Die Optimisten aus dem Schattloch

Im Stockental gibt es Häuser, die im Winter sechs Wochen lang keinen Sonnenstrahl abbekommen. Ihre Bewohner sind trotzdem zufrieden. Dafür seien die Hauspreise tief, sagen sie zum Beispiel.

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Ob ihn das störe? Gerhard Eggen lacht. «Nein, wieso auch?» Eggen, 82-jährig, wohnt seit 1947 in Niederstocken, am Fuss des Stockhorns. Ende November hat die Sonne zum letzten Mal an sein hübsches Holzhaus geschienen. Morgen, am 8. Januar, wird sie es erstmals wieder tun – für einen kurzen Moment und nur ganz oben am Giebel. Bis die Sonne länger ans Haus scheint, dauert es noch einmal einen ganzen Monat. Am 8. Februar mag sie wieder über den Berg, wie Eggen sagt.

Das Stockental am Eingang zum Berner Oberland verläuft von Nordwest nach Südost. Im Süden ragt die Stockenfluh in die Höhe, dahinter ist, wenn man den Kopf weit in den Nacken legt, das Stockhorn zu sehen. Die Durchschnittstemperatur ist hier im Winter um mehrere Grad tiefer als in Thun, und wenn der Schnee rundherum schon längst geschmolzen ist, ist es hier noch immer weiss.

Die Frage, ob ihn der Schatten störe, scheint Eggen zu amüsieren. «Wenn die Leute hierher ziehen, stört es sie zuerst, aber dann wollen sie nicht mehr weg», sagt er. Dann erzählt er von der Rivalität mit dem Nachbardorf Reutigen, das zwar auch viel Schatten hat, aber etwas weniger als Niederstocken. Wenn er dort an den Altersnachmittag gehe, werde er immer wieder «angezündet» wegen des Schattens, sagt Eggen. «Aber wissen Sie, was ich dann sage?» Er lehnt sich auf dem Stuhl nach vorne, sodass sein Gesicht ganz nah beim eigenen ist, und zieht die Augenbrauen hoch. «Es stehen viele Leute in der Sonne, die eigentlich in den Schatten gehörten.»

Der Präsident musste «beissen»

Etwas länger als bei Eggen scheint die Sonne bei Samuel Eicher. Der Gemeindepräsident der Gemeinde Stocken-Höfen wohnt in Höfen, etwas weiter von den Fluhen entfernt. Am kürzesten Tag geht die Sonne dort um 13 Uhr unter. «Von da an ist Abendstimmung», sagt Eicher. Daran musste er sich erst gewöhnen, nachdem er mit seiner Familie Ende August 2007 nach Höfen gezogen war. Als seine Frau und er sich das Haus anschauten, war es Hochsommer, die Sonne schien von früh bis spät. Im Winter dann war alles anders. «Auf einmal dachte ich: Heimatland, es ist erst Mittag, und die Sonne ist schon weg.» Am Anfang habe er schon «beissen» müssen deswegen. «Wenn man rausgeht, um zu spazieren, fällt es am meisten auf. Dann sieht man drüben am Hang die Sonne, aber hier ist alles dunkel.»

«Heimatland, es ist erst Mittag, und die Sonne ist schon weg.» Samuel Eicher

Dann bittet er ins Auto und fährt auf einen kleinen Hügel gleich neben Höfen. Erst hier wird die Lage seiner Gemeinde deutlich. Im Norden sieht man jetzt über Thun hinweg an den Sonnenhang am rechten Thunerseeufer. Im Süden liegt das Stockental, abgeschirmt durch die Fluh, und zwar genau dort, wo im Winter die Sonne aufginge.

Nur die andern haben ein Problem

In Niederstocken, nicht weit von Gerhard Eggen, wohnt auch Andreas Stauffenegger, der ebenfalls im Gemeinderat sitzt. «Und, haben Sie einen grossen Unterschied gemerkt zwischen Bern und hier?», fragt er zur Begrüssung und grinst. Viel zu entgegnen gibt es da nicht. Es ist der vergangene Donnerstag, der Himmel ist in Bern ebenso wolkenverhangen wie hier. Doch wenn die Sonne schiene, dann schiene sie hier nicht. Oder zumindest nicht jetzt, kurz vor Mittag. Stauffeneggers Haus bekommt nämlich den ganzen Winter über jeden Tag ein paar Sonnenstrahlen ab, aber nur eine Stunde lang, zwischen 9 und 10 Uhr. Bis sie wieder länger scheint, dauert es 62 Tage. Auch Stauffenegger ist belustigt darüber, dass die schattige Lage seines Daheims immer wieder ein Thema ist. «Ich kann mir das nicht erklären», sagt er. «Ein Problem damit scheinen vor allem die zu haben, die nicht hier wohnen.» Dann zählt er die Vorteile des Stockentals auf: Wegen des Schattens seien die Hauspreise tief, es habe nur selten Nebel, die Anbindung an den öffentlichen Verkehr sei gut, mit dem Auto sei man schnell in Thun und Bern, im Sommer habe man Sonne «bis zum Schluss». Wie auch die anderen beiden Herren hat Stauffenegger eine Reihe von Kontern bereit für den immer wiederkehrenden Fall, dass ihn jemand wegen des Schattens aufzieht. Dem Bürokollegen aus dem Seeland etwa hat er das Nebel-Argument um die Ohren gehauen. «Der hat dann schnell aufgehört.»

Der Nachbar hat sogar Solarpanels

Die Leute, die man in Niederstocken trifft, wirken auffallend zufrieden. Keine Spur von winterlicher Schwermut, kein Jammern über den Schatten. Stauffenegger, bis zu seiner Pensionierung vor einem Jahr Kriminalermittler bei der Berner Kantonspolizei, hat eine These, weshalb das so ist: «An einem Ort wie diesem leben nur Optimisten. Die Jammeris sind jeweils bald wieder weg.» Dann deutet er aus dem Fenster, zum Nachbarhaus, auf dessen Dach man unter dem Schnee die Umrisse von Solarpanels erahnen kann. «Der hat sich eine Solaranlage aufs Dach montieren lassen – an dieser Lage. Das kann nur ein Optimist sein.» Dann geht Stauffenegger ins Arbeitszimmer, um bald darauf mit einem Blatt Papier wiederzukommen. Es ist der Liedtext eines Jodels mit dem Titel «Mis Stocketal». Die erste Strophe geht so: Grüess Gott mis liebe Stocketal,
wie ligsch du so fründlig im Sunneschtrahl.
Mi gseht vo der Höchi dr Thunersee,
und gäge d’Bärge mit ewigem Schnee.
Wie luschtig ertönet das Gloggeglüt,
nei öppis Schöners git es nit.

Stauffenegger ist Dirigent des Männerchors Stocken. Er findet, dass der Text von «Mis Stocketal» das hiesige Lebensgefühl gut auf den Punkt bringt. Vor allem wegen der zweiten Strophe:

Sisch wahr, es het i üsem Tal
nid jedes Burli e Chue im Schtall.
Will’s halt e chli nach am Bärg zue lyt,
u gäng e späte Früehlig git,
isch mänge zwunge, wenn är wott b’schtah,
derfür es Tschüppli Geisse z’ha.

Auch wenn sich heute keiner der Bauern mehr mit Geissen begnügen muss: Die Genügsamkeit, so sieht es Stauffenegger, gehört noch immer zu diesem Tal. «Am Ende ist alles eine Frage der Einstellung», sagt er.

Das Datum wissen alle auswendig

Und so scheinen die Menschen die Zeit ohne Sonne am Fuss des Stockhorns gut zu überstehen. Sie finden die Vorteile im Nachteil und amüsieren sich über jene, die sich am Schatten, den sie nicht haben, mehr stören als die, die ihn haben. Und doch ist der Schatten für sie nicht einfach kein Thema. Das merkt man schon daran, dass sie alle auswendig wissen, an welchem Datum die Sonne wieder scheinen wird.

Und so sagt auch Gerhard Eggen, der Mann, der seit 1947 hier wohnt und dessen Haus morgen nach sechs Wochen zum ersten Mal wieder die Sonne sehen wird: «Auf diesen Tag freue ich mich. Da gehe ich dann schon hinaus, um zu schauen.» (Der Bund)

Erstellt: 07.01.2017, 09:07 Uhr

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