«Die Freiwilligen werden oft als Störfaktor empfunden»

Dass sich die Leute nicht allzu stark um Asylsuchende kümmern, ist in der Schweiz politisch gewollt, sagt Migrationsforscher Gianni D’Amato

Ein Rückgang von freiwilligen Helfern im Asylbereich sei unter anderem auch Politischen Ursprungs. (Hier: Notasylunterkunft in Gümligen)

Ein Rückgang von freiwilligen Helfern im Asylbereich sei unter anderem auch Politischen Ursprungs. (Hier: Notasylunterkunft in Gümligen) Bild: Franziska Rothenbühler

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In der Schweiz ist in den letzten zwanzig Jahren das freiwillige, zivilgesellschaftliche Engagement zugunsten Asylsuchender stark zurückgegangen: Das ist eine der Kernaussagen der jüngsten Studie des an der Universität Neuenburg angesiedelten Schweizerischen Forums für Migrations- und Bevölkerungsstudien (SFM).

Laut SFM-Direktor und Migrationsforscher Gianni D’Amato liegt einer der Gründe dafür in der Balkankrise der 1990er-Jahre. Damals lag die Zahl der Schutzsuchenden weit höher als heute, «und die Asylstrukturen mussten professionalisiert werden, um den grossen Ansturm überhaupt bewältigen zu können».

Distanz schafft diffuse Ängste

Der Trend hin zur Professionalisierung des Asylwesens – «einige sprechen negativ konnotiert vom Aufbau einer ‹Asylindustrie›» – sei aber letztlich auch «politisch gewollt», sagt D’Amato. Man strebe raschere Verfahren und klare Entscheide an, was mitunter zu einer Distanzierung führe: «Die Bürgerinnen und Bürger haben dadurch weniger direkten Kontakt mit Asylsuchenden, weniger Einblick, weniger Verständnis, tendenziell aber ein diffuses Gefühl der Angst.»

Das bedeute nicht, dass kein Engagement mehr auszumachen sei: «Aber heute fokussieren sich zivilgesellschaftliche Organisationen oft sehr stark auf die ihrer Meinung nach ‹ungerechten Fälle› von Bedürftigen, mitunter abgewiesenen Asylsuchenden, die zurückgeschafft werden.» Das Engagement von professionellen Akteuren und zivilgesellschaftlichen Basisorganisationen erscheine dadurch «asymmetrisch».

Dadurch entstehe aber noch mehr Distanz zwischen den Freiwilligen und den Behörden: «Die Freiwilligen werden oft als Störfaktor empfunden.» Zahlreiche Gemeinden wünschten sich in der Folge gar kein besonders ausgeprägtes Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürgern: «Wo man sich kennt, setzt man sich füreinander ein. In einer Gemeinde, in der sich die Bevölkerung stark für Asylsuchende einsetzt, wird es also schwieriger, diese unter Umständen zurückzuschicken.»

Die Distanz zwischen Zivilgesellschaft und Flüchtlingen wachse aber auch aus anderen Gründen. So lasse die geltende Asylgesetzgebung Privaten nur einen kleinen Spielraum. Man sei recht rasch dem Vorwurf ausgesetzt, zivilen Ungehorsam auszuüben. Und kirchliche Kreise beklagten, es sei zunehmend schwierig, sich direkt in Flüchtlingsunterkünften zu engagieren: «Sie erfahren vielfach Ablehnung.»

Das sei zum einen ebenfalls eine Folge der «Professionalisierung», zum anderen aber auch eine Folge des letztlich «politisch gewollten Aufschiebens der Integration», urteilt D’Amato: «Hinter der Verwaltung steht die Politik, die auf die Rückführbarkeit von Asylsuchenden pocht und deshalb gar keine frühe Integration wünscht, – dies obwohl gegenwärtig 70 Prozent der schutzsuchenden Menschen im Land bleiben können.»

Aufgeschobene Integration

Niemand streite ab, dass die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Integration jener, die bleiben können, äusserst wichtig sei, sagt Migrationsforscher D’Amato – und er zitiert Bundesrätin Simonetta Sommaruga: «Wir können uns ein Abseitsstehen der Zivilgesellschaft nicht leisten.» Allerdings, sagt D’Amato, stecke man im Dilemma.

Die Zivilgesellschaft habe bei der Integration von Flüchtlingen eine ganz wesentliche Rolle. Gleichzeitig werde der Beginn der Integration möglichst lange aufgeschoben. Für die Flüchtlinge werde dadurch der Weg noch länger und schwieriger, und für die Zivilgesellschaft werde es anspruchsvoller, ihre unabdingbare Brückenbauerrolle zu spielen.

Ein stärkeres und mit den Behörden gut koordiniertes Engagement der Zivilgesellschaft im Asylwesen erscheine ihm durchaus als hilfreich und sinnvoll, «um Akzeptanz und Kenntnis zu generieren», sagt D’Amato: «Allerdings müssten die Helferinnen und Helfern dabei auch akzeptieren, dass etliche Asylsuchende trotz eingeleiteter Integrationsbemühungen zurückkehren werden, weil sie zurückkehren müssen.» (Der Bund)

Erstellt: 30.12.2015, 06:39 Uhr

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