«Jedem Kind sollte es möglich sein»

Sekundarschulen haben seit jeher einen Sonderstatus. Und seit es sie gibt, sorgen sie im Grossen Rat für hitzige Debatten. Liselotte Lüscher hat dazu ein Buch geschrieben.

Die Gründungsklasse der Sekundarschule Köniz (gemäss einer Notiz auf der Rückseite der Fotografie stammt das Bild aus dem Jahr 1924). Auf dem Bild befinden sich Kinder mit den Jahrgängen 1912 und 1913.

Die Gründungsklasse der Sekundarschule Köniz (gemäss einer Notiz auf der Rückseite der Fotografie stammt das Bild aus dem Jahr 1924). Auf dem Bild befinden sich Kinder mit den Jahrgängen 1912 und 1913. Bild: Schulmuseum Bern

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Die Testfragen gleich zu Beginn: A) Wo im Kanton Bern wurden die ersten Sekundarschulen gegründet? B) Wann? C) Und warum gerade dort?

Die Antworten finden sich im Buch «Von der Sekundarschule zur Gesamtschule?»: 1833 entstanden im Oberaargau – in Langenthal und Kleindietwil – die ersten öffentlichen Sekundarschulen. Die neuen Schulen waren zunächst nicht gleichmässig über den Kanton verteilt.

«Ist es schlecht, wenn sich vielleicht nicht alle so stark entwickeln?» Frage eines Grossrats in den 1980er-Jahren

Neben dem Oberaargau fanden sich die meisten im vorderen Emmental und im Seeland. In diesen Regionen waren der Handel und handwerklich-industrielle Tätigkeiten von Bedeutung. Gut ausgebildete Jugendliche waren gefragt.

Lieber zu spät als zu früh

Liselotte Lüscher, promovierte Erziehungswissenschaftlerin, ehemalige Lehrerin, langjährige Berner SP-Stadträtin und mittlerweile über 80-jährig, konzentriert sich in ihrem Buch zwar auf die Entstehung und Entwicklung der Sekundarschulen. Letztlich skizziert sie aber nichts weniger als die Geschichte der bernischen Bildungspolitik. Und das ist, auch wenn es zunächst arg nach trockener Materie riecht, durchaus spannend.

Berührend ist es, zu erfahren, wie die Grossräte sich vor fast 200 Jahren im Rathaus zu Bern bereits mit ganz ähnlichen Fragen auseinandersetzten wie ihre Nachfolgerinnen und Nachfolger heute. Die leidenschaftlich geführten Debatten drehten sich schon damals um Anzahl Schuljahre oder Ein-, Aus- und Übertrittszeitpunkte. Das geht aus den vielen Zitaten hervor, mit denen Lüscher arbeitet.

Die Autorin ging bei ihrer Arbeit von den Bildungsdebatten im Grossen Rat aus und arbeitete sich durch zahllose Protokolle. Ein Grossrat meinte 1839, zu frühe Förderung sei «Treibhauswesen», und es sei besser, «zu spät als zu früh» damit anzufangen.

«Hausväter» gründeten Schulen

Und immer wieder war die Chancengleichheit ein Thema. Bis dieses Postulat aber schliesslich mehr oder weniger erfüllt war, dauerte es sehr lange. Sekundarschulen galten zunächst als Angebot für die Kinder vermögender «Hausväter», die solche Schulen auch gründeten.

Wer eine Sekundarschule besuchen wollte, musste dafür bezahlen. Das konnten sich nicht alle leisten. Und die, die es sich leisten konnten, schickten zuerst die Buben. Mädchen waren in den Sekundarschulen lange in der Minderheit – obschon sie grundsätzlich Zugang hatten. Flächendeckend abgeschafft wurde das Sekundarschulgeld erst 1957.

Die Schule hatte im 19. Jahrhundert überhaupt einen schweren Stand. Die Lehrer waren unterbezahlt und selber schlecht ausgebildet; um überleben zu können, waren sie auf Nebenbeschäftigungen angewiesen. Auch viele Eltern standen der Schule misstrauisch gegenüber – insbesondere Bauersleute, die ihre Kinder im Sommer auf dem Feld brauchten.

Frühe «moderne» Argumente

Weil Liselotte Lüscher in ihrem Buch diesen weiten, fast 200 Jahre überspannenden Bogen schlägt, wird klar, dass das Bildungssystem, wie wir es heute kennen, nicht einfach vom Himmel gefallen ist. Es ist organisch gewachsen. Und dass die bis dahin fünf Jahre dauernde Sekundarschule 1990 schliesslich um zwei Jahre verkürzt und damit geschwächt wurde, basiert auf politischen Entscheiden, die durchaus auch anders hätten ausfallen können.

Vor allem: Jeder Fortschritt musste errungen, jeder Missstand zuerst als solcher erkannt werden. Und manchmal waren einzelne Akteure ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus. Schon 1839, als das erste Sekundarschulgesetz verabschiedet wurde, waren «moderne» Argumente zu hören: Wenn auch nicht jedes Kind eine Sekundarschule besuchen könne, sagte ein Grossrat, sollte doch «jedem die Möglichkeit gegeben werden», eine solche zu besuchen. Es sei daher «unerlässlich», weitere zu errichten.

Oder: Vor ziemlich genau 100 Jahren sagte ein Grossrat aus der Stadt Bern, nicht nur Verdingkinder könnten wegen des Schulgelds die Sekundarschule nicht besuchen, «auch wenn sie oft zu den gescheitesten gehören», sondern ebenso die Kinder des «geringeren Mittelstands und der noch ärmeren Volksschichten».

Umgekehrt gab es Meinungen, die erst in den 1980er-Jahren geäussert wurden und doch so klangen, als stammten sie aus dem 19. Jahrhundert: «Ist es eigentlich schlecht», fragte ein Grossrat, wenn es Kinder gebe, die in der Primarschule blieben «und sich vielleicht nicht so stark entwickeln? Wir brauchen Knechte, Hausmädchen, Officemädchen usw.»

In ihrem Buch beschreibt Liselotte Lüscher die bernische Bildungspolitik bis in die Gegenwart hinein. Nach der Lektüre erscheinen die aktuellen Debatten, beispielsweise jene zum Lehrplan 21, aber in einem anderen Licht. Man fragt sich unwillkürlich, was spätere Generationen darüber denken werden.

Liselotte Lüscher: Von der Sekundarschule zur Gesamtschule? Verlag hep, Bern 2016. 168 S., 39 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 19.04.2017, 06:53 Uhr

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