Darum sind im Kanton Bern die Prämien so hoch

Die Krankenkassenprämien steigen – schweizweit. Im Kanton Bern sind sie jedoch besonders hoch. Eine Regulierung ist aber schwierig.

Die Ärzte und Prämienzahler von morgen: Kinder auf Besuch im Berner Kinderspital. (Archiv)

Die Ärzte und Prämienzahler von morgen: Kinder auf Besuch im Berner Kinderspital. (Archiv) Bild: Manu Friederich

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

12'600 Franken. So viel bezahlt eine vierköpfige Stadtberner Familie zurzeit im Schnitt für die Grundversicherungen der Krankenkassen. Jedes Jahr. «Zu viel», finden die meisten. Nicht zuletzt, weil die Krankenkassenprämien ansteigen. Jahr für Jahr. Innert zehn Jahren wuchsen die Krankenkassenkosten schweizweit um über 25 Prozent. Und ein Ende des Kostenwachstums ist nicht in Sicht. Was führt zu dieser Kostensteigerung? «Es gibt eine Grundregel: Wenn der Wohlstand in einem Land steigt, dann steigen stets auch die Gesundheitskosten», sagt der Gesundheitsökonom Heinz Locher.

Der technische Fortschritt führt zu teuren Behandlungen mit teuren Geräten und immer teurer werdenden Medikamenten, erklärt Sandra Kobelt vom Krankenkassenverband Santésuisse. Ein Kostentreiber sei auch die Mengenausweitung in den Spitälern. Sprich, die Zunahme der Behandlungszahlen ist grösser, als dies durch äussere Faktoren zu erklären wäre. Auch die hohe Dichte an Spezialärzten sorgt für hohe Prämien.

Nicht begründen lässt sich mit diesen Erklärungen, weshalb die Höhe der Prämien je nach Kanton stark variiert. Ein Beispiel: Würde die vierköpfige Berner Familie in den kleinen Kanton Appenzell Innerrhoden zügeln, würden die Krankenkassenprämien das Haushaltsbudget nunmehr mit 9500 Franken belasten – im Kanton Basel-Stadt derweil aber gar mit über 16'000 Franken.

Teure Städte, teure Senioren

Nur in fünf Kantonen sind die Prämien höher als in Bern. Weshalb hier die Prämien so hoch sind, darüber entbrennt jeden Herbst eine Debatte. Dann werden jeweils die Prämien fürs Folgejahr bekannt gegeben. Es ist immer dieselbe Debatte. Die Kontrahenten: der Berner Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (SP) und Krankenkassenvertreter. Ihre Argumente: Der Kostenanstieg sei zu stark, weil die Krankenkassen zu viel Reserven äufneten, sagt Perrenoud. Perrenouds Spitalpolitik sei schuld, erwidern die Krankenkassen. Einen Sieger gibt es nicht. Die Prämien werden vom Bundesamt für Gesundheit festgelegt.

«Hausgemacht» seien die hohen Berner Prämien, sagt Gesundheitsökonom Locher. «Man bezahlt, was man nachfragt.» Zahlen die Bernerinnen und Berner schlicht mehr, weil sie sich öfter behandeln lassen? Grundsätzlich ja. Nur in sechs Kantonen zahlen die Versicherungen pro Prämienzahler einen höheren Betrag an Ärzte, Heime und Spitäler als im Kanton Bern. Doch weshalb lassen sich Berner öfter behandeln?

Nur in vier Kantonen leben anteilmässig mehr alte Menschen als in Bern. Senioren brauchen medizinische Leistungen im Schnitt häufiger und intensiver als junge. Die Folge: Bern weist im Heim- und Spitexbereich sehr hohe Kosten aus. Die Demografie dürfte auch Einfluss auf die Arzt- und Spitalkosten haben.

Studien zeigen, dass die Menschen in jenen Gebieten oft zum Arzt und ins Spital gehen, in denen es viele Ärzte und Spitäler gibt – oder umgekehrt. Und so sind die Kosten besonders in den urbanen Ballungszentren hoch – also etwa in Basel-Stadt. Im ländlichen Appenzellerland sind die Kosten folglich tief. Der Kanton Bern liegt auch von der geografischen Struktur irgendwo dazwischen: Aufgrund der ruralen Gebiete kommen einerseits mehr Einwohner auf einen Arzt als im Landesdurchschnitt. Die Ärztekosten sind denn auch relativ tief.

Stärker und negativ ins Gewicht fällt andererseits aber die hohe Spitaldichte – speziell im Grossraum Bern. Die Folge: Im Kanton Bern sind die über die Grundversicherung abgerechneten Spitalkosten bedeutend höher als in anderen Kantonen. Und sie steigen zumindest im ambulanten Bereich auch noch überdurchschnittlich stark an. Die Spitalkosten sind der grösste Block innerhalb der Grundversicherung. Der Kanton Bern müsse die Zahl der Spitäler verringern, fordern deshalb die Krankenkassen.

Kanton mit wenig Einfluss

«Grossartig Einfluss nehmen können wir nicht», sagt Annamaria Müller, Leiterin des kantonalen Spitalamts. Durch das vom Grossen Rat 2013 revidierte Spitalversorgungsgesetz habe sich der Kanton selbst in eine schlechte Position «reingeritten». Das neue Gesetz etablierte den freien Wettbewerb; die Tarife werden zwischen den Spitälern und den Versicherern festgelegt. Seit der Reform steigen die Kosten (der «Bund» berichtete). Obgleich er 55 Prozent der stationären Spitalkosten berappen muss, ist der Kanton – unfreiwillig – nur Beobachter. Der Regierungsrat sei diesbezüglich in einer «ausserordentlich schwachen Position», sagt Gesundheitsökonom Locher. Selbst Kobelt von Santésuisse verneint nicht, dass der Einfluss des Kantons gering ist.

Barbara Mühlheim sagt selbstkritisch, das neue Spitalgesetz habe dem Einfluss des Kantons die «Zähne gezogen». Als Kommissionspräsidentin war die GLP-Grossrätin an der Ausarbeitung des Gesetzes beteiligt. Unter den Spitälern habe sich seit der Liberalisierung eine Rosinenpickerei um lukrative Eingriffe entwickelt, bedauert sie. Wenn der Kanton Bern hier regulativ eingreifen will, brauchte es eine Gesetzesänderung. Der mit seiner Spitalpolitik als vorbildlich geltende Kanton Zürich spurt hier vor. Vor wenigen Tagen hat Zürich bekannt gegeben, im Spitalbereich zu sparen – wohl auch durch stärkere Regulierung. (Der Bund)

(Erstellt: 14.02.2016, 09:41 Uhr)

Zur Sache

«Ohne Verbilligung wäre es schlimmer»

Herr Roncoroni, Sie beraten Personen mit Schulden. Welchen Anteil haben die Krankenkassenprämien?
Beinahe jeder zweite, der unsere Schuldenberatungsstelle aufsucht, hat Schulden bei der Krankenkasse. Diese Zahl ist in den letzten Jahren stark gestiegen. 1995 waren es noch 17,5 Prozent. Doch nun folgen die Krankenkassen auf der Schuldenrangliste gleich nach den Steuern.

Die Verbilligungen vermögen die steigenden Prämien also nicht zu kompensieren?
Ohne Verbilligungen wäre die Situation noch schlimmer. Zu unseren Kunden gehören vornehmlich einkommensschwache Personen. Ohne die Prämienverbilligungen wäre bei den meisten an eine Sanierung der Schulden nicht zu denken.

Der Kanton spart aufgrund der schwierigen Finanzlage bei den Prämienverbilligungen. Spüren Sie das bereits bei den Beratungen?
Eine generelle Aussage zu machen, ist schwierig. In Einzelfällen ist die Veränderung für die Klienten aber heftig. Einem unserer Klienten etwa wurde im Zuge der Sparmassnahmen die ganze Verbilligung gestrichen. Er bezahlt nun für seine fünfköpfige Familie jährlich über 15'000 Franken für die Krankenkassenprämien. Das sind rund 20 Prozent vom Nettoeinkommen der Familie. Zuvor hat die Familie immerhin etwas mehr als 6000 Franken pro Jahr an Prämienverbilligungen erhalten. Die Familie muss nun pro Monat zusätzlich 500 Franken einsparen.

Was sind die Folgen?
An eine Sanierung der Schulden ist vorläufig nicht zu denken. Vielleicht muss sich die Familie an die Sozialhilfe wenden. Besserung ist erst in Sicht, wenn mindestens eines der Kinder auszieht.

Auf was muss diese Familie nun konkret verzichten?
Das Budget lässt sich mit Sicherheit nicht ins Gleichgewicht bringen. Wenn ein Auto da wäre, müsste die Familie darauf verzichten. Man wird schauen müssen, dass die wichtigsten Posten bezahlt werden, vor allem Miete und Krankenkasse. Es ist zu befürchten, dass die Steuern nicht mehr bedient werden können. Das Geld reicht nur noch für das Allernötigste.

Auch wenn es in Einzelfällen schwerwiegende Folgen hat: Der Kanton muss sparen. Die Ärmsten profitieren weiterhin von der Unterstützung.
Das mag stimmen. Bei den Prämienverbilligungen handelt es sich aber nicht um Almosen. Sie wurden eingeführt, um den unsozialen Charakter der Mehrwertsteuer auszugleichen. Da die Mehrwertsteuer dazu führt, dass Einkommensschwache im Verhältnis stärker als Gutverdienende belastet werden, wollte man einen Teil der Einnahmen wieder an die einkommensschwächere Bevölkerungsgruppe zurückführen.

Das heisst, Sie stellen sich gegen die geplanten Kürzungen?
Ich bin kein Politiker. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich sagen: Weg von den Kopfprämien, hin zu einkommensabhängigen Krankenkassenprämien.

Mario Roncoroni ist Geschäftsführer der Berner Schuldenberatung. (chl)

Artikel zum Thema

Die Krankenkassen-Vorlage verwirrt das Volk

Bei den Prämienverbilligungen werden den Stimmberechtigten zwei Varianten vorgelegt – das sorgt für Konfusion. Mehr...

Diese Geschichte ist noch lange nicht zu Ende

Kommentar Alles war verfassungskonform. Und doch wirkte der Antrag von Adrian Haas wie eine Routinehandlung: noch rasch einen Eventualantrag formulieren, damit der politische Gegner keinen Volksvorschlag lancieren kann. Mehr...

Regierung will Prämienverbilligungen nicht an Bundesbeitrag koppeln

Der Berner Regierungsrat möchte die Verbilligung der Krankenkassenprämien nicht an die Bundesbeiträge koppeln und empfiehlt einen entsprechenden Vorstoss der EVP zur Ablehnung. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Outdoor Velofahren wird komplizierter
Geldblog Aufschub des AHV-Bezugs lohnt sich

Die Welt in Bildern

Alles unter Kontrolle: Am Theater in der indischen Stadt Bengaluru justieren die Beleuchter die Scheinwerfer. (31. August 2016)
(Bild: Abhishek N. Chinnappa) Mehr...