Er sieht sich als «Kosmopolit aus dem Frutigland»

Jürg Grossen ist weder Städter noch Akademiker oder Leader im Bundeshaus. Trotzdem wird der Berner Nationalrat Präsident der Grünliberalen Schweiz.

Jürg Grossens grünliberale Gesinnung zeigt sich an der Fassade seines Heims in Frutigen, wo Sonnenkollektoren installiert sind.

Jürg Grossens grünliberale Gesinnung zeigt sich an der Fassade seines Heims in Frutigen, wo Sonnenkollektoren installiert sind. Bild: Franziska Rothenbühler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Manche im Dorf nennen ihn liebevoll «ds Jürgi», für andere ist er nur der «Grüne». Der Zusatz liberal wird weggelassen. Daheim in Frutigen ist der grünliberale Nationalrat Jürg Grossen ein Exot – er wohnt auch in der Nähe des Tropenhauses, wo man tropische Pflanzen und Fische besichtigen kann.

Frutigen, das regionale Zentrum mit 7000 Einwohnern an der Lötschberg-Achse, gehört zu den SVP-Stammlanden. Die SVP hat im Gemeinderat die absolute Mehrheit. Grossen konnte sich zwar in den letzten Jahren in der Kommune Respekt verschaffen, die GLP eroberte zwei Gemeinderatssitze, einen mit seiner Frau. «Von der Mehrheit fühle ich mich aber nach wie vor oft nicht verstanden», sagt der Sohn eines Sekundarlehrers.

«Grossen ist ein progressiver Geist, und er kann Brücken bauen.»Melanie Mettler, Berner GLP-Stadträtin

Nach den Sommerferien steigt Grossen zum wichtigsten Grünliberalen der Schweiz auf. Er wird Präsident der kleinen Mitte-Partei. Ausgerechnet der Unternehmer vom Land, der eine Berufslehre absolvierte, wird eine Partei führen, die vor allem bei Städtern und Akademikern hip ist.

Grossen sieht darin keinen Widerspruch: «Von meinem Denken her bin ich mehr ein Kosmopolit als ein Frutigländer.» Deshalb kommt er wohl auch bei seinen Parteikollegen aus urbanen Gebieten gut an. «Grossen ist ein progressiver Geist, und er kann Brücken bauen», sagt Melanie Mettler, Fraktionschefin der GLP im Berner Stadtrat.

Immer wieder ein harziger Start

Vielleicht kann die GLP mit Grossen an der Spitze neue Wähler für sich gewinnen – auf Kosten von BDP und FDP. «Der Boden für unser Gedankengut ist in ländlichen Gebieten gar nicht so schlecht», sagt Grossen. Die Leute lebten eng mit der Natur zusammen, sie seien aber auch wirtschaftsorientiert. «In den Bergen muss man mehr strampeln, um etwas zu erreichen.»

«In den Bergen muss man mehr strampeln, um etwas zu erreichen.»Jürg Grossen, GLP-Nationalrat

Das weiss Grossen aus eigener Erfahrung. Vor über zwanzig Jahren gründete er mit einem Kollegen eine Firma für Elektroplanung. Grossen musste sich anfänglich verschulden und mit einem Lohn von 3500 Franken pro Monat auskommen. «Da spürte ich den Talboden.» Aus drei Mitarbeitenden sind unterdessen 40 geworden. Das Unternehmen plant Beleuchtungs-, Informatik- oder Telefonsysteme für Coop, Migros, Spitäler, Schulen oder Hotels in der Deutschschweiz.

Auch Grossens Politkarriere kam schleppend in Gang – obwohl sie kometenhaft startete. 2011, als die Grünliberalen von der Atomkatastrophe in Fukushima profitierten, wurde er überraschend in den Nationalrat gewählt. Er hatte zuvor keine Erfahrung in der kommunalen oder kantonalen Politik gesammelt. «Das war ein Weitschuss von der Mittellinie ins Lattenkreuz», sagt Grossen, der in der Freizeit Fussball spielt.

Dennoch ist er bisher im Bundeshaus nicht als Torjäger in Erscheinung getreten. Als im Mai GLP-Präsident und Parteigründer Martin Bäumle seinen Rücktritt ankündigte, galten andere als Favoriten für die Nachfolge: Fraktionschefin Tiana Moser aus Zürich und Nationalrätin Kathrin Bertschy aus der Stadt Bern.

Die zwei Frauen verzichteten aus familiären respektive beruflichen Gründen aufs Präsidium, womit der Weg für Grossen frei war. «Er war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und hat seine Chance ergriffen», sagt der Aargauer GLP-Nationalrat Beat Flach.

Er will kein Hinterbänkler sein

«Grossen agiert überlegt, er ist kein narzisstischer Vorprescher», sagt Franziska Schöni-Affolter, Chefin der GLP-Fraktion im bernischen Kantonsparlament. Er setze auf Sachthemen und sei teamorientiert. «Seine Art weckt Vertrauen, davon wird die Partei profitieren.»

Grossen wehrt sich denn auch gegen den Vorwurf, ein Hinterbänkler zu sein. Es stört ihn etwa, dass seine Voten im Nationalrat von den Zeitungen kaum beachtet werden. «Ich bin nicht der Lauteste», räumt der 47-Jährige ein. Das, was er sage, habe aber Inhalt. Gemäss Parlamentariern von links bis rechts verrichtet Grossen solide Arbeit.

In der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen versuche er aktiv, Vorlagen zu gestalten – und zwar «mit wirtschaftsliberalem Drall», wie die grüne Nationalrätin Regula Rytz sagt. «Wenn man als einziger Vertreter seiner Partei in einer Kommission etwas erreichen will, muss man hart dafür arbeiten.» Grossen streicht zwei Erfolge hervor: Er sorgte dafür, dass in der Schweiz eine Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge aufgebaut wird.

Bei der Energiestrategie initiierte er eine Regelung, damit Produzenten von Solarstrom diesen auch selbst verbrauchen dürfen. «Manche finden, dass dies der beste Artikel im neuen Energiegesetz sei», sagt er.

Smartvote sorgt für Erleuchtung

Zur GLP kam Grossen vor einem Jahrzehnt – zuvor hatte er FDP, Grüne oder auch einmal EVP gewählt. Vor den Nationalratswahlen 2007 verwendete er die Wahlhilfe Smartvote: Die Übereinstimmung mit der GLP lag bei 90 Prozent. Wenig später schloss er sich der neuen Sektion im Kanton Bern an, zumal ihn sein Beruf damals zu wenig ausfüllte. «Ich muss mich nicht verstellen. Meine Gene sind grünliberal», sagt Grossen.

Das zeigt sich auch zu Hause in Frutigen. Wohnung und Unternehmen befinden sich im gleichen Gebäude. Dieses verbraucht wenig Energie, an der Fassade ist eine Solarstromanlage installiert, und in der Garage stehen zwei Elektroautos der Firma. (Der Bund)

Erstellt: 11.07.2017, 06:29 Uhr

Berner Elefantenrunde der Parteipräsidien

Gleich vier Schweizer Parteien werden künftig von Berner Nationalräten geführt: Albert Rösti ist Präsident der SVP, Regula Rytz steht den Grünen vor, Marianne Streiff der EVP – und demnächst kommt Jürg Grossen dazu, der das Präsidium der Grünliberalen übernimmt. Wenn Christian Wasserfallen im letzten Jahr nicht auf das FDP-Präsidium verzichtet hätte, gäbe es vielleicht sogar fünf Berner Parteipräsidenten.

Die BDP hatte bis 2012 mit Hans Grunder einen Berner an der Spitze. Die SP wurde letztmals in den 1960er-Jahren von einem Berner geführt – von Fritz Grütter. Der letzte Berner Präsident der Freisinnigen war Hermann Schüpbach in den 1930er-Jahren.

Grossens und Röstis Wege kreuzten sich schon in der Sekundarschule, die beide in Frutigen besuchten. Der zwei Jahre ältere Rösti stammt aus Kandersteg. Grossen muss Ende August noch von der Delegiertenversammlung als Parteipräsident bestätigt werden. Der Vorstand sprach sich für ihn aus. (ad)

Artikel zum Thema

Der neue GLP-Präsident sieht sich als «Teamchef»

Die zwei Top-Kandidatinnen haben abgesagt und so den Weg frei gemacht für den Berner Oberländer Jürg Grossen. Mehr...

Grünliberale gewinnen Kampfwahl gegen Grüne

Hannes Zaugg (GLP) wurde vom Grossen Rat für das zweite Vizepräsidium gewählt. Mehr...

Grünliberale erhalten neuen Präsidenten

Für das vakante Chef-Amt wurde Nationalrat Jürg Grossen nominiert. Die endgültige Entscheidung liegt bei den GLP-Delegierten. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Blog Mag Was zum Teufel sind Blockchains?

Sweet Home 10 betörende Schwimmingpools

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Farbiger Protest: Hunderte Bauern nehmen an einer Kundgebung in Mexiko teil. Sie verlangen, dass die Landwirtschaftsklausel im NAFTA-Handelsabkommen nicht erneuert wird. (26.Juli 2017)
(Bild: EPA/Mario Guzman) Mehr...