In Zukunft soll auch Sonderschule Schule sein

Eltern von behinderten Kindern sollen Schulplatz nicht mehr selbst suchen müssen.

Andrea Kalsey zusammen mit ihrer Tochter Samyeli, zu Hause in Oberbottigen

Andrea Kalsey zusammen mit ihrer Tochter Samyeli, zu Hause in Oberbottigen Bild: Adrian Moser

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Artikel 18 Absatz 3 des bernischen Volksschulgesetzes klingt wie aus einer anderen Zeit: «Die Schulkommission wacht darüber, dass die Eltern des Kindes innert nützlicher Frist das Nötige anordnen. Sind diese säumig, benachrichtigt sie die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde.» Betroffen von dem Artikel sind Eltern von Kindern, die nicht die gewöhnliche Schule besuchen können, weil sie eine Behinderung haben. Nur: Anordnen können sie gar nichts. Vielmehr sind sie auf Glück und Goodwill angewiesen.

«Eine wahnsinnige Bürokratie»

Das hat im vergangenen Jahr auch Andrea Kalsey erfahren. Ihre 4-jährige Tochter Samyeli hat Trisomie 21. Deshalb ist schon lange klar, dass sie nicht die Regelschule wird besuchen können, sondern einen Platz in einer Sonderschule brauchen wird. Während für nicht behinderte Kinder automatisch ein Schulplatz bereitgestellt wird, musste Kalsey den Platz für ihre Tochter selber suchen. Schulleiter sagten ihr, auf ihrer Warteliste stünden schon 15 andere Kinder, sie solle sich später wieder melden.

Viele Briefe, Mails und Telefonate später fand sie schliesslich einen Platz in der Christophorus-Schule in Ostermundigen. Wie auch bei den Kindern in Regelklassen werden sich der Kanton und die Gemeinde die Kosten für den Schulplatz von Samyeli teilen. Zuständig ist aber nicht die Erziehungsdirektion, sondern die Gesundheits- und Fürsorgedirektion.

«Es ist eine unbeschreibliche Bürokratie, die ich nicht durchschaue», sagt Kalsey. «Ich bekomme ständig Briefe von verschiedenen Ämtern, weiss aber nicht, wer wofür zuständig ist.» Auch empfindet sie es als stigmatisierend, dass das Alters- und Behindertenamt für die Bildung ihrer Tochter zuständig ist und nicht das Volksschulamt.

Sonderfälle werden «ausgeschult»

Die Chancen stehen gut, dass Eltern wie Andrea Kalsey es in Zukunft etwas einfacher haben werden. Der bernische Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) ist am Dienstag vor die Medien getreten, um den Bericht Sonderpädagogik vorzustellen, in dem er darlegt, wie er die Sonderschulbildung im Kanton Bern neu organisieren will. Seine Botschaft: Bewährtes bleibt, Schwieriges wird einfacher, Schlechtes wird besser.

Ich bekomme ständig Briefe, 
weiss aber nicht, 
wer zuständig ist. 
Andrea Kalsey, Mutter eines Kindes mit einer Behinderung

Von rund 104 700 Kindern im Kanton Bern besuchen 97,6 Prozent die Regelschule. Rund 2,4 Prozent oder knapp 2500 Kinder gelten als Sonderschüler und sind «ausgeschult», wie es im Verwaltungsjargon heisst. Als Kern der Reform soll die Zuständigkeit für die Sonderschulbildung von der Gesundheits- und Fürsorgedirektion in die Erziehungsdirektion verschoben werden. Das «Ausschulen» soll damit zumindest etwas entschärft werden.

«Sonderschulbildung ist Bildung und soll damit in Zukunft als Teil der Volksschule verstanden werden», sagte Pulver. Dadurch werde sie «psychologisch nicht mehr als etwas Separates, von der öffentlichen Schule Getrenntes wahrgenommen» und die Zusammenarbeit zwischen Regel- und Sonderschule werde gefördert.

Die Heime und Institutionen, welche Schulplätze für Kinder mit einer Behinderung anbieten, sollen dieselben bleiben wie bisher. Sie werden aber künftig einen Leistungsvertrag mit der Erziehungsdirektion haben. Und auch sonst möchte Regierungsrat Pulver einiges ändern: So sollen etwa nicht mehr die Eltern einen Platz für ihr Kind suchen müssen, sondern der Kanton soll dafür verantwortlich sein. Im äussersten Fall soll er Schulen zwingen können, ein Kind aufzunehmen.

Ein Auftrag aus dem Jahr 2007

Pulver erfüllt mit dem Bericht zur Sonderpädagogik auch zwei schon etwas angejahrte politische Forderungen: Der Bund verlangt von den Kantonen bereits seit 2008 ein Sonderschulkonzept. Und der Grosse Rat hat im Jahr 2007 eine Motion überwiesen, in der gefordert wird, die Erziehungsdirektion solle künftig für die Sonderschulen zuständig sein.

Auf die Frage, weshalb es so lange gedauert habe, sagte Pulver, das Pensionskassendossier und das Regierungsratspräsidium hätten ihn damals so stark beansprucht, dass seine Kapazitätsgrenzen «schlicht erreicht» gewesen seien. Die Arbeiten am Bericht starteten dann 2013.

Nun geht das Papier in die Konsultation. Der Regierungsrat und das Parlament werden sich voraussichtlich 2018 damit befassen. Danach muss das Volksschulgesetz geändert werden, was noch einmal einige Jahre in Anspruch nehmen dürfte. (Der Bund)

Erstellt: 16.05.2017, 21:58 Uhr

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