Schwerkraft light

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann sammelt Unterschriften für die Lockerung des Gravitationsgesetzes.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass das Gravitationsgesetz revidiert werden sollte. Schon viel zu lange lassen wir uns von diesem staubigen Dekret unterjochen. Es spricht nicht für die Mündigkeit des Menschen, dass er sich noch nie gegen ein Gesetz von solch kompromissloser Restriktion aufgebäumt hat. Besonders in Anbetracht dessen, dass die gravitative Gesetzgebung auf globaler Ebene angewendet und überall mit derselben Härte durchgesetzt wird.

Nennen Sie mich abgehoben, aber ich bin der festen Überzeugung, dass diese erdanzieherische Zwängerei nicht mehr dem Zeitgeist des 21. Jahrhunderts entspricht. Besonders nicht in einer Stadt des Fortschritts wie Bern. Deshalb finden Sie mich ab sofort zweimal wöchentlich auf dem Bahnhofplatz, um Unterschriften für die Initiative zur Lockerung des Gravitationsgesetzes zu sammeln.

***

Nun gut, ich will ehrlich mit Ihnen sein. Die gedankliche Grundlage meiner Initiative liegt nicht im hippiesken Begehren, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wie so manches politisches Vorpreschen dient es lediglich dem Eigennutz. Um Ihnen diesen näher zu bringen, muss ich Sie über meine Wohnsituation aufklären. Wenn ich aus dem Fenster blicke, kann ich selbst im Endstadium der Abenddämmerung locker 13 Krähen erkennen. Wer neben Krähen haust, muss kein Wetterforscher sein, um zu wissen, dass nicht alles Weisse, das vom Himmel fällt, Schnee ist.

Ich hoffe, Sie können mir folgen. Denn präziser will ich aus Gründen des guten Geschmacks nicht werden. Sie sehen, vor meiner Tür warten auf mich täglich Probleme, denen ich lieber aus dem Weg gehen würde. Dies wäre deutlich einfacher zu meistern, wenn diese Probleme nicht, wegen strammer Gravitation, in einem solch hohen Tempo auf mich niederprasseln würden. Deshalb ist eine Neujustierung der Erdanziehungskraft unbedingt nötig.

***

Wie ich zu den nötigen 5000 Unterschriften für meine Initiative kommen werde? Ich zähle nicht nur auf all jene, die neben Krähen wohnen, sondern auch auf die Versicherungslobby. Ich erkläre es Ihnen: Nirgends hat es im vergangenen Jahr mehr gehagelt als in der Region Bern. Dadurch musste eine namhafte Schweizer Versicherung Schäden in der Höhe von 2,9 Millionen Franken berappen. Wer ist schuld? Die eiserne Diktatur der Schwerkraft! Würde diese per Volksentscheid gestürzt werden, senkten sich Hagelkörner künftig wie Wattebäuschchen auf Dachfenster und Autolackierungen.

Natürlich gibt es auch sonst noch viele potenzielle Unterschreibende, die froh darüber sind, wenn alles etwas langsamer zu Boden fällt: schusselige Kellner, Turmspringer mit schlechter Körpermotorik, konzentrationsschwache Hebammen und einfach alle mit zwei linken Händen.

***

Viel schwieriger dürfte es werden, das Begehren tatsächlich an die Urne zu bringen. Denn etwas abenteuerlich zusammengeschusterte Initiativen haben es in Bern bekanntlich schwer. Auch in diesem Fall dürfte im Berner Parlament über ihre Zulässigkeit die übliche Uneinigkeit herrschen. Ich sehe es schon vor mir: Die Linke prangert an, dass die Initiative gegen übergeordnetes Recht, also Naturgesetz, verstösst.

Die Ratsrechte verschreit darauf das bestehende Gravitationsgesetz reflexmässig als zu lasch und fordert eine Gesetzesstraffung, bis sämtliche Krähen vor lauter Gravitation auf dem Trottoir kleben. Vor dem Ratsgebäude demonstrieren zeitgleich aussenparlamentarische Zusammenrottungen für die Überwindung der Schwerkraft. Auf einem Transparent ist «Kill Newton» zu lesen.

Martin Erdmann ist «Bund»-Onlineredaktor und mag Krähen beinahe noch weniger als Segways. (Der Bund)

Erstellt: 05.04.2017, 06:53 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Artikel zum Thema

Helen lacht

Kolumne «Poller»-Kolumnist Peter Schibler lässt sich jedes Jahr eine Grippeimpfung spritzen. Mehr...

Klappe ständig offen

Kolumne «Poller»-Kolumnist Markus Dütschler musste sich von seinem neuen Laptop verabschieden – doofer Reissverschluss. Mehr...

Fahrt ins Verderben

Kolumne «Poller»-Kolumnist Martin Erdmann über die Rudeltiere der Strassen: Segwayfahrer. Mehr...

Dossiers

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Blog Mag Was zum Teufel sind Blockchains?
Sweet Home 10 betörende Schwimmingpools
Geldblog Konservative Strategie bietet keine Garantie

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Farbiger Protest: Hunderte Bauern nehmen an einer Kundgebung in Mexiko teil. Sie verlangen, dass die Landwirtschaftsklausel im NAFTA-Handelsabkommen nicht erneuert wird. (26.Juli 2017)
(Bild: EPA/Mario Guzman) Mehr...