Bern
20'000 gegen «Sparwahn und Abbau»
Von Joël Baumann. Aktualisiert am 18.03.2013 14 Kommentare
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Es war ein ungewohnter Auftritt der Polizei. Am frühen Samstagnachmittag formierten sich die Polizisten vor ihrer Hauptwache auf dem Waisenhausplatz. Für einmal sorgten sie aber nicht am Rand einer Kundgebung für Ruhe und Ordnung, sondern waren selber Teil davon. Die Vordersten, flankiert von Motorradfahrern, hielten ein Poster mit der Aufschrift «Jetzt längt’s». Alle Polizisten kamen in Vollmontur – Pistole und Pfefferspray steckten im Gurt.
Der Marsch auf den Bundesplatz sei ein Zeichen gegen die Respektlosigkeit, die hohe Arbeitsbelastung und gegen die Erhöhung des Rentenalters, ruft ein Polizist durchs Megafon. «Die Attraktivität des Kantons steht auf dem Spiel.» Dann zogen sie los, schlängelten sich am Samstagsmarkt vorbei auf den Bundesplatz, wo sie auf die anderen Kantonsangestellten trafen. Passanten blieben staunend stehen. Nicht wenige schossen ein Foto.
«Chummerbuebe und -meitschi»
Tausende folgten dem Aufruf der Berufs- und Personalverbände und der Gewerkschaften des Kantons Bern am Samstagnachmittag auf den Bundesplatz. Organisatoren und Beobachter sprachen übereinstimmend von rund 20'000 Teilnehmern. Vor dem Hintergrund eines strukturellen Defizits in der Kantonskasse von 450 Millionen Franken und drohenden Sparmassnahmen wollten sie unter dem Motto «Stopp Abbau» ein Signal an die Kantonsregierung senden. Sie forderten «konkurrenzfähige Löhne und tragbare Arbeitsbedingungen». «Stopp Abbau» bei der Bildung, in der Verwaltung, im Gesundheitswesen, im Sozial- und Fürsorgebereich, beim öffentlichen Verkehr und bei der Polizei.
Aus allen Himmelsrichtungen strömten Förster, Ärzte, Lehrer auf dem Bundesplatz zusammen, wo sie von der Berner Band Kummerbuben empfangen wurden. Deren Sänger meinte, ein Kanton voller «Chummerbuebe und –meitschi» sei nicht gut und forderte die Menge zum Tanz auf. Es wurde eng auf dem Bundesplatz. Ursula Marti (SP) sagte: «Es ist gewaltig; ein sehr starkes Zeichen. Das muss doch seine Wirkung haben.»
Überraschender Aufmarsch
Auch Matthias Burkhalter, Geschäftsführer des Bernischen Staatspersonalverbandes freute sich: «Dass sich an der ersten Grosskundgebung der Berner Personalverbände seit 2002 gleich so viele Leute beteiligen würden, konnte nicht erwartet werden.» Martin Gatti, Päsident der Lehrergewerkschaft Lebe, sagte in seiner Ansprache: «Auf uns kann man sich verlassen; aber können wir uns auch auf unsere Politiker verlassen?» Er forderte Perspektiven und eine verlässliche Lohnentwicklung. Es sei keine Drohnung, sagte Gatti, er denke nur laut: «Steht der Service Public still, steht alles still.» Auch SP-Grossrätin Béatrice Stucki drückte sich deutlich aus: «Wer dem Staat die nötigen Gelder entzieht, schafft eine Zweiklassengesellschaft und schadet dem sozialen Frieden.» Ganz am Rand verfolgten drei Regierungsräte das Geschehen.
Neben Finanzdirektorin Beatrice Simon (BDP) wollte auch Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (SP) den Angestellten «den Puls fühlen». Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) sagte, sie seien als Arbeitgeber gekommen, um zu zeigen, dass sie ihre Angestellten ernst nehmen würden.
Versorgungssicherheit in Gefahr?
Wo diesen der Schuh drückt, zeigte sich in den Referaten. Eine Assistenzärztin klagte über zu lange Arbeitszeiten, die nicht nur für die Ärzte ungesund seien, sondern auch für Patienten. Sie forderte gesetzeskonforme Löhne und dass mehr Zeit für die Patienten zur Verfügung stehe. Barbara Dättwyler vom Berufsverband der Pflegefachfrauen und -Männer sagte, die Versorgungssicherheit der Bevölkerung sei gefährdet, denn die Aufgaben liessen sich nur noch mit «Müh und Not» ausführen. Der Kanton spare «das Gesundheitswesen kaputt».
Es gelte nun diesen «Sparwahn» zu stoppen. Ein Lehrer meinte, es sei nicht mehr möglich, Vollzeit zu arbeiten, wenn man gesund bleiben wolle. Er wendete sich direkt an den Kanton: «Du löschisch üs ab und brönnsch üs us.» Ein Arzt aus Biel beklagte mangelnde Zeit und Ressourcen für Weiterbildungen, worunter am Ende die Qualität leide. Robert Ruprecht vom Rentnerverband zeigte sich «solidarisch mit den Aktiven»: Der Grosse Rat versuche die «Finanzmisere» auf dem Buckel derer auszugleichen, die an der Front sind. «Der Zynismus den der Grosse Rat an den Tag legt, muss verschwinden.» (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.03.2013, 15:55 Uhr
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14 Kommentare
"...und wenn's der Service Public will, steht der Service Public still!"
Ich bin Primarlehrer und Familienvater im Kanton Bern. Meine Frau muss arbeiten gehen. Ich habe 12 Berufserfahrungsjahre und den schlechtesten Lohn der Branche im ganzen Land. V.a. die neue Integration und die neue Fremdsprachendidaktik lassen meine Arbeitszeit explodieren. Ohne einen Franken mehr Lohn? Jetzt reicht's!
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