Der gradlinige Gegenexperte

Mit Gutachten und vor Gericht kämpfte Jürg Aerni dreissig Jahre lang für die Abschaltung des AKW Mühleberg. Er starb am Montag im Alter von 66 Jahren.

Jürg Aerni kämpfte dreissig Jahre lang für die Abschaltung des AKW Mühleberg. Er starb am Montag im Alter von 66 Jahren. (Auf dem Bild rechts)

Jürg Aerni kämpfte dreissig Jahre lang für die Abschaltung des AKW Mühleberg. Er starb am Montag im Alter von 66 Jahren. (Auf dem Bild rechts) Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Die definitive Abschaltung des Atomkraftwerks Mühleberg wird Jürg Aerni nicht mehr erleben. Er starb am Montag im Inselspital an der schweren Krankheit, an der er seit längerem litt. Dass die BKW 2013 beschlossen hatte, ihr AKW 2019 stillzulegen, war zumindest ein Stück weit auch sein Erfolg, obschon die BKW dies wirtschaftlich begründete.

Gefreut hat ihn der Entscheid allerdings keineswegs. Für Aerni war es im Gegenteil skandalös, dass die BKW das AKW noch bis Ende 2019 ohne die umfassende Sicherheitsnachrüstung betreiben darf, welche die Atomaufsicht Ensi ursprünglich für 2017 angeordnet hatte. Ohnehin ging es dem Wahlberner – er wuchs in Solothurn auf – nie nur um den Reaktor vor der eigenen Haustüre, sondern um die Abschaltung aller AKW.

Aerni, der diplomierte Physiker, befasste sich schon während seines Studiums in Bern mit AKW – nicht nur im Rahmen der Vorlesungen. Er machte sich die Sache schon damals nicht leicht, veranstaltete Podien mit Pro- und Kontra-Referenten, bevor er sich dagegen festlegte. In den bewegten Siebzigerjahren blieb der Kampf gegen AKW für Aerni, der «immer schon eher links unterwegs war», wie er sich gegenüber dem «Beobachter» ausdrückte, ein politisches Thema unter vielen. Das änderte sich, als 1986 der Reaktor im fernen Tschernobyl explodierte – und die Strahlenwolke sich über weite Teile Europas legte. Mit vielen anderen gründete er die Aktion Mühleberg stilllegen. Der Name war Programm: Es ging nicht mehr bloss um die Verhinderung neuer AKW, sondern um die Abschaltung der laufenden – Mühleberg sollte den Anfang machen.

Technisch versierter AKW-Gegner

In der bunten Truppe der oft lauten Aktivisten und Aktivistinnen war Aerni ein ruhiger, oft fast stiller Mitstreiter. Obwohl er einer Lehrerfamilie entstammte, trat Aerni nur ungern vor Publikum auf, musste dabei stets mit seiner Schüchternheit kämpfen, die ihm lästig war. Dafür brachte er etwas mit, das in der Anti-AKW-Bewegung selten war: Er war geradezu fasziniert von Naturwissenschaft und Physik – und nutzte dies, um die AKW-Betreiber und das Ensi auf ihrem eigenen Feld der technischen Expertise herauszufordern.

Im Automationsspezialisten Jürg Joss, der auch in AKW gearbeitet hatte, fand er einen Mitstreiter und Freund. «Wir ergänzten uns ideal», sagt Joss. «Er war ein sehr guter Theoretiker, ich komme aus der Praxis.» Im Internet recherchierten sie, welche Probleme weltweit in AKW auftraten, und glichen dies mit den Schweizer Werken ab, oft nächtelang. Sie erkämpften sich, nicht selten vor Gericht, die Offenlegung von Sicherheitsdokumenten. «Unser Ziel war immer, die technischen Sachen des Ensi an die Öffentlichkeit zu reissen, damit sie nicht hinter verschlossenen Türen machen können, was sie wollen», sagte Aerni 2013 gegenüber Radio SRF.

Ihr grösster Erfolg war, als das Bundesverwaltungsgericht ihnen im März 2012 recht gab und befand, dass Mühleberg zu viele Sicherheitsdefizite aufweise und deshalb 2013 vom Netz müsse. Doch das Bundesgericht kassierte den Entscheid. Aerni, der schon viele Hochs und Tiefs der Anti-AKW-Bewegung miterlebt hatte, kämpfte weiter. Doch ebenso wichtig war ihm stets auch anderes: moderne klassische Musik, Städtereisen oder gutes Essen etwa – und vor allem die Pflege von Freundschaften im kleinen Kreis. (Der Bund)

Erstellt: 16.02.2017, 06:57 Uhr

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