Schwimmunterricht: «Wichtig ist das Wohl des Kindes»

Die Schule habe auch einen Integrationsauftrag, sagt der bernische Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne). Deshalb sei das EGMR-Urteil zum Schwimmunterricht richtig.

«Bisher sind wir mit unserer Lösung gut gefahren»: Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) über das Urteil des EGMR zum Schwimmunterricht in der Schule.

«Bisher sind wir mit unserer Lösung gut gefahren»: Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) über das Urteil des EGMR zum Schwimmunterricht in der Schule. Bild: Valérie Chételat

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Herr Pulver, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat einen Bundesgerichtsentscheid gestützt, der besagt: Die Busse gegen einen türkischen Vater aus Basel, der seine Töchter nicht in den Schwimmunterricht schicken wollte, verletze die Religionsfreiheit nicht. Was halten Sie von diesem Entscheid?
Zu einer vertieften Analyse des Urteils bin ich noch nicht gekommen. Es bestätigt jedoch unsere bisherige Haltung im Kanton Bern: Schwimmen ist ein Teil des regulären Schulunterrichts.

Finden Sie es richtig, dass der EGMR die Integration höher gewichtet als die Interessen der Eltern?
Die Schule hat neben dem Bildungsauftrag klar auch einen Auftrag zur Integration. Dieser geht den Prioritäten der Eltern voran. Deshalb finde ich den Entscheid richtig.

Hat das Urteil einen Einfluss auf die bisherige Praxis im Kanton Bern?
Man darf das Urteil nicht missverstehen. Das Gericht sagt, es sei legitim, die Schwimmpflicht durchzusetzen und nicht «die Schulen müssen die Schwimmpflicht durchsetzen». Daher wird es nicht zu einer Verschärfung der bisherigen Praxis kommen.

Wie sieht die bisherige Praxis aus?
Wir überlassen die Entscheide den jeweiligen Schulleitern, welche die Situation im Detail kennen. Sie können auch mal einen Kompromiss aushandeln. Bisher sind wir mit dieser Lösung sehr gut gefahren.

Wie sieht ein solcher Kompromiss aus? Wie weit kommt man den Eltern entgegen?
Dass man sich die Hand gibt oder dass die Kinder den Schwimmunterricht besuchen, gehört zur Schweiz. Wichtig ist aber, dass das Wohl des Kindes nicht gefährdet wird. Wenn das Kind etwa durch den Zwang zum Schwimm- oder Religionsunterricht in einen schweren Konflikt mit den Eltern kommen könnte, muss man eine jeweils massgeschneiderte Lösung finden. Das kann sein, dass ein Mädchen vorerst nicht zum Schwimmunterricht kommt, die Eltern dafür darauf verzichten, dass ihre Tochter in der Schule ein Kopftuch tragen muss.

Haben Sie weitere Beispiele?
Ja, dass ein Kind erst dann den Schwimmunterricht besuchen muss, wenn es sich an die kulturellen Gegebenheiten in der Schweiz gewöhnt hat. In Somalia zum Beispiel ist es nicht üblich, sich vor anderen in Badekleidern zu zeigen. Einem Mädchen, das davor grosse Scham empfindet, könnte der entsprechende Schulleiter erst mal etwas Zeit geben.

Kam es im Kanton Bern bereits zu ähnlichen Konfliktfällen wie in Basel oder auch St. Gallen?
Nein. Als Erziehungsdirektor musste ich bisher über keine solchen Beschwerden entscheiden, die eine bernische Volksschule betroffen hätten.

Regierungsrat Bernhard Pulver (Grüne) ist Erziehungsdirektor des Kantons Bern. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2017, 14:29 Uhr

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