Bauern im Kampf gegen das Gift

In der Schweiz ist der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft noch immer hoch. Zwei Berner Bauern geben Einblick in ihren Arbeitsalltag – mit und ohne Pestizide.

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Das Wort «Pestizide» hört Paul Hofer nicht gern. «Das hat schliesslich nichts mit Pest zu tun», sagt der Bauer und ehemalige Gemeinderat aus dem Weiler Ballmoos in der Gemeinde Jegenstorf. Hofer spricht lieber von «Pflanzenschutzmitteln», von «Hilfsstoffen» oder schlicht «Produkten».

Landwirte wie Hofer spritzen diese Pflanzenschutzmittel, Herbizide, Fungizide und Insektizide, um Unkraut und Schädlinge zu bekämpfen. Hofer macht das nicht gerne: «Jeder, der mit Pflanzenschutzmitteln arbeitet, ist sich der Problematik bewusst.»

Vom Bund seien aber falsche Anreize gesetzt worden, etwa bei der Direktsaat. Bei dieser Methode wird der Boden nur noch minimal mechanisch bearbeitet, um Bodenerosion zu vermeiden. Stattdessen wird gespritzt. Die Bauern seien heute generell mehr unter Druck, sagt Hofer. Oft gehe es schlicht um die Frage «was ist günstiger – ein Durchgang mit der Hacke oder der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln?»

Paul Hofer ist bei weitem nicht der Einzige, der auf die «Hilfsstoffe» angewiesen ist. Die meisten Bauern arbeiten heute nach dem Motto «Ertragssicherheit mit kleinem Aufwand». Sie stehen unter dem wirtschaftlichen und auch politischen Druck, genug Lebensmittel in guter Qualität zu einem günstigen Preis zu liefern.

Folgen für die Umwelt

Allerdings stellen die Pestizide aus ökologischer Sicht grosse Probleme dar. Dies zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie des Bundesamts für Umwelt (Bafu). Die Expertise warnt vor «anhaltend hoher Pestizidbelastung in kleinen Bächen». Über 128 verschiedene Wirkstoffe aus Acker-, Gemüse-, Obst- und Rebbau wurden nachgewiesen, wobei das Vorgehen bei der Studie umstritten ist.

Für Stephan Müller, Leiter Abteilung Wasser beim Bafu, ist die Belastung der Gewässer Tatsache: «Durch die Pestizide, die ins Wasser geraten, sterben Kleinstlebewesen und Pflanzen. Die Biodiversität wird so gefährdet.»

«Das hat schliesslichnichts mit Pest zu tun.»Paul Hofer, Bauer aus Jegenstorf

Der Kanton ist sich der Problematik bewusst und ist deshalb aktiv geworden. «Die Landwirte müssen zuerst Alternativen zum Pflanzenschutzmittel kennen lernen, damit der Ertrag nicht zurückgeht», sagt dazu Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP), der sich im Kanton Bern an oberster Stelle mit dem Problem befasst.

Zusammen mit dem Berner Bauernverband und dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) hat das Berner Amt für Landwirtschaft und Natur deshalb 2016 das Pflanzenschutzprojekt in die Wege geleitet. Bisher nimmt nur ein Fünftel der 11'000 Berner Landwirte daran teil. «Nicht alle Betriebe können die gleichen wirtschaftlichen Risiken eingehen», sagt dazu Christoph Ammann.

Ziel des Programms sei es, die Pestizidbelastung der Gewässer zu verringern, auf sogenannte Totalherbizide zu verzichten und den Einsatz von alternativen Schutzmethoden zu fördern. «Das Projekt soll aufzeigen, in welcher Zeit und in welchem Umfang dies realistisch ist», sagt Ammann.

Dass die Bauern nach Abschluss des sechsjährigen Projekts ganz auf Pestizide verzichten können, glaubt Regierungsrat Ammann nicht: «Pflanzenschutz – egal in welcher Form – wird es immer brauchen.»

Schneller als der Kanton Bern möchte die Organisation Vision Landwirtschaft vorwärtsmachen. Die Denkwerkstatt von unabhängigen Agrarfachleuten möchte den Pestizidverbrauch stärker eingrenzen: Aus Sicht der Organisation könnte der Verbrauch kurzfristig massiv verringert, langfristig sogar ganz auf die schädlichen Stoffe verzichtet werden.

Den «Blacken» an den Kragen

Bedingung sei jedoch ein konsequenter Vollzug der Agrarpolitik, sagt Andreas Bosshard, Geschäftsführer von Vision Landwirtschaft: «Würden die ökologischen Vorgaben des Bundes tatsächlich vollzogen, könnte der Pestizidverbrauch um mehr als 20 Prozent reduziert werden», sagt er.

Das Problem seien vorab die ungenügende Überprüfung des ökologischen Leistungsnachweises und mangelhafte Weisungen des Bundes, findet er. Eine grosse Mehrheit der Schweizer Bauern erhalten für den ökologischen Leistungsnachweis Direktzahlungen vom Bund.

«Dieser Ansatz könnte den Weg in die Biolandwirtschaft ebnen.»Urs Siegenthaler, Bauer aus Münsingen

Bereits heute keine Option ist der Einsatz von Pestiziden auf dem Biohof in Schwand bei Münsingen: Bauer Urs Siegenthaler stapft durch das taunasse Gras, den Blick suchend nach unten gerichtet. Seine geübten Augen werden schnell fündig, und er sticht mit dem Spaten in die Erde.

Triumphierend hält er eine Ampfer in die Höhe, umgangssprachlich «Blacke» genannt: ein Unkraut und harter Gegner der Landwirte. «Man muss die obersten zehn Zentimeter der Pflanze erwischen, um sie auszumerzen, sonst kann sie neu keimen», erklärt Siegenthaler. Jede freie Minute muss er das Unkraut von Hand ausstechen – «oder halt mit dem Platzräuber» leben.

In einem konventionellen Betrieb wird die Ampfer dagegen mit der Rückenspritze bekämpft. «Dabei muss man sich zwar nicht bücken, aber die Pflanze wird nur oberflächlich bekämpft», sagt er. Durch das Pestizid werden nämlich nur die oberen Blätter abgetötet, die Wurzel bleibt intakt und das Unkraut breitet sich weiter aus.

Gefragt ist der Konsument

Für den Biobauern ist es ein guter Anfang, auf Totalherbizide zu verzichten. Diese wirkten wie Breitbandantibiotika und zerstörten neben schädlichem Unkraut auch ökologisch erwünschte Begleitflora wie etwa Mohn oder Kornblumen. «Dieser Ansatz könnte für einzelne Betriebe sogar den Weg in die Biolandwirtschaft ebnen», sagt Siegenthaler.

Kein Verständnis hat er deshalb für Landwirte, die am Projekt des Kantons nicht teilnehmen und «Angst haben, etwas Neues auszuprobieren»: Im Bioackerbau gehe es ja oft «ums Experimentieren» und darum, Risiken einzugehen, sagt Siegenthaler.

Allerdings: Eine der wichtigsten Rollen in der Pestizidthematik spielen laut Andreas Bosshard von Vision Landwirtschaft die Konsumenten: «Solange die Leute möglichst günstige Lebensmittel wollen, die aber eine hohe Qualität aufweisen, werden die Bauern nicht auf Pestizide verzichten können.» (Der Bund)

Erstellt: 18.04.2017, 06:53 Uhr

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Im Kanton Bern gibt es rund 11'000 landwirtschaftliche Betriebe, von denen sich 2600 Betriebe für die zahlreichen Massnahmen angemeldet haben. Knapp 1900 verpflichten sich, bei Mais, Rüben, Kartoffeln oder Sommergetreide auf Totalherbizide zu verzichten. Regierungsrat Christoph Ammann ist zufrieden mit der Zahl der Anmeldungen, die auch mit dem Budget übereinstimme.

In den Folgejahren des Projekts erwartet Ammann eine Zunahme der Beteiligungen. Für die Projektkosten von 62,7 Millionen Franken kommt zum grössten Teil der Bund auf, 10,6
Millionen Franken trägt der Kanton. (crt)

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