Bern
«Aufgetischt»: Der Meister kocht mit
Die Rechnung, bitte
Karte: Europäische Küche mit mediterranem Einschlag, Menüs, Ciabatta, Suppen, Desserts. Preise: Drei Menüs von Fr. 18.90 bis Fr. 26.50.Suppentopf ab Fr. 9.50.
Kundschaft: Gesittete, gediegene Leute jeglichen Alters, die spüren, dass der Mensch nicht von Kultur allein leben kann.
Öffnungszeiten: Di-Fr 9-22 Uhr; Sa/So 10-17 Uhr; andere Zeiten für Gruppen auf Anfrage möglich.
Adresse: Bistro Steinhalle, Historisches Museum Bern, Helvetiaplatz 5, 3005 Bern; Telefon 031 351 51 00; www.steinhalle.ch; E-Mail: info@steinhalle.ch
Stichworte
Wenn ein «Bären»- oder «Löwen»-Wirt eine Internetadresse reserviert, kommt er - sofern er sie nicht schon 1995 besetzt hat - nicht um Ortszusätze und Bindestriche herum. Nicht so die Steinhalle im Historischen Museum Bern: Sie gibt es nur einmal. Der Name ist nicht frei erfunden: Der Raum hiess schon so, als sich niemand vorstellen konnte, dass er ein Restaurant beherbergen könnte. Er war eine Art Rumpelkammer für steinerne Zeugen der Vergangenheit, ein Depot.
2000 ging die Gaststätte auf, die sich zu einem In-Lokal entwickelte. Trotzdem musste der Wirt 2005 gehen, weil die Museumsleitung lieber ein Museumscafé wollte - und etwas weniger Gourmet-Tempel. Die Zeit des Verweilens unter lauschigen Bäumen ist definitiv noch nicht angebrochen: Man sitzt noch gerne drin. Der Testesser findet im schlauchartigen Raum mit historischen Stücken und einem Mosaik an den Wänden ein Plätzchen und studiert die Karte.
Suppe mit Würsten oder doch lieber Ragout?
Drei Menüs stehen zur Wahl. Auch Rindstatar wäre zu haben, Ciabatta (eine Art warmes Sandwich), Pasta und Suppen. Eine Dame am Nebentisch bekommt einen elegant geschwungenen Riesenteller mit Suppe und Würsten (Fr. 12.50) vorgesetzt, dem sie nur unvollkommen Herrin wird. An einem anderen Tisch wird das Menü 2 aufgetragen: gebackene Auberginen mit knallgelbem Safran-Couscous, mit rötlichem Granatapfeljoghurt übergossen (Fr. 18.90). Sieht gut aus. Irgendwo tut sich jemand an Kalbsragout mit Rosmarin, Frühlingskartoffeln und Saisongemüse (Fr. 19.90) gütlich. Auch verlockend.
Der Testesser entscheidet sich für Menü 3: gebratene Forellenfilets an Basilikumpesto, Frühlingskartoffeln und Saisongemüse (Fr. 26.50). Zwei freundliche junge Herren schmeissen den Service. Schnell kommt das inbegriffene Tagessüppchen. Die raffinierte Komposition aus Broccoli, Sellerie und etwas Kartoffeln wird heiss serviert - eine jener Suppen, die man gerne selber auslöffelt. Sogleich wird der ebenfalls inbegriffene Salat zugestellt: verschiedene Blattsalate mit Karottenstreifen. Nachahmenswert: Der Salat ist nicht in Sauce ertränkt worden. Nun gerät die Lieferfolge etwas ins Stocken, wer weiss warum. Aha, der Tagesteller wird aufgetragen.
Kunstvoll aufgetürmter Fisch
Ganz schön klein, denkt man im ersten Moment, denn Rüebli, Zucchetti, Kartoffeln und Fisch sind in der Mitte eines grossen Tellers aufgeschichtet wie eine Skulptur. Die Erklärung, dass die Beiz seit 2005 unter der Regie des ZFV läuft, des früheren Zürcher Frauenvereins, ist keine hinreichende Erklärung für die Skulptur. Wenn man aber weiss, dass die Kost aus der Küche des ZFV-Restaurants Schöngrün im Zentrum Paul Klee stammt, wird einiges klar. Werner Rothen, der preisgekrönte Maestro, liebt Skulpturen auf dem Teller.
Der Testesser will damit keineswegs behaupten, dass man im Museumscafé der «Histeriker» gleich gut isst wie im Sterne-Lokal auf dem Klee-Areal, doch ist die gewandte Klaue des Meisters auch in der Steinhalle zu spüren. Zum Fisch trinkt der Testesser einen Prà Bianco aus dem Tessin, eine raffinierte Assemblage aus Chardonnay, Sémillon, weiss gekeltertem Blauburgunder und Sauvignon blanc (Fr. 6.50/dl).
Das vergnügliche Doppel-Dessert
Kuchen mit Früchten gäbe es laut Karte zum Nachtisch. Der Kellner trägt als Alternative ein Tablar im Raum umher und bietet den Gästen Mini-Desserts (Fr. 4.-) an. Der Testesser ist nach dem optisch kleinen Fischgericht dank Suppe und Salat ebenfalls satt, möchte aber im süssen Bereich nichts versäumen. Er bestellt darum gleich zwei Naschereien: eine Panna cotta mit einer feinen Schicht Passionsfruchtgelée überzogen, serviert in einem Weck-Glas, von dem der deutsche Ausdruck «eingeweckt» für «Eingemachtes» stammt. Dazu vernascht er ein Tiramisu. D
ie anderen Gäste rundherum haben aufs Dessert verzichtet - und etwas verpasst. Nur die Himbeeren, die auf dem «Ziehmichhoch» thronen, haben vermutlich den Frühtau des gestrigen Freitags nicht mehr am Strauch erlebt. (Der Bund)
Erstellt: 15.04.2012, 09:46 Uhr
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