Bern

«Aufgetischt»: Global denken, lokal essen

Von Markus Dütschler. Aktualisiert am 31.03.2012

Der Testesser gönnt sich ein Mittagessen im Breitenrainquartier. Der Name «Lokal» ist Programm.

Stichworte

Die Rechnung, bitte

Karte: Kreative Marktküche mit vorwiegend regional beschafften Produkten.
Preise: Angesichts der vorherrschenden Bio-Qualität auf vernünftigem Niveau. Günstige Mittagsmenüs.
Kundschaft: Mittags Büropersonal, das neue Kräfte für kreatives Schaffen am Nachmittag schöpft, einige Soldaten der nahen Kaserne, abends Kulturinteressierte.
Öffnungszeiten: Mo-Do 9.30-23.30 Uhr; Fr 9.30-24 Uhr; Sa 15-24 Uhr, So geschlossen.
Adresse: Restaurant Lokal, Franziska und Martin Abplanalp, Militärstrasse 42, 3014 Bern, Telefon 031 332 70 00; E-Mail: restaurant@lokal-bern.ch; Internet: www.lokal-bern.ch.

Im Märzen der Beizer die Stühle rausstellt. Die Kundschaft dankt es ihm. So auch im Restaurant Lokal im Breitenrainquartier. Geradezu gierig saugt die «Gaschtig» auf der Veranda und im Garten die Frühlingsstrahlen auf, auch wenn noch ein steifes Lüftchen weht. Auch wir setzen uns draussen hin.

Die Bedienung ist nett, unkompliziert, unprätentiös und ganz leicht alternativ, aber durchaus «spiesserfriendly». Wir bestellen Mineralwasser und je ein Glas Weisswein. Die Begleiterin wählt einen erstaunlich günstigen Twanner der Westschweizer Standardsorte Chasselas der Winzerin Ursula Angelrath (Fr. 4.80/dl) - und ist sehr zufrieden. Der Testesser fühlt sich der Herbheit des Bielerseegebiets noch nicht gewachsen und schnüffelt lieber an einem verführerisch duftenden Glas Riesling des Winzers Van Volxem aus dem Saar-Mosel-Gebiet: fein dosierte Lieblichkeit, aber nicht süsslich (Fr. 6.40/dl).

Drei Mittagsmenüs stehen zur Auswahl. Die Begleiterin entscheidet sich für Couscous-Salat auf Hummus (Fr. 13.50). Der Testesser nimmt das Fleischmenü mit Linsencrèmesuppe (Fr. 17.50). Das Süppchen schmeckt nach Gemüse und verrät im Abgang dezent den Geschmack jener Hülsenfrucht, deretwegen der biblische Esau einst auf sein Erstgeburtsrecht verzichtet hatte. Das Fleischmenü besteht aus Kalbsragout an Rotweinsauce mit sautierten Gemüsewürfeln und Nudeln. Diese sind akkurat angerichtet wie eine Heumahd. Das Gemüse hat leicht Biss, was wir viel lieber mögen als Pampigkeit. Die Begleiterin ist begeistert von ihrem frühlingshaften Couscous-Salat. Die Portion ist grosszügig bemessen, so dass er mitnaschen darf. Man lernt nie aus: Die grünen Blättchen, die entfernt an Klee erinnern, heissen Portulak.

Nun wird es der Begleiterin etwas kühl, weshalb wir uns ins Innere verziehen, wo es noch Platz hat. Auf einer kleinen Bühne, die an manchen Abenden zur Kulturplattform mutiert, setzen wir uns in die Lounge. Diese besteht nicht aus dunklen eckig-modischen Standard-Rattanmöbeln, sondern es sind bezaubernd altmodische Louis-Toujour-Stühle. Hier schlürfen wir unseren Kaffee. Der Testesser bestellt das Dessert Surprise (Fr. 6.50). Wie sich herausstellt, besteht es aus einem Brownie-Stückchen, ein Gebäck, für das die Beiz bekannt ist. Weiter finden sich im Geschirr zwei Apfelschnitzchen und etwas «Rahmtäfeli»-Glace. Genau richtig für alle, die eigentlich kein Dessert mehr mögen, aber doch nicht ohne Süsses in den Nachmittag starten möchten. Die Begleiterin denkt an ihr kalorienzählendes E-Balance-Programm auf dem Handy und widersteht den Gelüsten. Das Bild, das hinter uns an der Wand hängt, lassen wir uns nicht auf die Rechnung setzen. 3000 Franken überschreiten unser Spesenbudget nun doch um einiges.

Beizengänger mit gutem Gedächtnis erinnern sich, dass das Etablissement «Bellevue» hiess und ab 2003 «Im Juli». Verbunden mit einigen Nebengeräuschen änderte es 2009 den Namen in «Lokal». Der Name ist Programm. Das Brot kommt vom Quartierbeck, das Fleisch vom Berner Bio-Metzger, das Gemüse vom Bio-Bauernhof aus der Region, das Bier aus der Brauerei Felsenau. Nicht lokal, aber bodenständig ist der Chäs-Brot-und-Wurst-Teller (Fr. 9.50) mit Produkten aus dem Diemtigtal, der Heimat des Schwingerkönigs Kilian Wenger.

Wer es gehobener mag, steigt im hohen Raum ein paar Treppenstufen hoch und verköstigt sich im Esssaal, wo die Tische weiss gedeckt sind. Es wäre das passende Ambiente für ein rosa grilliertes Hohrückenfilet an Kräuter-Senfjus, Bramata-Polenta mit Mascarpone und Frühlingsgemüse oder ein sautiertes Wolfsbarschfilet aus der Nordsee mit Mandel-Frischkäse-Kruste auf tomatierter Weissweinsauce und Erbsenpüree, serviert mit Kräuterreis (je Fr. 31.50). Das nehmen wir dann nächstes Mal.

(Der Bund)

Erstellt: 31.03.2012, 10:47 Uhr

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