Die Vertreibung aus dem Paradies

Dem Westast der Bieler Autobahnumfahrung müssen 67 Häuser weichen. Auch Marie und Paul Balmer droht die Enteignung. Vier Generationen der Familie haben hier gelebt.

Marie und Paul Balmer wollen sich gegen die Enteignung wehren. «Einen Abriss würde ich nicht überleben», sagt Marie Balmer.

Marie und Paul Balmer wollen sich gegen die Enteignung wehren. «Einen Abriss würde ich nicht überleben», sagt Marie Balmer. Bild: Franziska Rothenbühler.

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Gesäumt von alten Bäumen fliesst die Madretsch-Schüss direkt am Grundstück der Familie Balmer vorbei. Manchmal wassert Paul Balmer vom Garten aus sein Kanu, paddelt den kanalisierten Bach hinunter, dann die Zihl hinauf und ist so in wenigen Minuten im Bielersee. Auch abgesehen vom direkten Seeanschluss tut sich hinter dem Haus ein kleines Paradies auf. Oft sitzen Paul Balmer und seine Frau Marie vor ihrem Gartenhaus, trinken zusammen Kaffee, geniessen die Sonne und erfreuen sich an den Blüten der Obstbäume. Dass sie mitten in der Stadt, an der Grenze zwischen Biel und Nidau wohnen, merkt man hier kaum.

Doch das Paradies ist bedroht. Wo Balmers heute wohnen, soll ab 2020 der Autobahnanschluss Bienne-Centre als Teil der zwei Milliarden Franken teuren Bieler Westumfahrung entstehen. Direkt neben ihrem Haus wird sich ein 18 Meter tiefer, 270 Meter langer und 45 Meter breiter Graben auftun. Der Verkehr soll auf drei Ebenen geführt und die Madretsch-Schüss via eine Art Aquädukt über den Graben geleitet werden. Der grösste Teil der Umfahrung wird zwar unterirdisch geführt, der Anschluss selber bleibt aus Sicherheitsgründen jedoch offen. Insgesamt müssen dem Westast 28 Geschäftsliegenschaften und 39 Wohnhäuser weichen – darunter ein privates Maschinenmuseum, die Technische Fachschule sowie ein Teil der erst vor fünf Jahren umgebauten Schule für Gestaltung. An der Gurnigelstrasse, wo heute die Balmers wohnen, sollen anstelle der alten Mehr- und Einfamilienhäuser neue Bürogebäude entstehen, die den Rest der Stadt vom Lärm der Autobahn abschirmen.

Gebaut vom Opa

Das Haus mit dem prägnanten Mansardenwalmdach, wie man es vor allem aus französischen Städten kennt, liess der Grossvater von Paul Balmer um 1900 bauen. Die Treppenstufen wurden aus Findlingen geschnitten, die der Rhonegletscher vor Tausenden von Jahren hier abgelagert hatte. Neben Wohnungen auf drei Stockwerken war in der Liegenschaft zunächst eine Uhrenschalenpolissage untergebracht. Grossvater Balmer war einer jener vielen Franzosen, die der Bieler Uhrenindustrie damals zur Blüte verholfen hatten.

Das Haus blieb immer in Familienbesitz. Paul Balmer wurde darin geboren und hat hier seine eigenen zwei Kinder aufwachsen sehen. «Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie umgezogen», sagt der 75-Jährige. Mit seiner Frau bewohnt er das oberste Stockwerk. In der Mitte wohnt die Schwägerin, die kürzlich ihren Mann verloren hat. Im Erdgeschoss sind drei Gesundheitspraxen untergebracht, und im integrierten Ladenlokal betreiben eine Italienerin und ein Marokkaner seit kurzem einen kleinen Laden samt Teestube, der sich langsam zum Quartiertreff entwickelt.

Balmers wissen zwar schon lange, dass die Autobahnumfahrung ihr Grundeigentum tangieren könnte. So richtig wahrhaben wollten sie es jedoch bisher nicht. Schliesslich wurden in den letzten 50 Jahren schon viele Pläne gezeichnet und wieder verworfen. Am 24. März kam dann aber jener eingeschriebene Brief, in dem sie vom Tiefbauamt des Kantons Bern darüber informiert wurden, dass ihr Haus im Zuge des Autobahnbaus abgerissen wird und sie enteignet werden, falls keine gütliche Einigung zustande komme. «Das ist das erste Mal, dass die Behörden direkt mit uns Kontakt aufgenommen haben», sagt Marie Balmer. Die Information im Rahmen der laufenden Planauflage ist von Gesetzes wegen so vorgesehen.

Enteignungen sind bei Bauwerken möglich, «die im Interesse der Eidgenossenschaft oder eines grossen Teils des Landes liegen». Darunter fallen auch Nationalstrassen. Die Betroffenen haben Anrecht auf den Verkehrswert ihrer Liegenschaft und eine sogenannte Inkonvenienzentschädigung, die einerseits Umtriebe decken, andererseits aber auch eine Art Genugtuung für den Eingriff ins Privateigentum sein soll. Im Zusammenhang mit der Bieler Autobahnumfahrung hat der Kanton bereits verschiedene Liegenschaften aufgekauft. Mancher Besitzer hat dabei ein gutes Geschäft gemacht, da für einige Häuser auf dem freien Markt kaum ein Käufer hätte gefunden werden können. «Häufig machen wir die Erfahrung, dass Eigentümer ihr Grundstück rascher und in grösserem Umfang verkaufen wollen, als es ursprünglich unsere Absicht war», heisst es beim Tiefbauamt. Doch Balmers wollen ihr Haus nicht verkaufen.

Verzögern bis zum Tod

Das pensionierte Ehepaar hofft, dass es den Baubeginn gar nicht mehr erleben muss. «Einen Umzug und den Abriss unseres Hauses würde ich nicht überleben», sagt die 73-jährige Marie Balmer – und meint es völlig ernst. Sie will gegen das Projekt ankämpfen, Einsprache erheben und das Komitee «Westast so nicht!» unterstützen. Wenn die Umfahrung schon nicht verhindert werden könne, so versuche man sie wenigstens zu verzögern. Weigert sich jemand partout, aus seinem Haus auszuziehen, kann es nach einem letztinstanzlichen Urteil im Enteignungsverfahren gar polizeilich geräumt werden. So weit will es das Tiefbauamt aber nicht kommen lassen: «Es ist uns ein grosses Anliegen, einvernehmliche Lösungen zu finden und Härtefälle zu vermeiden.»

Paul Balmer möchte sich am liebsten überhaupt nicht mit dem Thema beschäftigen und sich schon gar nicht auf jahrelange Gerichtshändel einlassen. «Was soll ich mich aufregen, die Autobahn kommt ja sowieso», sagt der rüstige Rentner. Viel lieber spricht er über die Siege der «Spirit of Biel/Bienne», die er in den Achtziger- und Neunzigerjahren mit dem Team der früheren Ingenieurschule am Solarmobilrennen in Australien feiern durfte. Dass ihn die drohende Vertreibung aus seinem Elternhaus innerlich aufwühlt, kann er aber doch nicht verbergen. Und zu denken gibt ihm unterdessen auch, dass er als Labormechaniker der Autoabteilung der Ingenieurschule Biel seinen Lebensunterhalt mit dem Auto verdient hat und jetzt plötzlich so direkt von den negativen Folgen des Individualverkehrs betroffen ist. (Der Bund)

Erstellt: 05.05.2017, 08:44 Uhr

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