ja wohl mein Geheimnis!

Das will ich in zehn Jahren machen:
Ich will Bundesrat werden.


Suzanne Thoma, BKW-Chefin

Suzanne Thoma

Für das gebe ich mein Geld aus:
Für Reisen, sofern ich welches habe.

Das bringt mich auf die Palme:
Langweilige Schulstunden

So mache ich mein Schwarm auf mich aufmerksam:
Das weiss ich nicht mehr so genau…

Das dürfen meine Eltern nie erfahren:
… das mit den Telefonstreichen

Das will ich in zehn Jahren machen:
Zehn Jahre sind unendlich weit weg.


Alexander Tschäppät, Berner Stadtpräsident

Alexander Tschäppät

Für das gebe ich mein Geld aus:
Zigaretten und Reparaturen der Vespa

Das bringt mich auf die Palme:
Napalm auf Vietnam

So mache ich mein Schwarm auf mich aufmerksam:
Haare waschen, Haare föhnen, Haare waschen, Haare föhnen, bis sie sitzen. Und natürlich Clearasil.

Das dürfen meine Eltern nie erfahren:
Genau…

Das will ich in zehn Jahren machen:
Lotto-Millionär sein.


Ursula Wyss, Gemeinderätin

Ursula Wyss

Für das gebe ich mein Geld aus:
Ich verbringe den Sommer in Osteuropa. Die Mauer in Berlin ist soeben gefallen – neue spannende Länder wie Polen, Rumänien oder Ungarn können erstmals frei bereist werden. Ich führe in Neuchâtel ein unabhängiges Leben. Das Geld dazu verdiene ich mir nebst Gymi mit Nachtarbeit im Spital.

Das bringt mich auf die Palme:
Atomkraftwerke. Die Diamantfeiern, mit denen die Schweiz den Ausbruch des zweiten Weltkriegs feiert – während alle anderen Länder das Ende dieses Kriegs feiern.

So mache ich mein Schwarm auf mich aufmerksam:
Da halte ich’s noch mit der alten Rollenteilung: Die Jungs machen auf sich aufmerksam.

Das dürfen meine Eltern nie erfahren:
Die Frage ist wohl eher: Was dürfen sie überhaupt erfahren?

Das will ich in zehn Jahren machen:
Da sind die Vorstellungen noch nicht so konkret. Tendenziell wohne ich dann eher in New York oder Timbuktu.


Reverend Beat-Man, Musiker

Reverend Beat-Man

Für das gebe ich mein Geld aus:
Schallplatten, Bier, Interrail-Ticket, bin in der Lehre, hab nicht viel Geld (450 Franken im Monat).

Heute: Ich gebe kein Geld sinnlos aus, eher investiere ich es in Essen, so dass mein Körper kraftvoll alt werden kann. Ich kauf mir immer noch Schallplatten. So befriedige ich meine Sucht nach Musik. Zudem kann ich sie mal meinen Kindern vererben. Ein grosser Teil geht natürlich und natürlich an Miete und Krankenkasse.

Das bringt mich auf die Palme:

Meine Eltern, die immer herumnörgeln, die Schule, alles scheisst mich an, die ganze Welt ist scheisse, Bern ist die langweiligste Stadt der Welt.

Heute: Überhebliche und gierige Menschen, Musiker die vom Kopieren anderer Musiker das grosse Geld machen, Leute die sich immer über Bern hermachen und sagen, dass es die langweiligste Stadt der Welt ist.

So mache ich mein Schwarm auf mich aufmerksam:
Das hab ich noch nicht heraus gefunden. Bin zu scheu, wenn es um Mädchen geht. Ich werde sofort rot im Gesicht.

Heute: Ich schreie auf der Buhne wild rum und verhalte mich wie ein Neandertaler.

Das dürfen meine Eltern nie erfahren:
Dass ich mal Musiker werden will und nach der Lehre den «normalen» Job an den Nagel hängen werde, um auf Welttournee zu gehen und dass ich nie Kinder haben will, weil die dauernd nerven und ich nie alt werden ich will. Ich will mit 30 sterben.

Heute: Was ich als Teenager alles gemacht habe ist mir heute noch peinlich, aber da ich auch zwei Kinder habe, weiss ich, dass das so sein muss. Total peinlich und negativ sein, ist das Beste, was ich je gehabt habe.

Das will ich in zehn Jahren machen:
Musik machen und ein Label haben, auf dem ich Schallplatten produziere, ein Haus haben, wo ich und all meine Freunde leben und arbeiten können.

Heute: Musik machen und ein Label haben, auf dem ich Schallplatten produziere, ein Haus haben wo ich und all meine Freunde leben und arbeiten können.


Alexandre Schmidt, Finanzdirektor Stadt Bern

Alexandre Schmidt

Für das gebe ich mein Geld aus:
33 und 45 waren meine Lieblingszahlen, gemeint sind die Umdrehungen pro Minute von LP und Singles. Auf meine Schallplattensammlung bin ich auch heute noch stolz.

Das bringt mich auf die Palme:
Das Tian’anmen-Massaker in China vom 4. Juni 1989 hat mich wochenlang am Menschen zweifeln lassen. Kurz darauf kam der Fall der Berliner Mauer und die Freilassung von Nelson Mandela. Beides hat mich fürs Leben geprägt und gezeigt, dass auf lange Sicht die Freiheit immer gewinnt und es sich lohnt, dafür zu kämpfen.

So mache ich mein Schwarm auf mich aufmerksam:
Mein bester Freund war mit meinem Schwarm zusammen. Ich erinnere mich an Kapriolen, die nur in meinem Kopf stattfanden.

Das dürfen meine Eltern nie erfahren:
Die Jugoslawien-Kriege in den 90ern liessen mich nicht los. Als Mitglied einer Friedensorganisation besuchte ich die Front und sah viel grauenhafteres, als ich ihnen je erzählte.

Das will ich in zehn Jahren machen:
1990 sprach ich zufällig mit einem alten Mann in London. Er war nach 1945 zum ersten Mal zurück aus den USA nach Europa gekommen, um die Gräber seiner jungen Soldatenkollegen zu besuchen. Ich sagte ihm, dass ich meine Freiheit ihm und seiner Generation verdanke, worauf er hemmungslos weinte. Da wusste ich, dass ich mein Leben für eine freie Gesellschaft einsetzen werde. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.01.2016, 11:31 Uhr)

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#blackboxjugend

Das mit der Jugend ist eine merkwürdige Sache. Früher oder später rutscht man hinein. Und wenn sie überstanden ist, gehört sie für immer der Vergangenheit an. Manche zeigen dann Schwierigkeiten loszulassen, andere sind froh, die Adoleszenzphase endlich abgeschlossen zu haben.

Doch egal, wie die Jugendzeit verbracht wurde, eines bleibt: Erinnerungen. An diesen werden die nachrückenden Generationen unweigerlich gemessen und bewertet. Missverständnisse sind dabei unumgänglich. Egal wie jung geblieben man sich fühlt, der Anschluss an die Jugend ist schnell verloren. Plötzlich versteht man nicht mehr so recht, über was die da reden, man wundert sich über Hobbys und Frisuren. Gleichzeitig geistern vielen noch die glorifizierten Bilder der eigenen Jugend im Kopf herum. Im Vergleich mit der heutigen Jugend tun sich da schnell Gräben und Unverständnis auf.

Um Dinge zu erklären, die vielleicht gar nicht verstanden werden können, wird gerne auf die Statistiken zurückgegriffen. So auch, wenn es um die Jugend geht. Das jährlich erscheinende Jugendbarometer soll zeigen, wie die Jugend so tickt. 2015 war hier beispielsweise zu entnehmen, dass die Jugend eher Nein zu Drogen sagt, Geld auf die Seite legt und Karriere machen will.

Doch wer sind die Menschen hinter den Zahlen? Wie leben sie? Was beschäftigt sie? Und fühlen sie sich überhaupt verstanden? Um einen Einblick in das Leben der heutigen Jugend zu gewinnen, haben wir einen Aufruf gestartet. Menschen zwischen 15 und 20 Jahren aus Bern und Umgebung haben sich gemeldet. Zehn davon haben wir getroffen und mit ihnen über ihren Alltag gesprochen.

Sie sind uns im Video Rede und Antwort gestanden und haben uns einen Einblick in ihr Fotoalbum gewährt. Zehn Tage lang publizieren wir je ein Porträt, welches Sie vielleicht überrascht, womöglich den Kopf schütteln lässt oder ganz einfach nur um ein paar Jahre zurückversetzt.

Das Dossier: www.jugendserie.derbund.ch

Mitreden auf Twitter: #blackboxjugend

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