«Aufgetischt»: Leukersonne gegen den Hochnebel

Zu Gast im Gasthof Bären in Gerzensee, wo der Stil eher an eine Pariser Brasserie erinnert, als an einen Gürbetaler Landgasthof.

Der Landgasthof Bären in Gerzensee macht von aussen einen gediegenen Eindruck.

Der Landgasthof Bären in Gerzensee macht von aussen einen gediegenen Eindruck. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor 60 Jahren dominierte der Gasthof Bären das Ortsbild von Gerzensee. Ein mächtiger Holzbau war es – mit Hotel, Trinkhalle und Turm. Heute sieht das anders aus. Fast wären wir daran vorbeigefahren. Im letzten Moment sehen wir den schwarzen Bären über der Türe des 1971 errichteten Neubaus. Adrett sieht es trotzdem aus, das weisse Haus mit den roten Riegeln, das der Unternehmer Jobst Wagner vor wenigen Jahren der Nationalbank abgekauft hat. Dem Präsidenten der Rehau-Gruppe ist es zu verdanken, dass das Haus an der Dorfstrasse heute noch ein Gasthof ist.

Ein urchiger Gasthof, dies ist der erste Eindruck. Im Eingangsbereich steht der runde Stammtisch. Er ist an diesem Mittag gut besucht. Die Herrenrunde beäugt die Neuankömmlinge kritisch und grüsst höflich. Im Restaurant dagegen sind die meisten Tische leer. Wir haben die Qual der Wahl. Nur am grossen, runden Tisch dürften wir nicht sitzen, erklärt uns die Chef de Service, dort sei für die Lehrer reserviert. Wir setzen uns an einen Tisch am Fenster. Die Aussicht, für welche die «Berner Riviera» bekannt ist, müssen wir uns heute vorstellen. Zäher Hochnebel versperrt die Sicht auf Berner Alpen und Stockhornkette. Und so richten wir unseren Blick unverzüglich auf die Speisekarte statt auf verschneite Gipfel.

Viel Gluschtiges finden wir da. Das Angebot ist klassisch, aber eher im Stil einer Pariser Brasserie als eines Gürbetaler Landgasthofs: Schweinefilet im Prosciutto-Mantel auf Apfel-Chutney, Chateaubriand, Rindstatar, Cordon bleu. Grossen Wert legt der Wirt Michel Brossard – er und sein Team sind während des ganzen Aufenthalts gute Gastgeber – auf regionale Zutaten. So stammt der Fisch aus der Fischzucht Rubigenhof oder aus Berner Seen, das Rindsfleisch aus Münsingen und das Schweinefilet aus Wichtrach.

Die Begleiterinnen entscheiden sich für die Mittagsmenüs – Rinderbraten mit Kartoffelstock und Gemüse (Fr. 17.50) und hausgemachte Nudeln an Bärlauchsauce (Fr. 24.50), dazu gibt es Suppe oder Salat. Der Testesser gönnt sich den Business Lunch (Fr. 45.–) bestehend aus Nüsslersalat mit Ei an Bärlauch-Dressing, Perlhuhnbrust mit Risotto und Gemüse und der Dessertvariation. Der Bärlauch im cremigen Dressing hält sich nobel zurück und lässt dem Nüssler geschmacklich den Vortritt. Gleichzeitig gibt er dem Salat mit seiner feinen Schärfe eine rassige Note. Das Ei entpuppt sich als Wachtelei. Wie es schmeckt, kann der Testesser nicht beurteilen, denn die Nachwuchsgourmets stürzen sich auf das putzige Ei und verputzen es restlos. Das Perlhuhn ist aussen knusprig und innen zart.

Der Pinot noir der Winzerei Leukersonne ist ein fruchtiger, eleganter Begleiter. Dazu gibt es ein bissfest gekochtes Safranrisotto. Den Biss vermissen lässt dagegen das Gemüse. Schade. Das passt nicht zum ansonsten sehr hohen Niveau der Küche. Zum Nachtisch gibt es ein verlockendes Potpourri aus süssen Kleinigkeiten. Herausragend schmeckt die Crème brûlée. Leider finden das auch die Kleinen, die dem Testesser jeden Löffel streitig machen und im Anschluss über das Mangoparfait herfallen. Das erste «Schnouse» vom weissen Sorbet kommentieren die Junior-Testesser dann aber mit: «Das schmöckt nach nüt.»

Tatsächlich findet auch der Senior, dass der Koch hier den Ausdruck Wasserglace etwas zu wörtlich umgesetzt hat. Zum Glück hat sich der Senior die Rotweinzwetschgen aufgespart – ein fruchtiger Abschluss mit dezenten Gewürzen. Nach dem Mittagessen stellen sich dem Testesser eigentlich nur zwei Fragen: Wann schauen wir einmal am Abend hier vorbei? Und wann bekommt der Bären Gerzensee seine «Gault Millau»-Punkte zurück, die er im Jahr 2010 nach dem Wirtewechsel verloren hat? (Der Bund)

Erstellt: 13.03.2017, 07:20 Uhr

Artikel zum Thema

«Aufgetischt»: Funky Burger für Johnny Depp

Das Soul Food Beizli in Bern lässt bei den Freunden des gepflegten Junkfoods die Herzen höherschlagen. Mehr...

«Aufgetischt»: Sehen und gesehen werden im Herzen von Bern

Im Restaurant Leichtsinn ist Mittwochs jeweils Burgertag. Mehr...

Aufgetischt: Einsam auf dem Schlossberg

Das Restaurant auf dem Schlossberg scheint von den Thunern noch nicht entdeckt worden sein. Mehr...

Die Rechnung, bitte

Karte: Klassisch und saisonal: Tatar vom Rindsfilet, Perlhuhn auf Rahmsauerkraut, Wienerschnitzel.

Preise: Gehoben: Eine Vorspeise kostet zwischen Fr. 9.50 und 19.50. Für einen Hauptgang bezahlt man zwischen Fr. 34.50 und 45.40. Der süsse Abschluss schlägt mit bis zu Fr. 16.50 zu Buche. Mit Fr. 17.50 äusserst günstig ist das Mittagsmenü.

Kundschaft: Rar: Am Mittag ist nur der Stammtisch gut besucht. Im Restaurant dagegen bleiben viele Tische leer.
Öffnungszeiten: Montag, Dienstag, Freitag und Samstag 9 bis 23.30 Uhr, Sonntag 10 bis 22 Uhr, Mittwoch und Donnerstag geschlossen.

Adresse: Gasthof Bären, Dorfstrasse 9,
3115 Gerzensee, Telefon 031 781 14 21,
info@baeren-gerzensee.ch;
www.baeren-gerzensee.ch.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Loswerden

Von Kopf bis Fuss Machen Ferien krank?

Die Welt in Bildern

Infiltriert: Mitten in einem Weizenfeld im Südwesten Russlands streckt eine Sonnenblume ihren Kopf heraus. (19. Juli 2017)
(Bild: Eduard Korniyenko) Mehr...