Bern
Wieder einsteigen nach 16 Jahren
Personalmangel in der Pflege
Pro Jahr werden in der Schweiz 5000 Pflegefachleute zu wenig ausgebildet. Im Kanton Bern fehlen jährlich 1672 neue Pflegefachleute. Deswegen wird vielerorts auf Personal aus dem Ausland zurückgegriffen. Die Folge: Gut ausgebildetes Personal emigriert aus Ländern wie den Philippinen, wo zu wenig ausgebildete Fachleute übrig bleiben. Der Mangel wird also nicht behoben, sondern auf ärmere Länder abgeschoben. Diese Praxis, Personal aus dem Ausland zu «importieren», verurteilt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ebenso wie das Schweizer Netzwerk für Entwicklungszusammenarbeit «Medicus Mundi» und der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer (SBK). Eine Alternative zum Personalimport sind ehemalige Pflegefachfrauen, die wieder in den Beruf einsteigen wollen. «Wir verfügen über eigene Ressourcen, wir müssen sie nur aktivieren», sagt Karin Zech, Leiterin Bildung im SBK Sektion Bern. Hiefür führt der Verband seit 2010 Wiedereinsteigerkurse durch.
Wieder einsteigen – das tönt leicht. In den Bus steigt man ja schliesslich auch täglich «wieder» ein. Im Berufsleben ist das allerdings schwieriger: «In der Pflege hat sich im letzten Jahrzehnt so viel verändert», sagt Silvia Jaggi. «Das macht schon ein bisschen unsicher.» Sie ist eine von 14 Pflegefachfrauen, die diesen Monat den Kurs für Wiedereinsteiger des Schweizer Berufsverbandes für Pflegefachfrauen und -männer (SBK) besuchen. Am vergangenen Freitag fand der dritte von fünf Kurstagen in Bern statt. Der Kurs bereitet die Frauen auf ein Berufsumfeld vor, das sich zwischenzeitlich stark gewandelt hat.
Zwölf Jahre lang hatte die heute 51-jährige Silvia Jaggi als Kinderkrankenschwester gearbeitet, bevor sie 1996 ihren Job zugunsten der Familie aufgab. Nun, 16 Jahre später, will sie wieder etwas anderes, «als immer nur zu Hause sein». Sie will in ihren Beruf zurückkehren. Auf eine Bewerbung für eine Stelle bei der Kinderspitex sagte ihr der Arbeitgeber, sie müsse vorher noch einen Wiedereinstiegskurs absolvieren. «Da fiel mir ein, dass ich von solchen Kursen schon einmal gelesen hatte», sagt Jaggi.
Mehr Verantwortung als früher
Freitagnachmittag, drei Uhr: Die Luft im Unterrichtsraum des Alters- und Pflegeheims Spitalackerpark wird langsam stickig. Eigentlich wäre Pause. Aber die 14 Frauen und der eine Mann, die den Kurs belegt haben, wollen keine Pause. Zu vertieft sind sie in das Krankheitsdossier von «Frau Berger». An diesem Fallbeispiel müssen sie eine Pflegedokumentation verfassen – eine Aufgabe, die zur Zeit ihrer Ausbildung noch nicht existierte. Mit der Pflegedokumentation haben Pflegefachfrauen einen Kompetenzbereich bekommen, der über das reine Pflegen hinausreicht. Denn nun können Pflegerinnen selber Massnahmen für eine Patientin ergreifen oder diese dem Arzt vorschlagen. «Wir Pflegerinnen haben heute viel mehr Verantwortung als früher», sagt eine Schülerin in mittlerem Alter im Plenum, «das macht auch etwas Angst.» Zustimmendes Gemurmel im Raum – die Frauen stehen vor neuen Herausforderungen.
Kanton Bern ist Pionier
Auch Silvia Jaggi hat erst im Kurs gemerkt, wie viel Neues auf sie zukommt: «Heute wird viel mehr geschrieben als früher.» Als Pflegefachfrau sei sie heute quasi eine Stufe höher als damals. Administration sei Teil der Arbeit geworden. Der Kurs vermittle nicht nur, was sich in den 16 Jahren geändert habe, sondern auch, dass die Zeit als Hausfrau nicht «unnütz» sei. «Auch sie kann eine Bereicherung für die Bewerbungsmappe sein», sagt Jaggi. Eine Befähigung, die sie als Hausfrau zum Beispiel mitbringe, sei Flexibilität. «Als Mutter muss man sich täglich an Gegebenheiten anpassen, das kann auch für den Beruf nützlich sein.»
Die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern übernimmt die Kurskosten für Wiedereinsteigerinnen unter den Bedingungen, dass die Wiedereinsteigerinnen in Bern wohnen, seit drei Jahren nicht mehr in der Pflege tätig sind und zum Zeitpunkt der Anmeldung keine Anstellung haben. Der letzte Punkt ist zugleich derjenige, der den Kanton Bern zum Schweizer Pionier in Sachen Wiedereinstieg macht. Denn in anderen Kantonen werden Wiedereinsteigerinnen zwar finanziell unterstützt, aber nur, wenn sie schon berufstätig sind. Für Karin Zech, Leiterin Bildung im SBK Sektion Bern, macht das Berner Modell mehr Sinn. «Wir wollen ehemalige Pflegefachfrauen ermutigen, wieder einzusteigen», sagt Zech. Das «Jetzt will mich wohl eh niemand mehr»-Gefühl solle durchbrochen werden – gerade bei jenen, die noch nicht wieder in das veränderte Berufsleben zurückgekehrt seien.
Lösung für Personalmangel?
Die Kurse für Wiedereinsteigerinnen sind für Karin Zech eine Lösung, um den Personalmangel im Pflegebereich, der in der Schweiz herrscht, zu lindern (siehe Box obeln links). «Es kann doch nicht sein, dass die reiche Schweiz, die mehr Geld für Bildung zur Verfügung hat, ihr Personal aus ärmeren Ländern holt», sagt Karin Zech. Vor allem, da mit bereits ausgebildeten Pflegefachleuten Ressourcen vorhanden seien. Zweitens gäbe es gerade im Pflegebereich sensible Patienten: Demenzkranke Menschen zum Beispiel reagierten auf ausländische Pflegende, mit einer fremden Kultur und Sprache, oft sehr verunsichert. Wie gross das Potenzial der Wiedereinsteigerinnen ist, weiss Zech nicht. «Das ist eine Grauzone.» Die Kurse sind jedenfalls immer ausgebucht – manchmal schon Monate im Voraus. (Der Bund)
Erstellt: 27.03.2012, 16:04 Uhr
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