Der Wert der Frau

Staatliche Eingriffe für mehr Lohngleichheit sind unnötig, finden Grossunternehmen mit Sitz in Bern. Nach wie vor verdienen Frauen aber deutlich weniger als Männer.

In Berufen mit hohem Frauenanteil sind die Löhne oftmals besonders tief.

In Berufen mit hohem Frauenanteil sind die Löhne oftmals besonders tief. Bild: Matthias Jurt

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In Sachen Lohngleichheit zwischen Männer und Frauen bestehe in ihrem Unternehmen «kein Handlungsbedarf», schreibt Atupri auf Anfrage. «Wir sind bemüht, in der Entlöhnung unabhängig von Geschlecht und Beschäftigungsgrad Gleichbehandlung zu erreichen.» Mit dieser Haltung ist der Krankenversicherer nicht allein, wie eine Umfrage des «Bund» bei 15 Grossunternehmen mit Sitz in Bern zeigt. «Handlungsbedarf» ortet keines der befragten Unternehmen. Alle sind sich sicher, Frauen lohnmässig gleichzubehandeln.

Trotz den Beteuerungen: Nach wie vor verdienen Frauen weniger als Männer. Im privaten Sektor betrug die Differenz 2014 rund 15 Prozent, wie das Bundesamt für Statistik berechnet hat. Das sind zwar 4 Prozentpunkte weniger als 2012, dies wird aber durch eine Änderung der statistischen Methode – und nicht der Lohnpraxen – erklärt. Die aktuellsten Zahlen für den Kanton Bern stammen aus dem Jahr 2010. Eine Bernerin verdiente damals im privaten Sektor durchschnittlich 1100 Franken weniger als ein Berner – pro Monat.

60 Prozent des effektiven Unterschieds lassen sich erklären: mit Ausbildung, Dienstalter, Position auf der Hierarchiestufe und Berufswahl. Rund 40 Prozent der Lohndifferenz gelten aber als durch objektive Gründe nicht erklärbar. Für Gleichstellungspolitiker ist klar: Dabei handelt es sich um Diskriminierung.

Verordnete Lohnanalysen

Die Krux an der Sache ist, dass die Unternehmen den Frauen nicht bewusst weniger Lohn bezahlen. Das zeigt etwa das Beispiel der Bedag Informatik AG, die im Besitz des Kantons Bern ist. «Wir waren überzeugt, dass bei uns die Frauen lohnmässig nicht schlechter gestellt sind», sagt Peter Schmutz, CEO der Bedag, auf Anfrage. Eine Lohnanalyse ergab das Gegenteil. Bedag-Mitarbeiterinnen verdienten für gleichwertige Arbeit im Schnitt 7,3 Prozent weniger. «Wir haben sofort gehandelt und 20 unserer damals 80 Mitarbeiterinnen den Lohn erhöht», sagt Schmutz. Seither führt die Bedag jedes Jahr eine Lohnanalyse durch und gilt betreffend der Geschlechtergerechtigkeit als Vorreiterin.

Da setzt die Revision des Gleichstellungsgesetzes des Bundes an. Sie sieht vor, dass Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern alle vier Jahre eine Lohnanalyse durchführen müssen, um allfällige Diskriminierungen zu erkennen. Merken die Unternehmen, dass sie Frauen lohnmässig benachteiligen, handeln sie freiwillig, so die Idee. Anfang März endete die Vernehmlassung. Mit durchzogenem Ergebnis: Bürgerliche Parteien und Wirtschaftsverbände sprachen sich mehrheitlich gegen die bundesrätlichen Pläne aus.

Bedag: «Freiwilligkeit hat versagt»

Wie die «Bund»-Umfrage ergab, haben einzelne Grossunternehmen mit Sitz in Bern bereits freiwillig Lohnanalysen mit dem im Gleichstellungsgesetz vorgesehenen Analysetool Logib durchgeführt (siehe Kasten rechts). Die Bestrebungen des Bundes, solche Analysen obligatorisch zu machen, lehnen aber auch sie grossmehrheitlich ab. Das liege in der «unternehmerischen Verantwortung», schreibt der Krankenversicherer KPT, der aktuell gerade eine Analyse durchführt. Bei Globetrotter möchte man zwar die Bedeutung der Lohngleichstellung «nicht verharmlosen», wie CEO Dany Gehrig schreibt. «Ich denke aber, dass wir aktuell in der Schweiz andere Probleme haben.» Beim Technologiekonzern Feintool wiederum ist man der Überzeugung, dass sich ein Eingreifen des Staates erübrige, weil jede Firma ein «ureigenes Interesse» habe, Lohnungleichheiten zu verhindern. «Um langfristig erfolgreich zu bleiben, wird jede Firma diese Analysen durchführen.»

Anderer Meinung ist Schmutz von der Bedag. «Die Freiwilligkeit hat versagt», sagt Schmutz. Schliesslich stehe die Lohngleichheit schon seit gut 30 Jahren in der Verfassung. Passiert sei in dieser Zeit wenig. Jedes Unternehmen, das die Löhne nicht «fein säuberlich» analysiere, habe wohl noch immer gravierende Lohnunterschiede. «Bei solch fundamentalen Fragen wie der Lohngleichheit braucht es deshalb ein Durchgreifen des Staates.» (Der Bund)

Erstellt: 21.03.2016, 07:46 Uhr

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Umfrage zu Lohnanalysen

Der «Bund» hat 15 Grossunternehmen mit Sitz in Bern schriftlich zum Thema Lohngleichheit befragt. Aus den Antworten geht hervor, dass die Swisscom, die Post und Feintool bereits Lohnanalysen mit dem Tool Logib durchgeführt haben. Ypsomed versprach, bald eine entsprechende Analyse durchzuführen, bei KPT findet zurzeit eine Analyse statt. Eine Analyse mit einem andern Tool hat Galenica durchgeführt. Die Berner Kantonalbank und Valiant gaben an, die Saläre mit externen Partnern zu analysieren.

Atupri, die Loeb-Gruppe sowie Globetrotter haben bisher auf Analysen verzichtet. Losinger Marrazzi, Skywork und die SBB beantworteten die Fragen nicht. Swatch beschränkte sich auf folgende Stellungnahme: «In der Swatch Group sind die verschiedenen Berufe in ungefähr 100 Funktionen und circa 15 Lohnklassen organisiert, unabhängig von Nationalität, Religion oder Geschlecht der Mitarbeitenden. Das Kriterium ist, die richtige Person für die richtige Stelle zu finden.»

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