Dubiose Geschäfte mit Zweitklass-Immobilien

Der frühere Geschäftsführer der Carbagas-Pensionskasse und ein Oberländer Bauunternehmer sollen 12,5 Millionen Franken in die eigene Tasche gesteckt haben. Nun stehen sie in Bern vor Gericht.

Auch für dieses Mehrfamilienhaus in Niederwangen wurde laut Staatsanwaltschaft deutlich zu viel bezahlt

Auch für dieses Mehrfamilienhaus in Niederwangen wurde laut Staatsanwaltschaft deutlich zu viel bezahlt Bild: Google Street View

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Es war ein sonniger, aber kalter Dezembertag, an dem die Beamten in der Berner Agglomeration und im Tessin zuschlugen. Sie durchsuchten das Wohnhaus sowie die beiden Ferienwohnungen des Ex-Geschäftsführers der Pensionskasse von Carbagas. Beschlagnahmt wurden Bilder, Uhren, Antiquitäten sowie ein Porsche. Bereits einige Monate zuvor liess die bernische Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte die Konten des Ex-Geschäftsführers und seiner Frau bei sieben Schweizer Banken sperren und zwei Motorboote konfiszieren. Zudem wurden ihre Immobilien und Grundstücke im Grundbuch blockiert, um einen Verkauf zu verhindern.

Auch beim mutmasslichen Komplizen des Ex-Geschäftsführers, einem Bauunternehmer aus dem Berner Oberland, wurden Vermögenswerte gesperrt: vier Bankkonten und nicht weniger als 20 Grundstücke. Das war 2012.

Seither bereitete die Staatsanwaltschaft die Anklage vor. Diese Woche stehen die beiden nun vor dem Wirtschaftsstrafgericht des Kantons Bern. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, gewerbsmässigen Betrug begangen zu haben. Die Deliktsumme: 12,5 Millionen Franken – der Grossteil davon zulasten der Pensionskasse von Carbagas, einem traditionsreichen Unternehmen aus Gümligen, das Industriekunden mit verschiedenen Gasen beliefert.

Eine Vertrauensperson

Der frühere Carbagas-Mann arbeitete 30 Jahre lang im Unternehmen, er war für Vorgesetzte und Verwaltungsräte eine Vertrauensperson – was er gemäss der Staatsanwaltschaft arglistig ausgenützt hat. So kaufte die Carbagas-Pensionskasse einem Bau- und Immobilienunternehmer aus dem Berner Oberland in den Jahren 2007 und 2008 insgesamt 15 gemäss Staatsanwaltschaft überteuerte Mehrfamilienhäuser ab.

Es handelt sich grösstenteils um zweitklassige Standorte in den Kantonen Bern und Solothurn und um Bausubstanz aus den 1960er-Jahren. Der Unternehmer offerierte die Immobilien jeweils samt Renovation – und setzte den Verkaufspreis weit über dem Marktwert an, wie von der Justiz in Auftrag gegebene Gutachten zeigen. Insgesamt bezahlte die Pensionskasse für Häuser und Umbauarbeiten 42 Millionen Franken. Gemäss Gutachter betrug der Wert aber lediglich 31 Millionen Franken.

Was bei Carbagas niemand wusste: Der Pensionskassenchef und der Bauunternehmer kannten sich privat. Und vom Bauunternehmer floss Geld zum Pensionskassenchef. Insgesamt übergab der Oberländer dem Carbagas-Mann 3,1 Millionen Franken in bar. Für die Staatsanwaltschaft ist klar: Das war eine Erfolgsbeteiligung unter Komplizen.

Der angeklagte frühere Pensionskassenchef bestreitet dies. Der gross gewachsene und elegant gekleidete Betriebsökonom mit gepflegten Umgangsformen musste gestern im Berner Amthaus aussagen. In ruhigen, sorgfältig gewählten Worten erklärte er dem Gericht, er habe mit seinen Vorsorgegeldern selbst in ein Mehrfamilienhaus investieren wollen. Er habe das Geld aber nicht beziehen können und deshalb den Bauunternehmer um ein Darlehen gebeten. Schlussendlich habe er aber kein Objekt gefunden.

Verräterischer Vermerk

Die beiden Angeklagten könnten jedoch Mühe haben, das Gericht von dieser Sichtweise zu überzeugen. Der Bauunternehmer liess die Barzahlung der 3,1 Millionen Franken zwar als «Darlehen» verbuchen. Doch die Staatsanwaltschaft hat in der Originalversion seiner Buchhaltung den Vermerk «Vermittl.Prov.» gefunden – was laut Anklageschrift darauf hindeutet, dass der Carbagas-Mann den Betrag als illegale Provision für die überteuerten Immobilien erhalten hat.

Zudem gab es eine weitere private Transaktion zwischen den beiden Männern: Der Oberländer verkaufte dem Pensionskassenchef eine Ferienwohnung im Tessin gut 300 000 Franken unter dem Marktwert. Für die Staatsanwaltschaft auch dies eine Form von Rückvergütung.

Wie konnte der mutmassliche Betrug der Pensionskasse so lange unbemerkt bleiben? Offenbar wurde dem Geschäftsführer fast blind vertraut. Die beiden Angeklagten kaschierten die überhöhten Kaufpreise mit entsprechend überhöhten Schätzungen der künftigen Mieterträge. Die Stiftungsräte der Pensionskasse erachteten die vielen Verträge mit dem kleinen Oberländer Bauunternehmen aber als Klumpenrisiko und beauftragten den Geschäftsführer, eine Fachperson beizuziehen, um die Renovationen der gekauften Häuser zu kontrollieren. Der Geschäftsführer instruierte den engagierten Architekten aber so, dass seine Berichte nicht aussagekräftig waren.

Der angeklagte Ex-Geschäftsführer verteidigte sich gestern vor Gericht mit dem Argument, dass der Bauunternehmer der Pensionskasse Leistungen im Wert von 10 Millionen Franken erbracht habe, was die hohen Kaufpreise für die Immobilien erklären sollte. Weiter erläuterte der Mann dies jedoch nicht. Die Staatsanwaltschaft hielt hingegen fest, dass der Bauunternehmer die Renovationsarbeiten «teilweise zu sehr tiefen Preisen an wenig qualifizierte Subunternehmer weitergegeben» hatte.

Gemäss Anklageschrift sind die beiden Angeklagten in zwei anderen Fällen noch dreister als bei der Pensionskasse vorgegangen. Geschädigt wurden die früheren Besitzer von Carbagas. Sie hatten das Unternehmen 1998 an die französische Air Liquide verkauft, aber diverse Immobilien behalten. Der Ex-Pensionskassenchef war 2009 und 2010 für den Umbau solcher Liegenschaften im Liebefeld und in Zürich zuständig. Er engagierte, ohne weiter Offerten einzuholen, den Oberländer als Generalunternehmer. Dieser stellte deutlich überhöhte Rechnungen: In Zürich kostete der Umbau 583 000 Franken statt den vom Gutachter geschätzten 167 000 Franken. Im Liebefeld 2,1 Millionen statt knapp 1 Million Franken.

Landmanns Gefälligkeitsfragen

Der Angeklagte Bauunternehmer wird erst am Dienstag befragt. Sein Verteidiger, der bekannte Zürcher Rechtsanwalt Valentin Landmann, stellte dem Ex-Geschäftsführer bei dessen Befragung diverse Gefälligkeitsfragen, was auf eine gemeinsame Verteidigungsstrategie der beiden Angeklagten und ihrer Anwälte hindeutet. Der Bauunternehmer ist zusätzlich wegen Urkundenfälschung angeklagt: Er soll in Thun bei einem der 15 umgebauten Mehrfamilienhäuser Abrechnungen gefälscht haben, um vor der Schlichtungsbehörde Mietzinserhöhungen durchsetzen zu können.

Die Pensionskasse von Carbagas ist trotz des mutmasslichen Betrugs nicht in Schieflage geraten. Sie und die Immobilienbesitzer fordern den entstandenen Schaden auf zivilgerichtlichem Weg ein. Sämtliche Klagen ruhen jedoch bis zum Abschluss des Strafverfahrens. Dank der blockierten Vermögenswerte können die Kläger darauf hoffen, im Erfolgsfall tatsächlich auch entschädigt zu werden. Den beiden Angeklagten droht bei einer Verurteilung wegen gewerbsmässigem Betrug eine Freiheitsstrafe von bis zu 10 Jahren. Das Urteil wird am Mittwoch nächster Woche gesprochen.

(Der Bund)

Erstellt: 20.03.2017, 10:59 Uhr

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