Sanfte Öffnung für die Nachbarn

Auf dem muslimischen Grabfeld in Bern dürfen nun auch Muslime aus Nachbargemeinden bestattet werden. Doch was passiert anderswo? Wohl wenig bis gar nichts.

Auf dem Berner Bremgartenfriedhof befindet sich seit dem Jahr 2000 ein muslimisches Grabfeld. Der Grabschmuck lässt erkennen, wie sich die muslimische Bestattungstradition allmählich angleicht.

Auf dem Berner Bremgartenfriedhof befindet sich seit dem Jahr 2000 ein muslimisches Grabfeld. Der Grabschmuck lässt erkennen, wie sich die muslimische Bestattungstradition allmählich angleicht. Bild: Valérie Chételat

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Es befindet sich nahezu in der Mitte des Friedhofs. Auf der Luftaufnahme ist zu sehen, wie das Grabfeld buchstäblich aus der Reihe tanzt. Die Gräber sind so ausgerichtet, dass die Toten, die in ihren Särgen seitlich gebettet werden, mit dem Gesicht nach Mekka schauen. Das muslimische Grabfeld auf dem Berner Bremgartenfriedhof existiert seit dem Jahr 2000. Mittlerweile ruhen dort über 150 Verstorbene.

Mit diesem Abteil war für die Berner Muslime seinerzeit eine «wunderbare Lösung» erreicht worden, ein Maximum gar, wie Mustafa Memeti, Imam im Berner Haus der Religionen, sagte. Eine wunderbare Lösung war es allerdings nur für die Musliminnen und Muslime, die in Bern wohnen – oder die auf Stadtberner Territorium, zum Beispiel in einem Altersheim oder Spital, sterben. Für ihre Glaubensgenossen in den anderen bernischen Gemeinden – ausser in Biel, Köniz und Thun – gibt es die Möglichkeit bis heute nicht, sich auf einem separaten Grabfeld bestatten zu lassen.

«In Ausnahmefällen»

Anfang Jahr ist in Bern diese starre Regelung nun etwas gelockert worden, wie Walter Glauser, Bereichsleiter Friedhöfe bei Stadtgrün Bern, sagt. Und zwar für Nachbargemeinden, die sich «in einer schwierigen Situation mit einem muslimischen Begräbnis befinden». Laut Glauser ist es nun möglich, dass verstorbene Muslime aus diesen Gemeinden «in Ausnahmefällen» auf dem besonderen Grabfeld des Bremgartenfriedhofs bestattet werden können – zum auswärtigen Tarif. Doch was sind solche Ausnahmefälle?

In der Vergangenheit habe es immer wieder Anfragen gegeben, sagt Glauser, oft von Eltern, die ein Kind verloren haben. Nun bestehe in solchen Fällen die Möglichkeit, die Not, in der sich die Angehörigen befinden, etwas zu mildern. Das neue Angebot entbinde die anderen Gemeinden aber nicht von der Aufgabe, auf ihren Friedhöfen ebenfalls besondere Abteilungen für Muslime zu errichten, sagt Glauser. Denkbar sei gemäss der städtischen Friedhofsverordnung aber auch, mit einer Nachbargemeinde ein vertragliches Mitbenutzerrecht zu vereinbaren.

Die Bestatter sind informiert

Dies wäre ganz im Sinn des Kantons. Die Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion (JGK) hat vor einem Jahr Empfehlungen für islamkonforme Bestattungen veröffentlicht. Darin wird den Gemeinden vorgeschlagen, auf ihren Friedhöfen «ein besonderes Abteil für muslimische Gräber» vorzusehen. Wenn das nicht möglich sei, heisst es in dem Papier, «empfiehlt der Kanton, regionale Lösungen zusammen mit anderen Gemeinden zu prüfen».

Die Frage der muslimischen Bestattungen ist nur ein ganz kleiner Mosaikstein in diesem grösseren GanzenMartin Koelbing

Die Benutzungsregeln des Grabfeldes auf dem Bremgartenfriedhof sind laut Walter Glauser «gemäss der Empfehlung des Kantons» gelockert worden. Darüber sind nicht die Gemeinden direkt, sondern die Bestattungsunternehmen informiert worden. Diese können nun das Bestattungsamt der jeweiligen Gemeinde über die neue Möglichkeit ins Bild setzen, sofern die Angehörigen ein entsprechendes Bedürfnis äussern. Seit Januar seien noch keine Anfragen eingegangen, sagt Glauser.

Das muslimische Abteil auf dem Bremgartenfriedhof ist konzipiert für insgesamt 300 Gräber; es ist ungefähr zur Hälfte belegt. Es hat also noch viel Platz. Damit besteht kein Druck, erste Gräber in absehbarer Zeit wieder aufheben zu müssen. Für Muslime ist die «ewige Grabruhe» von Bedeutung. Vor der Eröffnung des Grabfeldes mussten sie akzeptieren, dass auch ihre Gräber nach 20 Jahren bei Bedarf wieder aufgehoben werden dürfen.

Und in anderen Gemeinden?

Da in der Schweiz seit langem ein Trend weg von der Erdbestattung festzustellen ist, werden auf den Friedhöfen Flächen frei. Es sollte also kein Problem sein, Raum zu schaffen für muslimische Grabfelder. Trotzdem scheint diesbezüglich wenig bis nichts zu passieren, obschon der Kanton die Gemeinden vor einem Jahr aufforderte – oder eher ermunterte –, solche Felder einzurichten.

«Wir haben bis heute keine Hinweise darauf, ob und was unsere Empfehlungen ausgelöst haben», sagt Martin Koelbing, Beauftragter für kirchliche Angelegenheiten in der JGK. Zurzeit sei man daran, alle religionspolitischen Fragen umfassend zu prüfen und eine Art «religiöse Landkarte» zu erstellen. Danach werde zunächst verwaltungsintern diskutiert, ob und wo ein allfälliger Handlungsbedarf des Kantons bestehe. «Die Frage der muslimischen Bestattungen ist nur ein ganz kleiner Mosaikstein in diesem grösseren Ganzen», sagt Koelbing. (Der Bund)

Erstellt: 13.02.2017, 06:56 Uhr

Ein Problem, das womöglich gar keines (mehr) ist

Warum lassen sich so wenige Muslime hier bestatten, obschon sie das könnten? Liegt es an der Sargpflicht? Das muslimische Friedhofabteil auf dem Berner Bremgartenfriedhof ist nach über 15 Jahren erst etwa zur Hälfte belegt. Ganz verwunderlich ist das nicht. Nach wie vor wünscht ein grosser Teil der hier lebenden Muslime – Schätzungen gehen von bis zu 90 Prozent aus –, nach dem Tod in die Heimat zurückgebracht zu werden. Für solche Rückführungen, die mehrere Tausend Franken kosten, gibt es spezialisierte Unternehmen. Doch warum wünschen das so viele Muslime, wo es doch immerhin in einigen Gemeinden die Möglichkeit gibt, sich hier bestatten zu lassen?

Wird ein muslimisches Grabfeld eröffnet, ist stets die Rede von den Kompromissen, welche die Muslime eingehen müssen. Dabei geht es nebst der ewigen Grabruhe, die ihnen nicht gewährt werden kann, unter anderem um die sogenannte Sargpflicht, die hierzulande besteht. Nach islamischer Tradition werden Leichname bei der Bestattung bloss in Tücher gehüllt. Ist die Sargpflicht somit der entscheidende Grund dafür, dass es viele Muslime vorziehen, auf eine Bestattung in der Schweiz zu verzichten? Nein, sagt der Berner Imam Mustafa Memeti. Theologisch gesehen gebe es aus muslimischer Sicht überhaupt keinen Grund, «der unbedingt gegen einen Sarg spricht».

Die Bestattung in Tüchern sei ein Brauch, der bloss auf Tradition beruhe. Theologisch begründet sei jedoch die Erdbestattung, «eine Kremation kommt nicht infrage». Viel entscheidender für die grosse Anzahl an Rückführungen sei der Bezug der hier lebenden Muslime zu ihrem Herkunftsland, sagt Memeti. «Sie stehen mit ihrer Heimat seelisch nach wie vor stark in Verbindung.» Bei der nächsten Generation werde das nicht mehr so ausgeprägt sein. Dann werde die Bestattung in der neuen Heimat «Priorität» haben – und die Sargfrage werde dabei keine Rolle spielen. Er selber sehe sogar die Vorteile einer Sargbestattung.

«Segregation über Tod hinaus»

Saida Keller-Messahli, die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, sieht es ähnlich: Für Tuchbegräbnisse gebe es keine theologische Begründung. «Dabei geht es bloss um Tradition.» Bestimmt würde die Abschaffung der Sargpflicht von einigen Muslimen begrüsst. Sie nehme aber nicht an, dass sich deswegen deutlich mehr von ihnen hier bestatten lassen würden. Auch Keller-Messahli sieht den Hauptgrund für die nach wie vor grosse Zahl an Rückführungen in der «Vorgeschichte» der hier lebenden Muslime – bei ihrer Beziehung zu ihren Eltern und Grosseltern.

Für jene Muslime aber, die sich mit der Schweiz bereits stärker verbunden fühlten und sich hier bestatten lassen wollen, spiele die Sargfrage keine Rolle. Keller-Messahli lehnt sogar spezielle Grabfelder ab. Sie habe sich zusammen mit anderen Muslimen und Juden schon vor dreissig Jahren gegen «eine Segregation über den Tod hinaus» ausgesprochen.

Tuchbegräbnis auch für Christen

Interessant ist, dass die Bestattung in einem Grabtuch auch im Christentum lange Zeit Brauch war. Bis ins 19. Jahrhundert sei es üblich gewesen, die mit Tüchern bedeckten Toten auf einem Totenbrett zu beerdigen, sagt Walter Glauser, Bereichsleiter Friedhöfe bei Stadtgrün Bern. Särge seien aufgekommen, weil die Angst bestand, durch Leichen könnten Krankheiten und Seuchen verbreitet werden. Heutzutage gehe es lediglich noch um Hygiene und um einfachere Arbeitsabläufe – um den Schutz der Friedhofs-Mitarbeitenden also: «Sie müssen die verstorbenen Personen nicht mehr anfassen», sagt Glauser. Und letztlich sei es dank eines Sarges auch besser möglich, würde- und pietätvoll mit Verstorbenen umzugehen. (db)

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