«Es ging darum, die ‹böse› Linke zu stoppen»

Der Regierungsrat hat ein 1970 erlassenes Ausstellungsverbot für Lenin-Dokumente aufgehoben. Das Verbot sei einst «im Geist des Kalten Krieges» erlassen worden, sagt die Staatsarchivarin.

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Frau Studer Immenhauser, der Regierungsrat hat ein Ausstellungsverbot für Lenin-Dokumente aus dem Jahre 1970 aufgehoben. Um welche Dokumente geht es?
Es geht um zwei Dokumente für die geplante Ausstellung in der Nationalbibliothek von nächstem Sommer. Konkret handelt es sich um ein Schreiben der Polizeidirektion vom 19. Oktober, das die Aufenthaltsbewilligung des Ehepaars Uljanow betrifft. Und um das von Lenin unterzeichnete Gesuch zur Erneuerung der Toleranzbewilligung vom 17. Januar 1916. Die «Toleranzbewilligung» war der damalige Begriff für die Aufenthaltsbewilligung.

Die Aufhebung des Verbots betrifft nur die beiden Dokumente?
Nein. Es betrifft ein Dossier mit 15 bis 20 Blättern, die nun ausgestellt werden dürfen. Diese Sperre war wirklich eine Kuriosität. Solche Ausstellungsverbote gibt es für unsere Archivalien sonst nicht. Ich war mir des Verbotes gar nicht bewusst, bis die Anfrage der Nationalbibliothek wegen der Ausstellung kam.

Sie haben erst dann das Verbot bemerkt?
Es wollte in den letzten Jahren ja auch niemand eine Ausstellung zu Lenin in Bern organisieren. Der Regierungsratsbeschluss (RRB) von 1970 lag zuoberst im Dossier und wurde auf Antrag der Staatskanzlei erlassen.

Dank dem 100-Jahr-Jubiläum der Russischen Revolution hat man dieses Verbot also überhaupt entdeckt?
Es war umstritten, ob man den Beschluss wirklich aufheben muss. Im Archivgesetz ist das Öffentlichkeitsprinzip verankert. Alles, was aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht gesperrt ist, ist öffentlich. Da Lenin seit längerem gestorben ist, hätten die Akten öffentlich sein müssen. Juristisch hätte der RRB wohl kaum Bestand gehabt.

Enthält der RRB eine Begründung für das Verbot?
Leider nein. Ich gehe davon aus, dass jemand im Jahr 1970 eine Ausstellung organisieren wollte und dass der Regierungsrat daraufhin das Verbot erlassen hat.

Schade, dass das Verbot nicht begründet wurde.
Das ist extrem schade. Aber es ist klar, dass das Verbot im Geist des Kalten Krieges erlassen wurde. Es ging darum, die «böse» Linke zu stoppen. Der Kalte Krieg ist seit 1989 vorbei.

In der Mitteilung des Regierungsrates heisst es, das Verbot sei nicht mehr zeitgemäss. Ist es das nicht schon seit Jahrzehnten?
Absolut. Man hätte das Verbot bereits im Dezember 1989 aufheben können. Interessant ist, dass die Zürcher Stadtregierung im gleichen Jahr 1970 darüber diskutiert hat, das Wohnhaus Lenins in Zürich unter Schutz zu stellen. In Zürich hätte es demnach wohl kaum ein Ausstellungsverbot gegeben.

Der Kanton Bern war also sehr konservativ.
Der Kanton Bern ist ein bürgerlicher Kanton. Das Verbot passt zum Zeitgeist in Bern. Die Stadt Zürich war bereits damals links regiert und hatte ein anderes Bewusstsein von der historischen Bedeutung Lenins.

Wie ist das Verhältnis des Kantons Bern zu Lenin heute?
Heute ist das Verhältnis völlig unverkrampft. Es geht um eine Persönlichkeit, die definitiv Geschichte ist. Ob das alle so sehen im Kanton Bern, weiss ich nicht. Aber in der Regierung war die Aufhebung des Verbotes auf jeden Fall unbestritten. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.03.2017, 16:30 Uhr

Barbara Studer Immenhauser ist Staatsarchivarin des Kantons Bern. Das Staatsarchiv sammelt, erschliesst und verwahrt das archivalische Kulturgut des Kantons und sorgt für dessen Erhaltung. Es ist Aufbewahrungsort aller erhaltungswürdigen staatlichen Archivbestände und stellt diese der Öffentlichkeit in einem Lesesaal zur Verfügung. (Bild: zvg)

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Berner Regierung hebt Ausstellungsverbot auf

Der Berner Regierungsrat hat am Donnerstag ein Ausstellungsverbot von Lenin-Akten aus dem Jahr 1970 aufgehoben. Damit kann die Schweizerische Nationalbibliothek an ihrer Ausstellung von diesem Sommer zwei dieser Dokumente zeigen. Es handelt sich um das Schreiben der Polizeidirektion der Stadt Bern vom 19. Oktober 1914, welches die Aufenthaltsbewilligung der Eheleute Uljanow betrifft, sowie um das von Lenin unterzeichnete Gesuch zur Erneuerung der Toleranzbewilligung vom 17. Januar 1916.

Die Dokumente befinden sich im Staatsarchiv des Kantons Bern. Das Ausstellungsverbot sei «nicht mehr zeitgemäss», teilte der Regierungsrat mit. Warum es seinerzeit erlassen wurde, geht aus dem Communiqué nicht hervor.

Die Ausstellung in der Nationalbibliothek ist vom 26. Juni bis 26. August 2017 zu sehen. Sie befasst sich mit Lenins Tätigkeit in Bern. Zwischen 1914 und 1916 verkehrte der nachmalige russische Revolutionär in der Landesbibliothek in Bern. Rund 60 erhaltene Leihscheine zeigen, was Lenin am Vorabend des Aufstands las. (sda)

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