Bern

Aus der Geheimzone des Gurtens

Von Claudia Badertscher. Aktualisiert am 19.07.2010

Dass vor der Hauptbühne der Bär steppt, ist bekannt. Was aber spielt sich hinter dem Bühnenkoloss ab? «Der Bund» begleitete Charlie Winston vor, während und nach seinem Konzert.

Charlie Winston vor seinem Container auf dem Gurten. Die Innenausstattung ist alles andere als luxuriös: ein Tisch, ein Stuhl, eine Kleiderstange und ein Kühlschrank. (Gurtenfestival/Thomas Reufer)

Charlie Winston vor seinem Container auf dem Gurten. Die Innenausstattung ist alles andere als luxuriös: ein Tisch, ein Stuhl, eine Kleiderstange und ein Kühlschrank. (Gurtenfestival/Thomas Reufer)

«Wo bringen sie uns eigentlich hin?», fragt Charlie Winston den Fahrer des Fiats. Eben fuhr der kleine Bus, mit dem die Bands abgeholt werden, noch durch die Stadt. Nun ziehen Bäume und Bauernhöfe vorbei. «Easy», beruhigt ihn der Fahrer, er müsse nur eine Schlaufe fahren. «Eine solche Fahrt sind sich die Musiker nicht gewohnt», erzählt er später. So habe er vor über zehn Jahren die schweren muskelbepackten Jungs von der Hip-Hop-Band Run-D.M.C heraufgefahren. «Sobald es steil wurde, kriegten sie mächtig den Bammel.»

Auf dem Gurten gibt es eine Backstage-Hierarchie. Diese wird von den Broncos mit Argusaugen überwacht. Die Medien dürfen sich kaum über das Medienzelt hinaus vorwagen. Dahinter liegt ein eingezäunter Bereich für Rowdys, Bühnenarbeiter und Sicherheitspersonal. Die Musiker und ihre Manager wiederum sitzen abgeschirmt hinter einer Wagenburg aus Containern. Das Plätzchen inmitten dieser ist mit Blumentöpfen lauschig hergerichtet. Einige Musiker von Gossip unterhalten sich bei Mineral und Chips.

Poulet und Pasta für den «Hobo»

Charlie Winston, dessen folkiges Album in Frankreich letztes Jahr bis an die Chartspitze vorstiess, bezieht einen Container mit sechs Quadratmetern Fläche; Der Headliner Faith No More beansprucht drei Container. In Winstons Container spendet einzig der Spiegel mit den ringsum angeordneten Glühbirnen etwas Glamour.

Den 32-jährigen selbst erklärten «Hobo», zu Deutsch: Landstreicher, wie sein Album heisst, stört das nicht. Im Gegenteil: «Das Gurtenfestival ist ausserordentlich gut organisiert. Und alles ist sauber», sagt der androgyne Engländer bei Poulet und Pasta in der Kantine. Und lächelt so gewinnend, wie ein Mann lächelt, der weiss, dass ihm Frauenherzen im Nu zufliegen.

In der Kantine geht es familiär zu und her: Entgegen der Backstage-Hierarchie mischen sich hier Musiker mit Mitarbeitern. Dies entspricht ganz dem Gusto der Frau vom Catering: «Mich freut, wenn sich die Musiker in die Schlange vor dem Buffett einreihen, wie gestern etwa die Mitglieder von Empire of the Sun.» Von Dünkel merke man nichts; ausser vielleicht bei einigen Superstars, die zum Beispiel Essen ohne Salz auf ihren Container serviert haben möchten.

Mission: Die Berner begeistern

«Ah, Bern heisst das»: Charlie Winston kennt zwar den Namen des Festivals, an dem er in einer Dreiviertelstunde spielt, nicht aber den des Städtchens am Fusse des Hügels. Der Sänger gibt sich vor dem Konzert entspannt – Nervosität kenne er nicht. Erst eine halbe Stunde vor seinem Auftritt schlendert der Mann im edlen zweitteiligen Zwirn und dem leicht schmutzigen Filzhut Richtung der Treppe los, die von hinten in den Bauch der Bühne führt. Kurz darauf hört man ihn vom Vorplatz aus Tonleitern singen. Er wärmt sich auf; das Aufstellen, Installieren und den Soundcheck kann er seinen Helfern überlassen. Anders als vor gut vier Jahren, als Winston – noch ganz «Hobo» – durch Europa tingelte und in Bars und auf der Strasse spielte.

Der Unbekannte kommt an

«Dies war meine Lehrzeit», sagt Winston – und steht er auf der Bühne, merkt man, welch erfahrener Musiker er ist. Seit er vor elf Jahren die Musikhochschule in London abschloss, spielte er in diversen Bands, schrieb Musik für Tanzensembles und vertonte Werbespots. 2006 konnte er schliesslich als Vorband mit Peter Gabriel durch Europa touren. Das Berner Publikum reagiert zunächst zögerlich auf den hier noch wenig Bekannten.

Der charmante Charlie lockt die Berner aber bald aus der Reserve. Am Ende des Konzerts ist der Platz vor der Hauptbühne proppenvoll. Man hüpft, tanzt und singt zu Winstons eingängigem Hit «Like a Hobo».

Mit geröteten Gesichtern wird die Band vom Hintereingang der Bühne wieder ausgespuckt. Scherzend laufen sie zum Künstler-Bereich, und Winston legt sich umgehend unter die Hände der den Künstlern vorbehaltenen Masseurin. «Es ist schöner zu spielen, wenn dich die meisten nicht kennen», kommt er der nächsten Frage zuvor. «Dann muss ich mich mehr anstrengen, um das Publikum zu gewinnen.» Eine Stunde später wird die Band bereits wieder in den Fiat verladen und zum Tourbus hinuntergekarrt. Um 10 Uhr am nächsten Morgen muss sie in Barcelona antreten. (Der Bund)

Erstellt: 19.07.2010, 10:18 Uhr

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