Abteilung 6 ist für Muslime reserviert

Im ganzen Kanton Bern sollen «islamkonforme» Bestattungen möglich werden. In Biel existiert schon ein muslimisches Grabfeld – genutzt wird es allerdings selten.

Friedhofsleiter Sacha Felber beim muslimischen Grabfeld auf dem Bieler Friedhof Madretsch.

Friedhofsleiter Sacha Felber beim muslimischen Grabfeld auf dem Bieler Friedhof Madretsch. Bild: Manu Friederich

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Das muslimische Grabfeld liegt etwas verloren im hintersten Teil des grossen Bieler Friedhofs Madretsch, gleich gegenüber der jüdischen Abteilung. Die 25 Gräber sind in zwei Reihen angeordnet und auffallend schlicht gestaltet. Auf einem wächst ein Olivenbäumchen, ein anderes schmücken ein paar künstliche Tulpen. Statt auf Grabsteinen stehen die Namen der Verstorbenen auf einfachen Holztafeln. Die meisten sind Kinder- oder Säuglingsgräber, auf den Erwachsenengräbern stehen mehrheitlich schweizerische Nachnamen.

Neben Biel gibt es noch in Bern, Köniz und Thun ein spezielles Grabfeld für Muslime. Die Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion möchte nun jedoch, dass «islamkonforme» Bestattungen flächendeckend angeboten werden. Anfang Woche hat sie dazu Empfehlungen an die Gemeinden herausgegeben. Darin wird beschrieben, was ermöglicht werden soll (zum Beispiel die Ausrichtung nach Mekka) und wo die Grenzen liegen (ewige Grabesruhe). Vorschreiben kann der Kanton den Gemeinden allerdings nichts.

In Biel können sich Muslime seit April 2011 «islamkonform» bestatten lassen. Die Gräber sind so ausgerichtet, dass die Toten auf der Seite liegend in Richtung Mekka blicken. Die Erde ist «jungfräulich», es sind hier also nicht bereits früher Menschen beerdigt worden. Die Abteilung 6 ist durch eine niedrige Hecke abgetrennt und bietet Platz für 400 Gräber. Die Bestattungen werden so vorbereitet, dass die Angehörigen das Grab selber zuschaufeln können, und der Friedhof stellt sogar einen Raum für die rituellen Waschungen zur Verfügung.

Die Toten werden hier jedoch ebenfalls vorschriftsgemäss in Särgen und nicht nur in weisse Tücher gehüllt beerdigt. «Diesem Kompromiss haben die Muslime zugestimmt», erinnert sich Friedhofsleiter Sacha Felber. Auch die ewige Grabesruhe, wie sie der Islam vorsieht, ist den Muslimen nicht garantiert. Gemäss Friedhofsreglement werden die Gräber ebenfalls nach 25 Jahren aufgehoben. «Solange es genügend Platz hat, ist dies aber nicht nötig», sagt Felber.

Bestattungstourismus vermeiden

Seit der Eröffnung des Grabfelds wurden hier durchschnittlich fünf Personen pro Jahr bestattet – wenig angesichts des grossen Einzugsgebiets. Neben den 5000 Bieler Muslimen haben auch Einwohner der übrigen 18 Gemeinden des Verwaltungskreises gegen eine Gebühr Anrecht, hier bestattet zu werden. «Wir bekommen immer wieder Anfragen von Familien ausserhalb unseres Einzugsgebiets», sagt Felber, diese müsse man jedoch ablehnen, um einen «Bestattungstourismus» zu vermeiden.

Nach wie vor lassen die meisten Muslime ihre Angehörigen in ihrer alten Heimat beerdigen. «Die älteren Generationen sind ihrem Land noch sehr verbunden», sagt Tuncay Kaptan. Seine Eltern stammen aus der Türkei, er selber ist hier geboren und nimmt seit Jahren am Runden Tisch der Religionen in Biel teil. Die meisten Familien hätten eine Art Versicherung, die sich um die Rückführung der Toten kümmere. Kaptan macht auch die muslimische Tradition, dass Angehörige beim Friedhofsbesuch für alle Verstorbenen beten, dafür verantwortlich, dass die meisten auf einem muslimischen Friedhof beerdigt sein wollen. «Auf einem hiesigen Friedhof können die Toten viel weniger von diesen Gebeten profitieren», so Kaptan.

Das Grabfeld auf dem Bieler Friedhof hält er dennoch für sehr wichtig. Gerade wenn jemand ein Kind verliere, wolle er das Grab in der Nähe haben. Kaptan glaubt, dass sich je länger, je mehr Muslime hier bestatten lassen werden. «Ich fühle mich in der Schweiz mehr zu Hause als in der Türkei und möchte vielleicht auch einmal hier bei meinen Kindern beerdigt werden», sagt der Secondo.

Gräber für Konvertiten

Wie die Namen auf den muslimischen Gräbern zeigen, gibt es aber noch einen weiteren Grund für ein spezielles Grabfeld: Immer mehr Einheimische gehören dem Islam an. Daniel Morgenegg ist vor vielen Jahren selber konvertiert und gehörte zu den treibenden Kräften für ein muslimisches Grabfeld. Er lobt die Bieler Lösung und sagt: «Es ist ein sehr grosses Bedürfnis, dass Muslime nach ihren religiösen Traditionen beerdigt werden können.»

Laut Friedhofsleiter Felber hat es seit der Eröffnung des Grabfelds nie Probleme gegeben. Wegen der generell sinkenden Zahl an Erdbestattungen werde nicht mehr als eine pro Tag durchgeführt. Trauergesellschaften verschiedener Glaubensrichtungen können einander so nicht in die Quere kommen. Was passieren wird, wenn die muslimischen Gräber tatsächlich irgendwann aufgehoben werden müssen, daran denkt heute noch niemand. Vorerst sucht man den pragmatischen Weg: Sollte das Bieler Grabfeld tatsächlich einmal voll sein, so könnten zwischen den alten Gräbern noch neue angelegt werden. Die Totenruhe bleibt somit zumindest für eine sehr, sehr lange Zeit ungestört. (Der Bund)

Erstellt: 11.02.2016, 06:47 Uhr

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